„Es geht nicht um grandiose Einstellungen“

Ein Interview mit Philip Scheffner über seinen experimentellen Dokumentarfilm Havarie, das Filmemachen als sozialen Prozess und das Bild als Begegnung auf Augenhöhe.


Johannes Bluth: Letztes Jahr warst du mit gleich zwei Filmen auf der Berlinale vertreten: And-Ek Ghes … und Havarie, einem dreiminütigen YouTube-Video von einem Flüchtlingsboot, das auf Spielfilmlänge gedehnt wird. Dieser Film läuft nun im Kino und wurde breit besprochen – ein Erfolg. Hat dich das überrascht?

Philip Scheffner

Philip Scheffner: Es hat mich gefreut. Zwei Filme auf der Berlinale, das ist irgendwie verrückt. Das haben wir nicht erwartet. Wenn so ein Film wie Havarie im Forum läuft, dann hat das eine Ausstrahlung auf sein Weiterleben. Viele von den Protagonisten waren da, aus beiden Filmen, Und es hat sich vermischt: Auf der Premierenparty von And-Ek Ghes … waren Leute von Havarie und umgekehrt. Es war eine ganz tolle Stimmung, ein zweiwöchiger Rausch. Auch die Menschen, die auf der Tonspur des Films zu hören sind, haben sich zum ersten Mal persönlich getroffen. Und sie haben sich gut verstanden, sind noch auf Facebook miteinander befreundet und schreiben sich – die Fortführung der Geschichte, über den Film hinaus. Ansonsten waren die Reaktionen auf Havarie sehr intensiv, auf And-Ek Ghes … weniger. Die Berlinale hatte sich das Stichwort Flüchtlingsthematik selbst gegeben, das fand ich schwierig. Havarie wurde dann rasch auch als Flüchtlingsfilm bezeichnet. Dagegen mussten wir uns wehren. Aber entgegen unseren Erwartungen haben sehr wenig Leute das Kino verlassen. Eine hochkonzentrierte Atmosphäre, man hätte Stecknadeln fallen gehört. Einige Leute haben sich gewundert, dass beide Filme aus derselben Ecke kommen. Das fand ich interessant – für uns sind beide untrennbar, zumindest von der Herangehensweise.

Für Havarie habt ihr tatsächlich Bildmaterial gedreht, mit all den Mitwirkenden, die jetzt nur zu hören sind. Und dann kam irgendwann der Moment der Entscheidung, dass ihr dieses gesammelte Bildmaterial nicht verwenden werdet. Kannst du das nachfühlbar machen?

Havarie 001

Wir sind mit unserem Material wiedergekommen. 2015 waren die Dreharbeiten abgeschlossen, und wir haben angefangen zu schneiden. Und dazwischen hatte sich was verändert: Die mediale Repräsentation von Menschen in Booten, die übers Mittelmeer kommen. Wir haben geschnitten und parallel diese anderen Bilder im Kopf gehabt. Ein Film, ein Bild steht nie alleine, sondern im Kontext mit anderen Bildern. Es war uns unmöglich, den Film so zu schneiden, wie wir es ursprünglich vorhatten. Wir haben die Konzentration der Bilder in unserem Film nicht hinbekommen. Von Anfang an ging es in Havarie um den Versuch, unser Hinschauen als Moment des Öffnens zu verstehen, als Ereignis auf Augenhöhe. Ohne zu kaschieren, dass dieser Blick grundsätzlich unsere Perspektive kennzeichnet und alles politisch determiniert. Durch den Ton entstehen nun Bilder im Kopf, werden getriggert. Und setzen sich ins Verhältnis mit dem einen Bild, das man sieht. Diese eine Situation, dieses Video wird immer wieder von Neuem befragt. Und man muss sich fragen: Was sehe ich da eigentlich? Wo ist meine Position?

Der Film ruft ja auf der Tonspur auch andere Kriegsschauplätze in Erinnerung. Ukraine, Nordirland …

Jeder bringt dort sein biografisches Gepäck mit, seine Krisen und Kriege. Uns ging es um Situationen, in denen jemand etwas beobachtet und selber nicht eingreifen kann. Das ist etwas, was die Situation auf dem Kreuzfahrtschiff reflektiert, von dem aus das Flüchtlingsboot gefilmt wurde.

Die Situation des Interviews ist prägend für deine Filme. Seien es die listening heads in Revision oder das Weitergeben von Kameras in And-Ek Ghes ….

Revision 3

Das ist ein Missverständnis. Ich filme ja nicht selber. Deshalb habe nie ich auch nie das Gefühl gehabt, dass ich die Kamera aus der Hand gebe. Das hätte einen bevormundenden Gestus. Bei And-Ek Ghes … haben Colorado Velcu und wir uns bewusst entschieden: Wir wollen zusammen einen Film machen. Das entsteht aus einer sozialen Situation heraus. Es geht nicht um grandiose Einstellungen. Man sieht, man merkt die Kamera. Eine bewusste Kamera. And-Ek Ghes … ist ein Film über Leute, die selber filmen. Und das Ergebnis eines Kennenlernens, eines Vertrauens, weil wir zusammen vorher Revision (2012) gemacht haben. Die Kamera zwischen uns ist etwas ganz Logisches, wir kennen uns durch das Filmemachen.

