Taste the Waste

Warum endet die Hälfte unserer Lebensmittel im Müll? Valentin Thurn konfrontiert uns in Taste the Waste mit den Ausmaßen unserer Nahrungsmittelverschwendung.

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Berge von Müll: Tonnen an Gemüse, das schon vorm Vertrieb als ungenügend deklariert wird, weil Gurken nicht die normierte Form besitzen, weil Kartoffeln nicht den Größenvorgaben entsprechen, Tomaten nicht rot genug sind. Tonnen an Obst, das aufgrund von leichten Druckstellen nicht an das Schönheitsideal der Konsumenten einer jederzeit perfekt-frischen Ware heranreicht und somit aus den Regalen der Supermärkte aussortiert wird. 90 Millionen Tonnen weggeworfene Lebensmittel jedes Jahr allein in der Europäischen Union: Geladen auf Lastwagen wäre das eine Kolonne einmal rund um den Äquator, wie uns Zwischentitel à la We Feed The World (2005) verraten. Wir leben in einer Welt des Überflusses, in der die immer geringere Wertschätzung für Nahrungsmittel in ein System aus Verschwendung und Überproduktion gipfelt: Taste the Waste.

„Erkenne die Verschwendung“ lässt sich das übersetzen, aber auch wörtlich: „Probier’ den Müll“. So wie die Mülltaucher, die das sogenannte „Containern“ oder „Dumpstern“ betreiben – das Mitnehmen weggeworfener, jedoch noch genießbarer Lebensmittel aus Abfallcontainern von Supermärkten oder Fabriken. Ein Lebensstil, dem bereits in der US-amerikanischen Dokumentation Dive! (2009) Tribut gezollt wurde. Diese Art der Konsumverweigerung ist nur eine Form, die uns der Regisseur für eine verantwortungsvolle und bewusste Lebensweise abseits der Wegwerfgesellschaft vorstellt. Da wären Einzelinitiativen wie Gärten oder Imkereien in der Stadt, Lebensmittelkooperativen oder gemeinnützige Organisationen wie Slow Food oder die „Tafel“.

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Im Vergleich zu seiner Fernseh-Dokumentation Frisch auf den Müll (ARD, 2010), in der sich Thurn bereits mit demselben Thema auseinandersetzte und deren Material ein Viertel des Kinofilms ausmacht, entwickelt er in Taste the Waste durch Verzicht auf einen Off-Kommentar eine andere narrative Dynamik: Die Erzählungen der Protagonisten, deren Spektrum von Supermarktangestellten, Landwirten und Bäckern über EU-Beauftragte und Wissenschaftler bis hin zu Aktivisten reicht, spinnen sich zusammen mit eindringlichen Aufnahmen aus aller Welt und sparsam eingesetzter Musik zu einem Netz globaler Lebensmittelvergeudung, ohne dabei belehrend den Zeigefinger zu erheben. Dabei versäumt es der Regisseur nicht, die Vernichtung von Nahrungsmitteln in den Kontext ihrer weltweiten ökologischen und ökonomischen Konsequenzen zu stellen sowie die ethische Diskrepanz von Wohlstandsüberschuss und Welthunger anschaulich zu machen.

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In den letzten Jahren erschienen diverse Dokumentationen über Lebensmittel, die sich mit der Kehrseite der Globalisierung (We Feed The World), der Monopolisierung der Lebensmittelindustrie (Food Inc., 2008) oder der Industrialisierung der Produktion (Unser täglich Brot, 2005) auseinandersetzten. Bei allen ästhetischen Unterschieden liegt deren Gemeinsamkeit in einer deduktiven Darstellung systembedingter Nachteile für die Nahrungsmittelproduktion sowie für den Nahrungsmittelkonsum. Das heißt, das Produktions- wie das Konsumverhalten, sei es die Massenproduktion oder der tägliche Verzehr von Fast Food, ergeben sich unmittelbar und nahezu unvermeidbar aus dem Bestehen der jeweiligen herrschenden Ordnung. Zwar fordern alle Nachhaltigkeit – wie auch die Online-Kurzdokumentation The Story of Stuff (2007), die unsere moderne Nahrungskette als linearen Prozess aus Rohstoffgewinnung, Produktion, Vertrieb, Konsum und Entsorgung animiert –, alles in allem bleibt es jedoch beim bloßen Appell.

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Das Besondere an Taste the Waste besteht nun in zwei Aspekten: Zum einen rollt der Regisseur diese Kette sozusagen von hinten auf. Er zeigt induktiv, wie das Konsum- und Entsorgungsverhalten jedes Einzelnen – geprägt von utopischen Produktvorstellungen sowie der allgemeinen Geringschätzung für Lebensmittel – die Normen des Handels mitbestimmen, ohne aber dessen Beteiligte von ihrer Verantwortung entbinden zu wollen. Denn auch das verschwenderische Prozedere der Verkäufer, infolgedessen Ware bereits auf Grund von kleinsten Qualitätsmängeln oder lange vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Regalen entfernt wird, wirkt sich fatal auf Produzenten der ganzen Welt und letztendlich auf das Klima aus. Zum anderen weist Thurn nicht nur auf Nachhaltigkeit hin, sondern liefert konkrete Gegenentwürfe und Beispiele für einen gewissenhaften Umgang mit Nahrungsmitteln. Man könnte also sagen: Seit We Feed The World wissen wir, dass Wien täglich die Menge an Brot wegwirft, mit der man ganz Graz versorgen könnte. Doch erst seit Taste the Waste haben wir erfahren, dass Brot nahezu den gleichen Brennwert hat wie Holz, weshalb es ebenso gut als Brennstoff für die Beheizung der Brotbacköfen verwendet werden kann und teilweise verwendet wird.

Taste the Waste veranschaulicht nicht nur das Ausmaß und die Etablierung von Lebensmittelverschwendung als Praxis mit globalen Konsequenzen, sondern entfaltet sein Potenzial im Aufzeigen von subversiven Alternativen, die Mut auf Veränderung und Eigeninitiative machen. Der Film entlässt die Zuschauer mit einer bunten Montage aus Mülltaucherimpressionen aus dem Film Dive! Der ein oder andere wird es sich sicher überlegen, zukünftig auch einmal abzutauchen.

Trailer zu „Taste the Waste“


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Kommentare


heidi

suche für grosse vegetarische tafel leute in köln
die sowas gemeinsam aufbauen wollen ..
in einer ehemaligen backstube köln ehrenfeld


Felix

um so etwas aufzubauen bin ich zu weit weg... aber wenn man mal lokal auf das Thema hinweisen will könnte ich professionelle Koch Unterstützung bieten, um mal ein Tafelmenü zu veranstalten
gruß Felix
mail@delix.biz
delix.biz






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