Work Hard – Play Hard

Stechuhr war gestern. Deutsche Großunternehmen führen vor, wie man Mitarbeiter gefügig macht.

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Nichts, so scheint es, hält sich in unserer schnelllebigen, globalisierten Welt so hartnäckig wie der Glaube an beständiges Wachstum. Der Zwang, die eigenen ökonomischen Zielsetzungen allvierteljährlich zu übertreffen, reizt große Unternehmen zu immer ausgefeilteren Methoden der Produktivitätssteigerung. Wenn man den Konzernen glaubt, so haben Sanierungsmaßnahmen stets bei den Mitarbeitern anzusetzen; nur wer das Letzte aus seinen Angestellten herausholt, kann satte Gewinne einfahren. Die postindustriellen Arbeitsstätten unserer modernen Dienstleistungsgesellschaft haben den Menschen als Rohstoffquelle entdeckt – er wird so lange ausgebeutet, bis er verbraucht ist. Und wer nicht mitzieht, scheidet aus.

Kein Familienbild auf dem Schreibtisch

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Die Kölner Filmemacherin Carmen Losmann hat mit Work Hard – Play Hard eine Dokumentation über die Arbeitswelten von morgen gedreht. In drei Kapiteln widmet sie sich neuartigen Konzepten und Ausprägungen modernen Personalmanagements, von der Arbeitsplatzgestaltung über Führungstraining bis hin zur Schulung und Evaluation von Angestellten und jungen Karrieristen durch Assessment Management Firmen. Im Zentrum steht dabei die Frage, auf welche Weise Mitarbeiter von ihren Firmen gedrillt, optimiert und knallhart ausgesondert werden und inwiefern eine solche repressive unternehmerische Praxis unseren Arbeitsbegriff nachhaltig verändert.

Carmen Losmann stellt ihre filmischen Ausdrucksformen ganz in den Dienst ihrer Fragestellung. Dirk Lütters erstklassige Kameraarbeit führt uns mit viel Ruhe und Verstand durch diese unheimlichen, entrückten Konzernbauten. Zu nennen ist hier beispielsweise die Firmenzentrale des in Hamburg ansässigen Unternehmens Unilever, die das renommierte Architekturbüro Behnisch in bewusster Korrespondenz zur Firmenkultur entworfen hat. Tatsächlich erinnert sie mehr an ein schickes Café als an ein gewöhnliches Firmengebäude. Die Grenze zwischen Lifestyle und Beruf soll hier zusehends verschwimmen, die Erinnerung an Arbeit wegfallen. Doch wenn da die Rede ist von „non-territorialen Office Spaces“, steht die vermeintliche Wohlfühlatmosphäre des allerorts um Familiarität und Freundlichkeit bemühten Unternehmens in scharfem Kontrast zu der Weisung, dem Arbeitnehmer, um ihn sein Privatleben vollends vergessen zu lassen, seine persönlichen Dinge zu entziehen: Ein Tisch beherbergt nichts mehr, was auf den Menschen außerhalb des Arbeitslebens schließen lässt, nicht einmal ein Familienbild.

Klettergarten für schwächelnde Jungunternehmer

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In ausgedehnten Horizontalfahrten und Schwenks vermisst Lütter das Gelände wie ein Geodät, fährt kafkaeske Schreibtischreihen ab, an denen, in trautem Tastaturklappern akustisch vereint, Leute bei der Arbeit sitzen, er lenkt unseren Blick auf dieses sonderbar glatt geleckte, kantige Mobiliar, zeigt Treppenläufe und Verwinkelungen in voller Ausnutzung des Breitbildformats und lässt so den „Lebensraum“ Konzern förmlich erfahrbar werden.

