Wir wollten aufs Meer

Die einzige Konstante ist Vergeblichkeit. Und Leichtigkeit nicht in Sicht.

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Toke Constantin Hebbelns Kino-Debüt Wir wollten aufs Meer beginnt bewegungsintensiv, sowohl auf Plot- wie auch auf Bildebene. Historische Aufnahmen zeigen das geschäftige Tun im einzigen Überseehafen der DDR in Rostock, mischen sich dann mit fiktionalen Bildern zweier junger Männer, die dort landen und voller Enthusiasmus durch den Bildkader springen. Als Matrosen der Handelsmarine wollen die besten Freunde losmachen und die weite Welt bereisen. Dann ein Zeitsprung, drei Jahre später sitzen Cornelis (Alexander Fehling) und Andreas (August Diehl) immer noch als einfache Hafenarbeiter fest. Eine dunkle und zumeist regennasse Szenerie hält Einzug. Doch ihr Traum ist noch nicht ausgeträumt, es wird getanzt, geliebt, gehofft – und schließlich bespitzelt: Die Aussicht auf einen Posten bei der Marine bringt die beiden dazu, ihren fluchtwilligen Brigadier Schönherr (Ronald Zehrfeld) auszuhorchen und der Stasi ans Messer zu liefern. Doch an Cornelis nagen die moralischen Zweifel, im letzten Moment zerstört er das belastende Tonband. Es kommt zum Streit, zusätzlich werden die beiden von den örtlichen Stasi-Beamten unter Druck gesetzt. Andreas wird schwach und verrät Schönherr.

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Nach einer Schlägerei der beiden Kumpanen kommt es zu einem heftigen Unfall, durch den Andreas für immer an den Rollstuhl gebunden ist. Cornelis widersteht den erpressenden Anwerbungsversuchen des Oberst Seler (Rolf Hoppe) und will mit seiner heimlichen Liebe Mai, einer vietnamesischen Gastarbeiterin, über die tschechische Grenze nach Hamburg fliehen. Eine intensiv und spannend inszenierte Fluchtszene beendet das von kinetischem Hochdruck beherrschte erste Drittel des Films. Dem stürmischen Gestus folgt ein Modus der Erstarrung. Cornelis wird gefasst und trifft als politischer Gefangener auf den immer noch nach Freiheit und Gerechtigkeit gierenden Schönherr, für Andreas beginnt eine einsame Karriere als Stasi-Spitzel. Der Handlungsfilm wird zum psychologischen Sprechfilm. Eine düstere Bild-Ästhetik mit unterkühlten Farben übernimmt endgültig das Kommando. In dunklen Innenräumen wird beinahe jede Einstellung von einem zentral gesetzten Kopf – weniger Gesicht, dafür ist die Ausleuchtung zu plastisch – dominiert. Neben dem Verlust ihrer persönlichen Freiheit gehen diesen talking heads im Plot-Verlauf auch mehr und mehr die Worte aus, es wird dramatisch in die Off-Leere oder auf den Boden geblickt. Ein beinahe episches Erzähltempo fängt den verzweifelten Stillstand der Protagonisten gut ein: Schönherr und Cornelis kämpfen aussichtslos für Besuchszeiten und Ausreiseanträge, Andreas versumpft in eintönig-einsamer Abhörarbeit in einem System, das den doppelten Boden immer nochmals zu verdoppeln scheint.

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Dem ewigen Diskurs über faktische Korrektheit en detail bei der Verfilmung von Stoffen der jüngeren deutschen Geschichte antwortet Wir wollten aufs Meer mit einer dramatischen wie visuellen Schwere. Bis auf eine Szene im Wald während der Flucht von Cornelis und Mai – eine kurzzeitig entfesselte Kamera blickt um sich und hinauf in einen weißen Himmel – scheint die Inszenierung vor Determiniertheit nur so zu strotzen: präzise Match Cuts, streng klassische Gegenschüsse, ein bis ins kleinste Detail geplant wirkender Bildaufbau, den eine üppige Ausstattung noch unterstreicht. All das geht sicherlich Hand in Hand mit einer Offenlegung des unmenschlichen Apparates hinter dem DDR-System auf Handlungsebene, erstickt sich aber filmisch, und besonders in Verbindung mit einem überdeutlich arbeitenden Score, als Dauer-Metaphorisierung zu einem gewissen Teil selbst. Irgendwann ist genug mit düsteren (Stereo-)Typen-Bildern und unheilschwangeren Streicher- und Pianoläufen. Dabei soll diese Kritik nicht in die oft vorgebrachte inhaltsfixierte Argumentation à la „aber in der DDR war es auch schön“ einstimmen, vielmehr geht es um den Wunsch nach mehr kinematografischer Uneindeutigkeit. Diese findet man durchaus im starken Spiel August Diehls, dem dabei auch die heterogene Figurenzeichnung seines undurchsichtigen Charakters zugutekommt. Insgesamt jedoch scheint Wir wollten aufs Meer nie loszulassen, will an jeder Stelle zutiefst dramatisch und „faktisch wasserdicht“ sein, wie Regisseur Hebbeln seinen eigenen Anspruch bei der Premiere auf dem Münchner Filmfest formulierte. Eine Ungezwungenheit in der Inszenierung eines schwierigen Kapitels deutscher Historie, wie man sie jüngst bei Petzolds Barbara genossen hat, bleibt dabei beinahe gänzlich auf der Strecke.

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