The Rite - Das Ritual

Im Zweifel gegen den Zweifel: In einem Crashkurs vor römischer Kulisse exorziert der Teufel bei einem jungen Priesteranwärter die letzten Reste kritischen Verstands. Beim Kinopublikum wird das nicht gelingen.

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Willing suspension of disbelief ist eine Grundbedingung für die Rezeption fantastischer Erzählungen. Viele Horrorfilme nutzen diesen Umstand nicht nur, sondern machen ihn anhand ihrer Figuren und deren Haltung zum Übernatürlichen – gläubig oder ungläubig? – selbst zum Thema. The Rite – Das Ritual (The Rite) stellt sich in diese Tradition, noch bevor der Film beginnt: Während das Wagner-Logo vorm Himmel zerfällt, diskutieren flüsternde Stimmen – gleichsam Engelchen und Teufelchen – die Gretchenfrage. Es folgt ein Johannes-Paul-II.-Zitat zum Thema, schließlich verkündet ein Insert, der Film beruhe „auf wahren Begebenheiten“.

In diesem rhetorischen Rahmen wird die Glaubensbereitschaft von Protagonist und Zuschauer parallel auf die Probe gestellt. Bestattungsunternehmersohn Michael (Colin O’Donoghue), aufgewachsen in einer engen Welt zwischen Tod und Katholizismus, wird mehr vom Vaterkomplex denn aus Überzeugung ins Priesterseminar getrieben, will das Studium jedoch kurz vor der Weihe an den Nagel hängen. Doch nachdem er sein Talent im Segensprechen an einem Verkehrsopfer unter Beweis gestellt hat, überredet, oder vielmehr: erpresst ihn sein Dozent, erst einen Exorzistenlehrgang in Rom zu belegen und sich die Sache dann nochmal zu überlegen.

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Weil der Kurs bei dem notorischen Zweifler nicht fruchtet, verweist man ihn an den exzentrischen Pater Lucas (Anthony Hopkins), eine Teufelsaustreiber-Autorität ersten Ranges, trotz fortgeschrittenen Alters noch gut im Geschäft, weil es in Rom vor Besessenen nur so wimmelt. Kurz darauf wird Michael Zeuge der Heimsuchung eines Mädchens, die sich wider aller Zweifel als real entpuppt, wird von Vorzeichen und Echos unverarbeiteter Kindheitstraumata umzingelt, sein sterbender Vater (Rutger Hauer) erscheint ihm in Visionen, schließlich ist auch Lucas besessen, und Michael muss nun selbst Exorzist spielen. Das gesamte Rom-Abenteuer erweist sich als vom Teufel persönlich inszenierter Bekehrungscrashkurs, bei dem der Leibhaftige mit Schaudereffekten klotzt statt kleckert.

Die Moral der Geschichte: Der einzige Schutz vorm Teufel ist die Akzeptanz seiner – und damit auch Gottes – Existenz, der Zweifel selbst ist das eigentliche Böse. Diese antiaufklärerische Programmatik kann man durchaus als genreimmanente Notwendigkeit begreifen, den Glaubensdiskurs als einschlägiges Spannungsmotiv. Hinzuweisen wäre aber darauf, dass The Rite vom gleichen Produzententeam wie Der Exorzismus der Emily Rose (The Exorcism of Emily Rose, 2005) stammt, der sich im gleichen Diskurs ebenso eindeutig positionierte und den einige Kritiken – nicht zuletzt auf critic.de – aus gutem Grund auch nicht so leicht davonkommen ließen.

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Nehmen wir das Angebot des Films an („beruht auf Fakten“) und setzen ihn nicht so sehr ins Verhältnis zu anderen Filmen – allem voran zum Exorzisten (The Exorcist, 1973) – , sondern ins Verhältnis zur Welt, also zur Tatsache, dass die katholische Kirche noch heute Exorzisten ausbildet und dass säkularisierte Länder deren Tun gestatten: Dann erscheint die Haltung, die The Rite hierzu einnimmt, zum mindesten dubios. Zwar bleibt die von ihrem Vater vergewaltigte, schwangere 16-Jährige, bei allem Röcheln, Fluchen und Blutige-Nägel-Ausspucken, im Vergleich zum Original „Friedkin light“. Dass die Umdeutung ihrer psychischen Krankheit in „Besessenheit“ und die Austreibungen Akte des Psychoterrors sind, zeigt The Rite aber eindringlich – und erklärt dies innerhalb seines Ordnungssystems letztlich für rechtens. Was umso zwiespältiger erscheint, als er mit einem Bekehrten aufwartet, der jung, attraktiv und reflektiert ist und zumindest mit einem Bein in der Moderne steht (er zockt sogar Computerspiele).

Doch wie ernst man das „Anliegen“ eines Genrefilms immer nehmen möchte, es scheitert zum Glück daran, dass The Rite als Thriller nicht viel taugt. Dabei funktioniert der Film noch ganz gut, solange er alles in der Schwebe hält. Die in dunklen Blau- und Grautönen gefilmte Spukstadt hat zwar mit Rom so wenig zu tun hat wie mit jedem anderen realen Ort (on location wurde übrigens in Budapest gedreht), und die aufdringliche Symbolik – in praktisch jeder Einstellung ist ein Kruzifix zu sehen – ermüdet schnell. Dennoch gelingt Regisseur Mikael Håfström in der ersten Hälfte ein gediegener, mehr auf Schauer als auf Schock setzender Spannungsaufbau in stimmiger Atmosphäre.

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Die unheimlichen Phänomene sind anfangs mehrdeutig, die Kräfteverhältnisse unklar: Seminarleiter Pater Xavier (Ciarán Hinds) ist intellektuell eher simpel gestrickt, Michael bekommt mit der Journalistin Angeline (Alice Braga) einen aufklärungsliebenden Sidekick, und Pater Lucas ist als Figur anfangs durchaus ambivalent: ein Starexorzist, der sich mit der Moderne arrangiert – beim Austreiben klingelt schon mal das Handy –, der Witze über den Friedkin-Film reißt und sich zu atheistischen Flausen bekennt. In diesem Stadium spielt Hopkins die Figur überzeugend und mit spürbarem Vergnügen.

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Sobald jedoch Lucas vom Teufel geholt wird, verfällt der Schauspieler in jene Manierismen, die schon Hannibal Lecter mit jeder Fortsetzung operettenhafter gemacht haben. Und die ihn umringenden Horrorelemente – neben viel Geröchel, Geklopfe und Gesichtsverfärbungen ein Muli mit roten Augen und eine Legion diabolischer Frösche – treiben, sobald sie eindeutig konnotiert sind, zwar Michael in die Arme des Glaubens, verlieren aber für den Zuschauer jeglichen Schrecken, was zugleich an ihrer puren Menge, ihren tricktechnischen Mängeln und ihren dramaturgisch bleiernen Einsatz liegt. So haben sich die Wege zwischen Protagonist und Zuschauer an der Glaubens-Abzweigung zum Glück längst getrennt, wenn The Rite einem seine Moral unterjubeln will. In Abwandlung eines Umberto-Eco-Zitats: Zwei Frösche sind unheimlich, hundert Frösche sind lächerlich.

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