Vier Leben

Aus Mann wird Ziege wird Tanne wird Holzkohle.

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„Jeder Regisseur sollte einmal eine Ziege filmen.“ Inspiriert von Robert Bressons Esel-Drama Zum Beispiel Balthasar (Au hasard Baltazar, 1966) hat Michelangelo Frammartino seine Überzeugung für seinen zweiten Spielfilm ausgiebig umgesetzt und dabei festgestellt, dass sich die ausdrucksstarke Mimik und ausgelassene Spielfreude von Ziegen zwar hervorragend für nachdenkliche Großaufnahmen und unterhaltsame Actionszenen eignen, die Spezies am Set aber mindestens so stur und zickig auftritt wie manche Hollywood-Diva und ebenso wenig auf Regieanweisungen hört wie ein Esel. Eine beeindruckend choreografierte Hunde-Stunt-Sequenz erinnert wiederum an Jacques Tati, aber selbst wenn die Kamera das Geschehen zeitweilig aus der Ziegen-Perspektive wiedergibt, vermeidet Vier Leben (Le quattro volte) bei aller Empathie zum Glück die sentimentale Vermenschlichung der Tiere, wie es zum Beispiel Die Reise der Pinguine (La Marche de l’empereur, 2004) getan hat.

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Während der Esel in Bressons Klassiker den Grausamkeiten der Menschen ausgesetzt ist und sie vordergründig widerstands- und emotionslos erträgt, die Pinguine in der französischen Doku-Schmonzette dagegen wie Menschen leiden, lieben und sprechen, sind die sehr expressiven und eigenwilligen Tiere in Frammartinos Reinkarnationsgeschichte dem Menschen gleichgestellt und bleiben dennoch Tiere. Sowohl Titel als auch Grundidee von Vier Leben berufen sich auf Pythagoras, der seine Vorstellung von der Seelenwanderung und den vier Daseinsformen (menschlich, tierisch, pflanzlich, mineralisch) angeblich im 6. Jahrhundert v. Chr. im heutigen Kalabrien gelehrt haben soll. Der Autor und Regisseur stammt selbst aus dieser Region Italiens, und wie er sie hier darstellt, scheint sie von der Jetztzeit weitgehend unberührt zu existieren, mehr den Kreislauf als den Fortschritt des Lebens repräsentierend.

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Im Gegensatz zur entfernten, als Einheit auftretenden Dorfgemeinschaft wirkt der alte Hirte, dem wir im ersten Viertel des Films folgen, umso einsamer. Er schleppt sich täglich mit seinen Ziegen und einem Hund auf die Bergwiesen des Hinterlandes, spricht bis auf „Grazie“ kein Wort und hustet dafür umso mehr. Gegen die Krankheit trinkt er in Wasser aufgelösten Kirchenbodenstaub, und als er das Heilmittel einmal nicht einnehmen kann, stirbt er. Ein Zicklein wird in der folgenden Szene geboren und tritt als nächster Protagonist und mögliche Wiedergeburt an seine Stelle. Die kleine Ziege entpuppt sich wie der Hirte als Außenseiter, und als sie von der Herde zurückgelassen wird, stirbt sie ebenfalls. Schutz hat sie unter einer Tanne gesucht, die zum dritten Seelenträger wird, bevor sie von der Dorfgemeinschaft in einem traditionellen Ritual gefällt und anschließend von Köhlern zu Holzkohle verarbeitet wird, die am Ende als Asche gen Himmel steigt, sich vielleicht zum Kirchenstaub gesellt und damit den Kreis schließt.

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Trotz der Philosophie des Films, dass Tanne und Holzkohle ebenso animiert seien wie Mensch und Tier, verliert die Inszenierung in der zweiten Hälfte etwas von der Lebendigkeit, die sie nicht zuletzt dem großen Unterhaltungswert der Ziegen verdankt. Die langen, überwiegend statischen Einstellungen von Andrea Locatellis Kamera messen den Traditionen und Arbeitsvorgängen der Menschen eine gleichwertige Bedeutung bei wie dem Verhalten der Tiere oder den Bewegungen einer Rauchwolke. Geduldig beobachtend und fast dialogfrei vermittelt Vier Leben bisweilen den Anschein einer Dokumentation, der Schnitt und die detailliert aufgebaute Bildgestaltung formen und verbinden die vier Episoden allerdings zu einer fiktiven Komposition mit repetitiven Motiven, die unter anderem von wiederholt auftauchenden Ameisen durchkrabbelt wird.

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Die eindringliche Tonspur erinnert entfernt an die intensive Geräuschkulisse von Apichatpong Weerasethakuls Reinkarnationstrip Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben (Lung Boonmee Raluek Chat, 2010), mit dem Frammartinos Film außerdem einen langsamen Erzählrhythmus teilt, ansonsten aber wenig gemein hat. Statt des offenen, unvorhersehbaren Aufbaus von Uncle Boonmee verfolgt der Italiener ein eher schlichtes und striktes Konzept, das ästhetisch ausgefeilt ist, Sinn für Timing und Humor beweist, aber trotz mancher eindrucksvoll und mitreißend gestalteter Szene doch so begrenzt und teils überdeutlich durchgeplant wirkt, dass den Vier Leben im Verlauf ein wenig die Luft zum Atmen ausgeht.

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Kommentare


karin liewald

beeindruckund,nachhaltig,meditativ,innehaltend..das fällt mir vor allem dazu ein.ein typischer kinofilm, d.h. er wird im tv an substanz leider verlieren. danke,dass es solche unaufgeregte,aber anregende filme noch gibt. karin






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