Dieses Vertrauensverhältnis ist für deine Filme sicher ganz entscheidend

Ich muss den Beteiligten vermitteln können, warum mich ein Thema interessiert. Und transparent sein. Um dann weiterzukommen, muss Vertrauen da sein. Manchmal ist es schwierig: Abdallah Benhamou aus Havarie hat uns natürlich gefragt, inwiefern der Film ihm helfen kann, ein Visum zu bekommen. Und wir mussten ihm sagen: Wir können dir überhaupt nicht helfen, vielleicht ist es sogar kontraproduktiv, was wir machen. Bitte vertraue nicht auf uns. Und diese Offenheit war für ihn letztlich der entscheidende Grund mitzumachen.

Wie finanzierst du deine Filme?

And-Ek Ghes 02

Jedes Projekt ist da anders. The Halfmoon Files (2007) hatte ein kleines Kunststipendium. Dann habe ich irgendwann gemerkt: Das wird ein Film. Ab dem Moment wurde es kompliziert. Aber ich hätte dafür niemals eine Fernsehredaktion angesprochen. Der Film war so prozesshaft angelegt, das hätte keinen Sinn gemacht. Er ist gewissermaßen unsendbar. Also haben wir es über eine Kunstförderung versucht. Dann haben wir ein paar Preise gewonnen. Und konnten dadurch einen Teil der Produktionskosten reinholen. Wir haben den Film unter sehr schwierigen Bedingungen realisiert. Aber dadurch haben uns Leute auf einmal zugetraut, dass wir solche Filme machen können. The Halfmoon Files lief auf der Berlinale, dann kam Arte, und auf einmal hatten wir Filmförderung für den Tag des Spatzen (2010). And-Ek Ghes … hingegen haben wir fast komplett ohne Geld gemacht. Ein wenig haben wir vom RBB bekommen, aber die Produktionskosten waren insgesamt lächerlich gering. Wir hatten keine Zeit, über die Filmförderung zu gehen, weil wir nicht wussten, ob die Familie, die wir filmten, nächsten Monat überhaupt noch in Berlin ist. Wir schauen aber auch: Wie weit kann ein gut finanziertes Projekt ein anderes mittragen? Darüber kann man aber kaum offen sprechen. Havarie hat viel Öffentlichkeit bekommen. Wir werden sehen, ob das bei den Förderern etwas bewirkt. Jedes Mal fängt man wieder von null an. Wir haben den Anspruch, davon zu leben. Aber das gelingt nicht. Wir arbeiten alle nebenher …

Welche Regisseure, Filme, Stile hatten einen Einfluss auf dich?

Schwer zu sagen. Ich bin Autodidakt, war nie an der Filmhochschule. Alles was ich über Film weiß, hab ich durch andere Leute kennengelernt. Wir hatten ein Filmkollektiv, dogfilm. Das war meine Schule. Wir haben Filme zu fünft geschnitten: Jemand schneidet die Nachtschicht, dann macht jemand die Tagschicht und schneidet alles wieder um. Das war wahnsinnig. Ich hab ein ganz großes Halbwissen und riesige Lücken. Es gibt ganz viele Dinge, die ich nie gesehen habe. Und manche wiederum exzessiv. Es gibt natürlich Sachen, die mich beeindruckt haben. Derek Jarman. The Last of England (1998). Ein Film, von dem ich noch heute genau weiß, wie ich den angeguckt habe. Ein anderer Film ist Landscape Suicide (1987) von James Benning. Und viele Videokünstler.

Und kollektive Filmarbeit?

Das ist immer noch schwierig, wenn da steht: Ein Film von. Bei Havarie und Revision kannst du genauso gut schreiben: Ein Film von Merle Kröger und Philip Scheffner. So gesehen ist Philip Scheffner auch eine Kunstfigur, ein Spiel mit einem Image.

Woran arbeitet ihr momentan?

Wir machen ein Drehbuch. Es hat etwas mit Havarie zu tun, eine der Geschichten, die im Film auftauchen. Eine dokumentarische Spielfilmgeschichte mit vielen losen Enden. Das wollen wir aufgreifen und weiterentwickeln in einer sehr gescripteten Fassung. Und wir machen eine Installation auf der Berlinale, mit einer Tochter von Colorado Velcu. Ein impressionistischer Bild-Ton-Loop. Sie fährt durch einen Park und hört im Kopfhörer Musik. Das ist ihr Tag. Ein Tag, an dem alles möglich ist: „Izadora listening to versions of herself.“

Kommentare zu „„Es geht nicht um grandiose Einstellungen““

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.