The Paperboy

Weiße Opfer und keinerlei Helden.

The Paperboy 16

Buhrufe gegenüber Kunst, das muss nicht immer für kleingeistige Empörung stehen. Mit gewisser Verlässlichkeit können sie aber als Indikatoren für großes, mutiges Kino gelten. Filme, die in Erinnerung bleiben. Oder will hier jemand Qualität? In einer Diskussion darüber, wie man entscheiden könne, welche Filme Geld zur Finanzierung erhalten sollten, beschrieb der Filmhistoriker Enno Patalas einmal folgerichtig den Widerspruch, in den sich jeder verfange, der Qualitätsdebatten über Kunst führt: „Qualität“ sei ein rückwärtsgewandter Begriff, weshalb Patalas damit auch nicht viel anfangen könne. Nicht Filme, die man sich „schon vorstellen“ kann, sollten unterstützt werden, sondern eher solche, auf die man „gespannt“ sei. Um nichts weniger als den Gegensatz zwischen Kalkül und Wagnis geht es. Wer berechnend produziert, wird seltener Buhrufe ernten. Lee Daniels hat mit The Paperboy jedenfalls einen Film gedreht, den man sich auch fertig nicht „vorstellen“ kann. Und der im Wettbewerb von Cannes immerhin den einen oder anderen Zuschauer verstört.

The Paperboy 4

Der Plot klingt nach einem Thriller, aber wie schon in Precious – Das Leben ist kostbar (Precious, 2009) ist die Handlungsnacherzählung irreführend, es sind die kleinen Details, die Figurenkonstellationen und der Stil, die The Paperboy seine besondere Tonalität verleihen. Erst einmal wirkt es befreiend, im nach wie vor von Weißen dominierten amerikanischen Kino eine Stimme zu hören, die rassische Rollenverteilungen in Frage stellt und keines weißen Helden bedarf, um unterdrückte Schwarze zu befreien (vergleiche etwa The Help, 2011). Im Knast sitzt ein kurioses white trash-Exemplar und blickt der Todesstrafe entgegen, von Beruf Alligator-Jäger, zu Hause in den Sümpfen Floridas. Es ist 1969, und der schwarze Journalist Yardley Acheman (David Oyelowo) braucht zum Schreiben noch einen weißen Partner, einen fürs „Praktische“, will heißen: um die weißen Gesprächspartner nicht vor den Kopf zu stoßen. Die Feder ist er, das stellt Yardley klar. Er ist ein stolzer Mann, aber auch ein opportunistischer. Sein Kollege Ward Jansen (Matthew McConaughey) ist der Getriebene, der an der Wahrheit mehr als an der Story interessiert ist. Nebenbei geht es um die Aufklärung eines Mordes, jenes Todes, für den Jäger Hillary Van Wetter (John Cusack) einsitzt.

The Paperboy 13

Katalysiert wird die Story – und der eigentliche Kern des Films – durch das Häftlingsgroupie Charlotte Bless (Nicole Kidman), eine durchgeknallte, an der „dunklen Seite“ der Männer interessierte, strohblonde Frau. Auftritt Kidman, Auftritt Sex-Fantasien. Der Highschool-Schauspieler Zac Efron, der unter der Führung von Lee Daniels im Drama nicht deplatziert wirkt (!), gibt den Protagonisten, Wards jüngeren Bruder Jack, der sich durchs Leben treiben lässt und eigentlich die Journalisten chauffieren soll. The Paperboy, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Pete Dexter (1995), mäandert wie Jack; bald ist vergessen, was es mit all der Handlung auf sich hatte, und es geht nur noch um Sehnsucht. Jack will Charlotte mit den kurzen Röcken. Charlotte ziehen die Gitterstäbe an. Ward mag es schwarz. Zooms, körnige Bilder, kitschige Überblendungen, warme Farben, ein heiterer Soul-Soundtrack. Daniels emuliert die 70er Jahre.

