The Gift

Mit einfachsten Mitteln entwirft Joel Edgerton das Szenario einer Bedrohung inmitten einer Gesellschaft, in der die gegenseitige Missgunst endlos scheint.

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Auf den ersten Blick beginnt The Gift wie der nächste Zugang in die endlose Ahnenreihe der Filmklischees: Ein junges erfolgreiches Paar zieht in eine neue Stadt, ein neues Haus, ein neues Leben. Alles ist geregelt, Sorgen und Unsicherheiten scheinen nicht zu existieren. Diese heilsten der heilen Welten gehört Simon (Jason Bateman) und Robyn (Rebecca Hall) Callum, die gerade von Chicago nach Los Angeles gezogen sind. Beim Einkaufen für ihr neues Domizil begegnen die beschwingten Schönlinge unversehens Gordo (Joel Edgerton), einem Schulkameraden Simons. Nach einem gemeinsamen Dinner sucht Gordo verstärkt den Kontakt, vor allem zur unprätentiösen Robyn. Ein unmerklicher Schleier senkt sich da bereits über die Bilder, ein Riss gewissermaßen, der mitten durch die Person Gordos zu verlaufen scheint. Die Schichten der Vergangenheit werden langsam abgetragen und Gordo als ehemaliges Mobbingopfer Simons enttarnt. Damit scheinen die Verhältnisse klar. Im Kopf entstehen archaische Bilder, die so gar nicht zum glatten Leben in den Hügeln Hollywoods zu passen scheinen: Rache, Sühne, Vergeltung. Was folgt nun?

Auf der Rückseite der Positivgesellschaft

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Müsste man die Form von The Gift beschreiben, so wäre es die eines Strudels, der langsam alles in sich hineinzieht und umwälzt und dabei an der Oberfläche seelenruhig dahinzieht. Die äußerliche Perfektion eines Lebens in der US-amerikanischen Positivgesellschaft verleiht The Gift eine Art visueller Glasur: Wenn im Leben der Callums gerade nicht gejoggt wird, Vitamine geshaket werden oder Salat gegessen wird, dann wird gearbeitet, und zwar mit einem Lächeln im Gesicht. Gordos Eindringen in die Welt des Ehepaars kann nur deshalb so befremdlich und schließlich furchteinflößend sein, weil er das Andere, das Außen der Bilder verkörpert, die Rückseite dessen, was man sieht. Verlust, Enttäuschung, Misserfolg und vor allem Ungerechtigkeit. Ja, all das gibt es auch. Diese Dinge sind in Gordo virtuell vorhanden und entladen sich als kribblige Schauer über der glanzvollen Selbstgerechtigkeit des bürgerlichen Ehelebens. Hanekes Caché (2004) und Lynchs Lost Highway (1997) spielen ebenfalls mit genau dieser Dynamik – es entsteht eine Welt aus Angst.

Der Mann ist dem Mann ein Wolf

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Robyn ist dabei der unzweifelhafte Mittelpunkt des Films, denn sie hält die Fäden zusammen: Abseits der männlichen Machtspiele bleibt sie als einzige Figur des Films sie selbst. Sie verurteilt nicht und trifft trotzdem die Entscheidungen. Daher geht sie aus dem Ränkespiel als Siegerin hervor. Ein wenig abgeschmackt ist das trotzdem: Die Frauen sind wieder einmal für den Frieden zuständig, während die psychotischen Männer sich bis aufs Blut bekriegen und mit Hochgenuss daran zugrunde gehen dürfen. The Gift zeigt dies zwar um einiges nuancierter, aber die dem Film gut anstehende Sentenz, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, wird dadurch ein wenig entwertet: Es ist also der Mann, der dem Mann ein Wolf ist, wohl vor allem der dramaturgischen Einfachheit halber. Und dann ist Gordo natürlich auch die mustergültige Verkörperung eines wohlfeilen US-amerikanischen Phantasmas: des ewigen Losers.

Wer behält am Ende die Oberhand?

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Das Klischee lauert also an jeder Ecke, aber vor dessen Vollendung schafft es der Film immer wieder, abrupt abzubremsen und die Richtung zu ändern. Es ist bemerkenswert, wie gut es The Gift gelingt, immer wieder die Machtverhältnisse innerhalb der Handlung umzudrehen. So entsteht ein rissiges Panoptikum aus vorschnellen Eindrücken und Bewertungen, das immer wieder in Frage steht, stets angereichert mit einer gehörigen Prise Paranoia. Sodass man sich am Ende schon fragen muss, wer eigentlich aus dem ganzen Schlamassel als Sieger hervorgegangen ist, wer die Oberhand behalten hat. Die Antwort auf diese Frage ist dann zweifellos vorhersehbar: Es ist diejenige, die niemandem etwas Böses wollte und die noch an das Gute, an das Leben zu glauben vermag. Die Frau. Das ist schon rührend: Hinter all den beinharten Psychospielchen steht schlicht und einfach ein sehnsüchtiger Mutterkomplex.

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