Dann ein Wald. Darüber gelegt ein paar Stimmen, die diesen Wald nichts angehen. Es sind Büroangestellte, die einander laut vortragend Versprechungen machen: „Ich werde in Zukunft …“ – Schnitt auf die Akteure – erst da wird klar, wo man sich befindet: im Tagungszentrum Ellernhof beim Führungstraining. Der obligatorische Klettergarten für schwächelnde Jungunternehmer darf nicht fehlen. Doch was die Szenerie dann so grotesk macht, ist die Verschränkung von Bild und Ton – wohlgeordnet waren bislang die Schnittfolgen; jetzt hat sich in das schon als unabänderlich hingenommene Verhältnis von Mensch und loungiger Konzernästhetik ein Naturbild eingeschoben. Darüber klingen solche frohgemut auswendig gelernten Sätzchen, die den Kletternden Halt geben sollen, merklich bieder – man spürt: Sie haben nichts in diesem Wald zu suchen. Und wenn über die Bildschirmwand irgendeines Etagenbüros die Hochglanzaufnahme eines Canyons flackert, hat sich die Unvereinbarkeit von Mensch und Unternehmen geradewegs verkehrt; hier ist das Urwüchsige, Greifbare schon als hochauflösendes Pixelgemenge in die Chefetagen verbannt.

Alles Unverkrampfte und Herzliche aus den Gesichtszügen verbannt

Work Hard – Play Hard übt nicht etwa rüde Kapitalismuskritik, sondern bezieht Stellung durch sein kohärentes, gestalterisches Konzept. Carmen Losmann hat sinnigerweise auf eine Erzählerstimme für ihre Dokumentation verzichtet. Es wird nicht verbal kommentiert, sondern ausschließlich mit filmischen Mitteln. Von sonoren Orgeltönen begleitet, scheint das Kameraauge oftmals auf seinem Gegenstand zu insistieren; man hat den Eindruck, als wollte Lütter durch besonders eingehendes, präzises Betrachten der Personen etwas ausfindig machen, das in ihren Gesichtern zum Vorschein kommt, eine Art Erklärung für all das, eine Geisteshaltung, einen Grund.

Damit gelingt dem Film wie beiläufig eine psychologische Innenschau von bemerkenswerter Kühle und Strenge. Das Verhältnis zwischen kapitalistischer Verfügungsmacht und Individuum wird wohl am eindrücklichsten in jener Sequenz, die Angestellte beim Persönlichkeitstest zeigt. In den Gesichtern dieser vor Karrieregeilheit strotzenden Human-Ressource-Manager und Knowledge-Worker geht so viel vor, nimmt die Physiognomie bisweilen schon verbissene, fratzenhafte, ja fast mechanische Züge an, weil eben alles Laxe, Unverkrampfte, Herzliche aus ihren Zügen verbannt werden soll. Es ist das Antlitz der Globalisierung. Man braucht nur hinzusehen: Hinter all der Jovialität, hinter dem auf Freundlichkeit und Wärme getrimmten Weltwirtschaftslächeln, dem Kinnmuskelspiel dieser Leute verbirgt sich spürbar ein solches Maß von Erregtheit, dass ihre Gesichtszüge unter dem globalen Leistungszwang schließlich nachgeben müssen. Der Mega-Wachstumsgeist hat ein Gesicht. 

Trailer zu „Work Hard – Play Hard“


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Kommentare


Hank_the_Knife

Ausgerechnet Unilever: ein Konzern, dessen Produkte ich grundsätzlich nicht kaufe. Genauso, wie die "Marken" von KraftFoods, Danone, Nestlé u.a. Nur indem man diesen Kraken das Kapital entzieht, bricht man sie.
Permanentes, ungezügeltes Wachstum nennt man auch Krebs. Ist der Körper aufgezehrt, stirbt der Wirt und der Krebs.


roman

dieser film scheint ganz interessant zu sein. gibt es auch infos dazu, ob der auch in den österreichischen kinos laufen wird?
zu dem thema “non-territoriale Arbeitsplätze” bin ich auch vor kurzem auf einen podcast gestoßen, der hier gut dazupasst.
http://bene.com/bueromoebel/bene-office-podcast-25-non-territoriales-buero/

hat halt wie so vieles auf dieser welt vor- und nachteile und sollte letzten endes jedem überlassen sein, wie und wo er seine arbeit verrichtet..

lg


No

Gerade kommen wir aus dem Kino. Sollen wir den Film nun challengen?:-)
Wir haben viel gelacht. Die unfreiwillge Komik der Protagonisten, der Schnitt und die fast sprechende Kamera machen diesen peinvolles Dokumentarfilmerlebnis erträglich. Ich fühle mich nahe am Kurzurlaubsbedürfnis :-)

Selten wurde in derart komprimierter Form die Leere des Arbeitslebens der Talente so zutreffend beschrieben.
Man muss eben wissen, wofür man die eigene Lebenszeit opfert.






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