Über-Ich und Du

Experimentieren mit unbekannten Substanzen: Über-Ich und Du übt sich tollkühn an unversuchten Kombinationen.

Ueber Ich und Du 11

Benjamin Heisenbergs Über-Ich und Du ist wie ein Experimentierkasten für Hobbychemiker, der den Zuschauern in den Schoß geleert wird. Den Gebrauchszettel hat Heisenberg weggeschmissen, und so darf man wie früher die Alchemisten fröhlich mit den funkelnden Bröckchen und den übel riechenden Gasen spielen. Und wie jene muss man auf alles gefasst sein, wenn man die Sachen miteinander reagieren lässt, mal mit Faszinierendem, mal mit Gefährlichem. Aber in den meisten Fällen passiert eben: nichts.

Probieren wir’s mal aus

Ueber Ich und Du 14

Das Script von Über-Ich und Du scheint direkt aus der Brainstorming-Phase in Produktion gegangen zu sein, die Szenenfolge hat man wohl nachträglich per I Ging bestimmt. Zu den Erzählbausteinen des Filmes gehören Curt, ein in seiner beginnenden Demenz von Reue heimgesuchter Psychologe (André Wilms) mit Nazi-Vergangenheit. Dann gibt es Nick, einen mit viel Idiotenglück beschenkten Schmalspur-Ganoven (Georg Friedrich), der halb München Geld schuldet, unter anderem einer als Mandarin gestylten Maria Hofstätter, die sich von allen nur als „Mutter“ ansprechen lässt. In München wurde allerdings nie gedreht, weshalb alles in einer recht schräg zusammengefügten Fantasiestadt halb Zürich/halb Berlin stattfindet. Um da den Überblick zu behalten, fliegt beizeiten ein Heißluftballon durch den Himmel, aus dem zwei Schreckschrauben-Stimmen Orientierungstipps kreischen: „Die Frauenkirche! Die Alpen!“

Heisenbergs komödiantisches Verständnis ruht auf einem dezidiert antirealistischen Fundament. Soll heißen, dass alles möglich sein muss und keine Erklärungen vonnöten sind. Das führt, in Verbindung mit Reinhold Vorschneiders wie stets präzis ausbalancierten Bildern, zu einigen schön verschleppten Pointen; etwa wenn man erst in der vierten Einstellung sieht, dass Curts komplett verspießerter Schwiegersohn lächerliche Hosen trägt, oder wenn Nick zur Badevorbereitung links aus dem Bild verschwindet, um gleich splitternackt wieder hineinzutreten.

Ueber Ich und Du 13

Wie das Drehbuch Nick und Curt zusammenbringt, ist nebensächlich, aber zwischen beiden entsteht doch eine ganz interessante Chemie. Der alternde Psychoanalytiker sieht in dem durchs Leben wie durch einen Selbstbedienungsladen stolpernden Tunichtgut einen „nicht uninteressanten Fall“ und beginnt ihn so halb aus Neugierde, halb als Prokrastination (er will seine dunkle Vergangenheit bei einem letzten öffentlichen Auftritt aufarbeiten) zu beobachten. Schön, wie Heisenberg das psychologische Interesse nicht als kaltes Menschensezieren begreift, sondern als teilnehmende, beizeiten sogar genießerische Observation des Ungewöhnlichen.

Kopfgeburten zwischen Slapstick und Psychogramm

Ueber Ich und Du 05

Aber en gros stimmt die Einfallskombinatorik des Films meist ratlos: Was soll man von der mysteriösen psychologischen Übertragung halten, mit der sich Curts Kollaborateursreue in Nicks Mutterfixierung spiegelt, damit dann beide mithilfe esoterischer Methoden einander zu therapieren beginnen? Nazi-Vergangenheit und Kleinganoventum sind da gefährlich nah aneinander gedacht, so als wäre das eine nicht viel schlimmer als das andere.

Heisenbergs Regietalente liegen leider nicht im lockeren Bereich, ihm fehlt ein bisschen die für eine anarchische Satire erforderliche Coolness. Gerade die Dialogregie trägt die erstickende Handschrift des genau durchplanenden Berliner Schulabgängers, in dessen Filmografie sich Über-Ich und Du wie ein vor allem für ihn selbst wichtiger Befreiungsschlag ausnimmt. Sprüche wie „Das ist der Ferrari unter den Plato-Übersetzungen“, mit dem Nick seine antiquarische Hehlerware an den Mann bringen will, wirken schlicht verkalkuliert.

UEber Ich und du 01

An Nicks Figur lässt sich der Film mit all seinen Schwächen überhaupt gut festmachen: Ein ziemlich egobezogener Prolet, der aber mit Büchern dealt, einer also, der „halb Kanal-, halb Leseratte“ ist, wie es seine Freundin in einer weiteren schmerzhaften Dialogentgleisung zusammenfasst. Nick ist die Kopfgeburt eines mit ihm unvertrauten Elementen experimentierenden Regisseurs, doch Georg Friedrich schafft es mit seiner charmanten österreichelnden Unverblümtheit irgendwie, ihn trotzdem nicht ganz implodieren zu lassen. So wie dieser zugleich gelungene wie missratene Charakter, der im leeren Raum zwischen Slapstick und Psychostudie driftet, wirkt auch der ganze Film. Mal zündet er, mal ist er nah der Explosion, aber meistens geht sein Ideengepansche leider einfach nicht auf.

Trailer zu „Über-Ich und Du“


Trailer ansehen (3)

Kommentare


Ernst Wimmer

Wie billiger Fernseh-Klamauk.


ule

Heisenberg beweist hier außerordentlich, dass seine "Regietalente" auch im "lockeren Bereich" , d.h. in der Komödie liegen. Der Film ist eine wunderbare Perle aus dem Bereich Buddy Movie - zudem gespickt mit psychotherapeutischen Verballhornungen, Zitaten und Anspielungen. Schade, dass der Kritiker dass nicht so sieht , bzw einen ganz anderen Film gesehen hat. Für mich eine großartige Fingerübung Heisenbergs ins komödantische, manchmal absurde . Habe mich prächtig amüsiert, gerade auch über das Darstellungsensemble, das einfach perfekt gecastet wurde.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.