The Firm

So hässlich kann England sein. In seinem letzten Film widmet sich Alan Clarke einer Gruppe kleinbürgerlicher Hooligans. 

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Was für den Opernliebhaber Bayreuth ist und für den Cineasten Cannes, das sind für den Hooligan die Europa- und Weltmeisterschaften im Fußball. In The Firm (1989) sieht die britische Gruppierung Inter City Crew (ICC) der bevorstehenden EM 1988 in Deutschland schon freudig entgegen. Das Problem ist nur, dass die Konkurrenz deutlich in der Überzahl ist. Allein 400 holländische Hooligans haben bereits zugesagt. Um eine reale Chance zu haben, versucht die ICC, die selbst nur aus einer Handvoll Männer besteht, nun das Unmögliche: Gemeinsam mit verfeindeten Gangs wollen sie sich zu einer nationalen „Firma“ verbünden.

Im letzten Fernsehfilm vor seinem Tod vertritt Regisseur Alan Clarke einen Standpunkt, der seine Figuren deutlich von den Wagnerianern unterscheidet: Hooligans interessieren sich gar nicht für Fußball. In einer Szene lässt er die angetrunkenen Mitglieder der ICC sogar verkünden, dass es ihnen im Grunde genommen herzlich egal ist, zu welcher Sportart sie sich gegenseitig verdreschen. Notfalls könne man das auch zu Darts machen.

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Clarke hat seinerzeit das Bild des Hooligans um eine Facette bereichert. The Firm verzichtet auf das Klischee des gewalttätigen Proletariers. Hier sind es Kleinbürger, die mit Frau und Kindern im Einfamilienhaus leben und als Kontrastprogramm den Nervenkitzel einer Massenschlägerei suchen. Einmal besucht Anführer Bex (Gary Oldman) seine Eltern, um im alten Kinderzimmer nach Waffen für das nächste Gefecht zu suchen. Da sehen wir einen Mann mit Schnauzer und Anzug, einen prototypischen Spießer, wie er mit einem Teleskopstock auf ein Kissen einprügelt. Die Hooligans in The Firm mögen sich hinter der Maske der Zivilisation verstecken, dahinter lauern aber die niedersten Instinkte.

Bex ist ein Immobilienmakler um die dreißig, der sich nicht so recht zwischen der Rolle des verantwortungsvollen Vaters und des berufsjugendlichen Schlägers entscheiden kann. Der Film erzählt gewissermaßen eine verspätete Coming-of-Age-Geschichte, die für gewöhnlich auf eine Weiterentwicklung des Protagonisten hinausläuft. Doch in The Firm gibt es keine Hoffnung für die Figuren. Die sind am Ende noch genauso dumm wie am Anfang.

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Wenn der Fußballliebhaber Clarke einen Film über Hooligans dreht, ist das vor allem ein wütendes Statement. Obwohl bei der ICC immer mal wieder so etwas wie Gruppensolidarität durchschimmert, spürt man doch die Verachtung des Regisseurs in jedem Bild. In den 1970er und 80er Jahren hat Clarke inhaltlich wie formal radikale Beiträge für das britische Fernsehen gedreht, in denen sich England von seiner hässlichsten Seite präsentiert. Dabei ging es nie um Elendsvoyeurismus, sondern lediglich darum, soziale Missstände ins Rampenlicht zu zerren. Mal ist es ein junger Tim Roth als hasserfüllter Neonazi (Made in Britain, 1982), mal die Gewalt in einem Jugendgefängnis (Scum, 1979) oder der monotone Alltag einer heroinabhängigen Teenagerin (Christine, 1987). Clarkes schonungsloser Blick auf die offenen Wunden einer kranken Gesellschaft kam bei den Fernsehsendern nicht immer gut an. Scum wurde damals gar nicht erst ausgestrahlt, und bis heute sind nur wenige von Clarkes Filmen auf DVD erhältlich. Umso erfreulicher ist es, dass The Firm nun zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum erscheint.

Clarkes Schaffen reicht von Romanverfilmungen bis zu eher experimentellen Arbeiten. Der ebenfalls kurz vor seinem Tod erschienene Elephant (1989), ein Kommentar zum Nordirlandkonflikt, hat wie auch Christine als grundlegendes Gestaltungsprinzip die Wiederholung. Die für Clarkes Ästhetik charakteristische Steadicam folgt darin verschiedenen Menschen durch Straßen und Korridore, so lange, bis sie an ihrem Ziel angekommen sind, eine Waffe ziehen und ihr Opfer niederstrecken. Das alles geschieht ohne Handlung oder Dialoge, ohne Empathie oder Erklärungsversuche. Man ahnt schon, dass Gus Van Sant bei seinem Film Elephant (2003) nicht nur den Titel geklaut hat.

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Was die Dramaturgie betrifft, ist The Firm dagegen vergleichsweise konventionell. Nicht die Bewegungen der Figuren im Raum oder die minimalistische Struktur stehen hier im Vordergrund, sondern die lineare Handlung vom jähzornigen Bex, der es einfach nicht begreifen will und selbst, nachdem sich sein Sohn am einem für den Nahkampf gedachten Teppichmesser verletzt, nicht zur Besinnung kommt. Stilistisch versammelt Clarke hier allerdings noch einmal jene Mittel, die viele seiner Filme geprägt haben.

The Firm ist ein ausgesprochen körperlicher Film. Nicht nur, weil sich seine Figuren immer wieder in ordinären Männlichkeitsritualen ergehen und ihre Kräfte messen, sondern auch, weil der Zuschauer mobilisiert wird. Die Kamera ist ebenso rastlos wie der vor negativer Energie berstende Gary Oldman, der sich mit seinen jeweiligen Kontrahenten ein aggressives Wortgefecht nach dem anderen liefert. Dabei gönnt Clarke seinem Publikum keine Distanz. Immer wieder klebt die Kamera unangenehm nah an den Gesichtern der Figuren, zeigt wie die Wut sie zur Fratze verzerrt. Es lässt sich nur darüber spekulieren, welche Projekte Alan Clarke noch verwirklicht hätte, wäre er nicht bereits mit 54 Jahren verstorben. Dass dieser Film unversehens zu einem solch unversöhnlichen Abschied geriet, dürfte aber ganz in seinem Sinn gewesen sein.

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