The Paperboy 02

Überragende und überraschende Schauspielleistungen bringt der Regisseur hervor: Kidman ungewohnt trashy und oversexed, McConaughey trefflich an den Rand gedrängt, ohne Chance zum Overacting. Die Sängerin Macy Gray spielt ein herrlich ungeniertes Dienstmädchen, ihre Figur bringt die wankende Weiß/Schwarz-Hierarchie zum Vorschein. Humor ist geboten, es sind Zeiten des Umbruchs. Der aber wird brutal. Ein Horrorfilm steckt nämlich auch noch in The Paperboy. Rachegelüste unterdrückter Schwarzer spielen allerdings keine direkte Rolle, obwohl es nur weiße Opfer gibt. Die Gewalt ist bei Daniels nämlich privat-sexueller Natur. Wer in den Sumpf hinein fährt …

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Wir gleiten, gleiten, bis hinein ins Herz der Finsternis. Die disparaten Wegstücke, die uns dorthin führen, und ihre unzulässige Verknüpfung, sind ein kleines Fest – höchstens noch ein bisschen wilder, aufgeregter, ungezügelter könnten sie sein. Die moralische Deutungsfreiheit, der uns Daniels in seiner großzügig-emphatischen, aber immer auch distanzierten Art überlässt, ist eine willkommene Abwechslung im ideologisch-autoritären Kinosystem Hollywoods, bei dem er sich ansonsten freizügig bedient. In einem gestylten Intermezzo, die Sehnsucht (oder ist es Geilheit?) schlägt immer stärker bei Jack an, sucht der gestählte Körper von Zac Efron Abkühlung im Meer. Einen prächtigen Quallenangriff später pinkelt Nicole Kidman mit Verve auf ihn. Nein, wie das nun mit eingeschlagenen Schädeln und den Eingeweiden von Alligatoren, mit sexueller Freiheit und ethnischer Gleichberechtigung zusammenpasst, das kann man sich auch nach dem Film nicht vorstellen. Muss man aber auch nicht, man hat es ja erlebt.

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Kommentare


Ulle

Der Film hat mich bis auf den schauspielerisch extrem gegen den Strich gebürsteten/ besetzten Nolan etwas matt zurück gelassen. Die Story ist recht einfach und dennoch wird aus dem Off erklärend miterzählt. Als ob der Regisseur seiner eigenen Verfilmung nicht ganz trauen würde. Zwar sind einzelne Szenen sehr schön inszeniert, dennoch will sich für mich kein Storyfluss ergeben. Weder inhaltlich , noch anhand der Bilder oder der Schnitte. Nicole Kidman ist hier m.E. eine Fehlbesetzung , ähnlich wie schon im "Menschlichen Makel". Das macht den Film durchaus an manchen Stellen -im doppelten Sinne- besonders trashig, ermöglicht aber es aber nie, keine (!) Kidman zu sehen. Alles andere erinnert mich ein wenig an "Mississippi Burning" in Florida. Nur an diversen Stellen ins Gegenteil verkehrt. Insgesamt erscheint mir der Film zerfasert , inhomogen ; dies nicht als künstlerisches Mittel misszuverstehen , sondern eher aufgrund eines filmischen Scheiterns. Die Pinkelszene von Kidman ist dann wohl auch bewusst gesetzt worden, ohne diese der Film eher wenig Aufmerksamkeit erhalten hätte. Daniels hat m.E. - und hier bin ich anderer Überzeugung als HerrJäeger- einen durch und durch kalkulierten / "berechnenden" Film vorgelegt, der ohne die Superstars maximal als interessantes B - Movie beschrieben werden könnte.
PS: Nicht auf BlueRay kaufen , die gewollten Unschärfen und digitalen "Körnungen" werden hier eher negativ zum Vorschein gebracht.


Ulle

errata: Nicht "Nolan" , sonder Cusack, John Cusack meinte ich -- sorry für den Dreher ;-)






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