Viva Riva

Der kongolesische Gangsterfilm vereint Sozialkritik und Sexploitation.

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Es beginnt und es endet mit Geldscheinen und mit Autos, die nicht fahren. In Kinshasa scheint alles käuflich zu sein – Frauen und Polizisten, Richter und Priester –, aber selbst die Luxuslimousinen eines Gangsterbosses liegen hier lahm, wenn es mal wieder kein Benzin in der Stadt gibt. Die letzte, vielleicht schönste Einstellung des Films zeigt einen kleinen Jungen, der eine Tasche voller Geld links liegen lässt und lieber Autofahren im Wagen eines toten Gangsters spielt, ohne dabei von der Stelle zu kommen. Zwischen Anfang und Ende von Viva Riva wird viel gekauft und viel gestorben, es fließen reichlich Blut, Benzin und Bestechungsgelder, doch bewegt sich dadurch nichts Wesentliches, zum Schluss herrscht erneut Stillstand.

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Auch Riva (Patsha Bay Mukuna) wirkt mit seinem grinsenden Bubi-Gesicht wie ein kleiner Junge, der mit den Erwachsenen Gangster spielen will. Zehn Jahre war er in Angola und kehrt jetzt mit geklauten Benzinfässern in die Demokratische Republik Kongo zurück, um in seiner Heimat mit dem begehrten Brennstoff das große Geld zu machen. Geld, das eigentlich seinem ehemaligen Boss César (Hoji Fortuna) gehört, genauso wie Rivas Objekt der Begierde, die laszive Nora (Manie Malone), eigentlich dem Gangster Azor (Diplome Amekindra) „gehört“. Frauen gelten in dieser Welt ebenso als Ware und Besitz wie Benzin, und obwohl Nora darauf beharrt, „keine Nutte“ zu sein, schmeißt ihr Riva nach der ersten gemeinsamen Nacht dennoch ein paar Scheinchen in den Schoß.

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Dass der kongolesische Autor und Regisseur Djo Tunda wa Munga seinen Protagonisten trotz dieser Episode von Liebe reden lässt und ihm zudem einige machohafte bis frauenfeindliche Sprüche in den Mund legt, macht Riva nicht gerade zum Prototypen des romantischen Helden. Daran ändert auch eine an Romeo und Julia angelehnte Cunnilingus-durchs-Fenster-Szene nichts. Dass er im Gegensatz zu manchen anderen Charakteren keine Frauen verprügelt, muss man ihm bei dem misogynen Männerensemble von Viva Riva allerdings fast schon als Auszeichnung anrechnen. Die sympathischste, wenn auch stereotype Figur ist eine lesbische Kommandantin (Marlene Longange), die sich als Nonne verkleidet, eine Affäre mit einer Hure hat und zur Abwechslung auch mal einen Mann verdrischt. César, der als Snoop-Dogg-Doppelgänger im weißen Anzug und mit persönlicher Erkennungsmusik über die Leinwand schleicht, hat ihre Schwester entführt und zwingt sie dazu, ihm bei der Suche nach Riva und seinem Benzin zu helfen.

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Der Regisseur, der in seiner Heimat bislang Dokumentationen gedreht hat, verpackt seine Kritik an einer von Kolonisation und Armut geprägten und von Korruption regierten patriarchalischen Gesellschaft als Gangsterstreifen mit reichlich Sex und Gewalt. Die Handlung ist schematisch und orientiert sich an europäischen und US-amerikanischen Vorbildern, die Dialoge sind manchmal bissig, häufig aber banal (was auch an der hölzernen Synchronisation liegen mag), und die Sexdarstellungen scheinen vor allem die Funktion zu besitzen, im Kongo ein Tabu zu brechen. Was Viva Riva über das B-Movie-Format hinaushebt und ihn trotz seiner gewöhnlichen, universellen Geschichte außergewöhnlich und spezifisch macht, sind seine besonderen Schauplätze, die in Kombination mit der digitalen Kamera des Franzosen Antoine Roch (Vergissmichnicht, L'âge de raison, 2010) sehr lebendige Eindrücke vom heutigen Leben im „Kuhfladen“ Kinshasa vermitteln: ein Restaurant mit versteckter Tanzfläche im Hinterhof, in dem selbst die schicke Gangsterbraut aus Toilettenmangel unter freiem Himmel pinkeln muss; ein improvisiert wirkendes „Freiluftgefängnis“ und eine Art Großraumbordell mit offenen Kabinen, in denen während des Kundenverkehrs nasse Socken und Unterhosen von den aufgespannten Wäscheleinen baumeln. Gangster-Domizil und Nachtclub unterscheiden sich dagegen kaum von europäischen Varianten. Als Running Gag dient der zum Alltag gehörende, regelmäßige Stromausfall in der Stadt.   

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Viva Riva ist seit über zwanzig Jahren der erste Spielfilm aus der Demokratischen Republik Kongo, der in der Nationalsprache Lingála gedreht wurde, auf internationalen Festivals mit großem Publikums- und Kritikererfolg lief und zudem mehrere ausländische Verleiher gefunden hat. Auch wir dürfen jetzt bestaunen, wie sich in Djo Tunda wa Mungas Kinodebüt schablonenhafte Figuren am Rande der Parodie durch ein realitätsnahes Milieu bewegen, in dem es wenig zu lachen gibt – eine befremdliche, eigentümliche und unbedingt sehenswerte Mischung.

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Kommentare


Luisa

Ich stimme der Kritik hier vollends zu. Auch wenn der Film sehr mit Klischees spielt, oft mals sehr brutal rüberkommt, ist er auf jeden Fall sehenswert. Ich wusste vorher nicht viel über die Zustände in Kinshasa. Dabei noch unterhalten zu werden ist nicht das Schlechteste...






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