Von Mädchen und Pferden

Weich schnaufende Nüstern, Wattenmeer, eine vorsichtige Freundschaft auf dem Reiterhof – Monika Treut hat still und heimlich einen Heimatfilm gedreht.

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Schlanke, rotbraune Tiere, die aufmerksam herschauen, dann näher kommen. Sie stehen und schnauben unter einem orange leuchtenden Himmel, die Ohren gespitzt. Massige Körper mit Urtierkräften, die – wie aus der Zeit gefallen – eine ungeheure Ruhe ausstrahlen.

Eine Rinderherde wird von der Weide getrieben, dazu ein paar nachhallende Gitarrenakkorde, das Land liegt flach und weit. Monika Treuts neuer Film Von Mädchen und Pferden hat etwas von der friedlichen Wirkung großer warmer Pferdekörper. Man möchte den Tieren die Hand auf den Rücken legen und durch die Mähne streichen. Der Blick geht in die freie Landschaft, der Puls entschleunigt sich. Auch die Geschichte, die Treut in dieser zurückgezogenen Umgebung an der dänischen Grenze angesiedelt hat, spielt sich unaufgeregt und sehr norddeutsch ab: ohne viele Worte. Dafür mit dem typischen Schleswig-Holstein-Sound blökender Schafe, schnatternder Gänse, im Küstenwind raschelnder Gräser.

Windräder am Horizont

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Seit ihren ersten Spielfilmen Verführung: Die grausame Frau (1985) und Die Jungfrauenmaschine (1988) gilt Monika Treut als Avantgardistin des New Queer Cinema. Das Spiel mit sexuellen Identitäten hat sie immer interessiert. Im Dokumentarfilm Gendernauts (1999) porträtierte sie San Franciscos Transgender-Szene und schuf einen frühen Klassiker der Auseinandersetzung mit Trans-Lebensweisen. Seit der Jahrtausendwende bewegte sich Treuts Fokus weg von US-amerikanischer Kultur und Gegenkultur, hin nach Brasilien (Kriegerin des Lichts, 2001) und Taiwan (Ghosted, 2009). Die Lust, Neues zu entdecken und im wörtlichen wie übertragenen Sinne auf die Reise zu gehen, verbindet ihre Filme. Ebenso der Blick auf starke Frauenfiguren und auf solche, die – wie auch immer – anders sind. Von Mädchen und Pferden unternimmt den Weg zurück: zurück nach Deutschland, ins – wie auch immer – Eigene, in eine Heimatlandschaft.

Back to the Ponyhof

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Und zurück in die Jugend: Alex (Céci Chuh) ist 16 und steckt in klassischer Teenager-Verwirrung mit Identitätssuche, Autoaggression und Drogenmissbrauch. Ein Praktikum auf dem Reiterhof soll sie wieder in die Spur bringen. In der eher braven Kathy (Alissa Wilms) findet sie ein komplementäres Gegenüber: aus wohlhabender, intakter Familie, auf eine bodenständige Art unschuldig, freundlich und offen. Dritte Hauptfigur ist die lesbische Reitlehrerin Nina (Vanida Karun), die Alex den aufmerksamen Umgang mit Pferden und damit letztlich auch eine nicht destruktive Körperwahrnehmung vermittelt. Was sich über das Medium der Pferde zwischen den Frauen entspinnt, ist schon die ganze Handlung. Sogar auf die kleinen semi-dramatischen Plot-Einsprengsel hätte Von Mädchen und Pferden vielleicht verzichten können, am besten ist der Film in der Reduktion. Das Meiste erzählt sich über die Stimmungen der Figuren und über die ruhige Beobachtung von Tieren, Land und Leuten (Kamera: Birgit Möller). Dabei spielt die Konzentration auf den abgeschiedenen Hof eine wichtige Rolle. Die landwirtschaftlichen Abläufe sind mit einer großen Zuneigung dokumentarisch eingefangen.

Einfachheit und Utopie

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Von Mädchen und Pferden ist eine Produktion mit kleinem Budget, knappem Drehbuch und viel Improvisation. Das funktioniert: durch den Drehort mit Charakter, durch die drei sehr unterschiedlichen Frauen und durch die Nähe der Kamera zu den Pferden, die nicht, wie oft im Kino, zur edlen Staffage degradiert sind, sondern in all ihrer Körperpräsenz auf Augenhöhe behandelt werden. Mit seinem Eintauchen in Töne und Landschaft ist der Film von einer speziellen Sinnlichkeit – auf die Weise, wie Norddeutschland in seiner Kargheit sinnlich ist. Wind und Watt muss man mögen. Genauso wie die kleine Utopie, die Von Mädchen und Pferden hinter seinem schlichten Titel hegt: die der verbindenden Freundschaft in friedlicher Natur, der klassische Städtertraum von der Selbstfindung auf dem Land, Coming of Age auf dem Pferderücken. An der Utopie ist viel dran, genauso wie sie ständig in Gefahr ist. Dass wir uns immer noch in einem politischen Raum, in der deutschen Gesellschaft mit allen Nebenwirkungen befinden, deutet Autorin, Regisseurin und Produzentin Treut beiläufig an, wenn Angela Merkel mit ihrer „Alternativlosigkeit“ aus dem Radio droht und Reitlehrerin Nina in einer Geheimschatulle Beruhigungsmittel aufbewahrt.

Von Mädchen und Pferden will genauso wenig heitere Immenhof-Reminiszenz sein wie transgressives Kino auf den späten Spuren von Monika Treuts Frühwerk. Um eine Transformation geht es dennoch. Und wie zumeist im Leben vollzieht die sich eher still und heimlich.

Trailer zu „Von Mädchen und Pferden“


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