Suffragette – Taten statt Worte

Die britische Regisseurin Sarah Gavron setzt der Bewegung für das Frauenwahlrecht ein gut gemeintes Denkmal. Der deutsche Zusatztitel des Films deutet aber schon an, warum es ein unzulängliches sein könnte.

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Suffragette beginnt weder mit einer Frau noch mit einem Mann, sondern mit einem Rad, das im Dampfdickicht rattert. Unaufhaltsam hat sich der technische Fortschritt Bahn gebrochen, doch der gesellschaftliche hinkt ihm hinterher. Fabriken, Autos, Fotoapparate fügen sich en passant zu einer Werkschau technischer Errungenschaften, dieses London 1912 hat die Menschheit das bisher Geleistete im Flügelschlag überholen sehen; doch der zivilisatorische Rückstand prangt präzise in jeder Szene. Noch immer steht die Hälfte der Bevölkerung mit ihrer gesamten Existenz unter der Vormundschaft eines Mannes; der Körper der Frau, ihr Vermögen, ihre Geschicke stehen dem Vater, dem Bruder, dem Ehemann nach Gutdünken zur Verfügung. Das Gefälle wird umso deutlicher, als Frauen längst der häuslichen Sphäre entwichen sind und Eingang gefunden haben in die Fabriken des Landes, so auch in die Wäscherei, in der Suffragette seinen Anfang nimmt.

Das Gruselkabinett des Patriarchats

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Wie viele Szenen in diesem Film reiht sich schon die erste ein in das Bestreben, dieses Gefälle in jeder erdenklichen Variation zu bebildern. Suffragette ist ein monströses Panoptikum der Gewalt gegen Frauen: rechtlich gesichert, ausgeführt von der Staatsgewalt bis hin zu ihrem Handlanger im Häuslichen, dem Ehemann, findet sie ihren Niederschlag in einer unentwegten Abfolge von Entmündigungen und Demütigungen; in der Vergewaltigung, der Enteignung, der Diffamierung als schwachsinnig, dem Freiheitsentzug, der gesellschaftlichen Schmach. Als sich die Kamera anfangs vom so fortschrittversprechenden Rad löst, erfasst sie in einer langsamen Aufwärtsbewegung die gesamte Werkshalle und arbeitet sich so zum Blick des Fabrikbesitzers (Geoff Bell) empor, der fürstlich am Balkon steht und auf sein eifriges Heer an Wäscherinnen herabschaut. Parolen gegen das Frauenwahlrecht überlagern die schon sehr eindeutige Komposition. Die Frau, heißt es, brauche das Wahlrecht nicht; ihre politische Repräsentation sei bestens durch den Mann gewährleistet.

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Suffragette hätte sich sicherlich damit begnügen können, den Kampf für diese Repräsentation zu zeigen. Tatsächlich aber setzt der Film früher an, bei der Unrechtsbewusstwerdung, und stellt damit ganz andere Fragen. Was braucht es, dass ein Mensch sich seiner eigenen Existenz bemächtigt? Woraus das Selbstbewusstsein und die Kraft schöpfen, auszuscheren? Wie ersinnt man ein anderes Leben, wenn das eigene strukturell darauf ausgelegt ist, in Unmündigkeit zu verharren? So folgt der Film nicht etwa der gesetzten Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst (Meryl Streep), sondern der Wäscherin Maud Watts (Carey Mulligan), feministischer Umtriebe gänzlich unverdächtig. Ohne Zutun gerät Maud in einen Pro-Frauenwahlrecht-Krawall und radikalisiert sich in Windeseile von der ehrfürchtigen Ordnungswahrerin zur furchtlosen Heldin. Denn so linear der Aufstieg der fiktiven Maud Watts und ihre Selbstaufgabe for the cause, wie es immer heißt, so aalglatt ihr tüchtiges Heldentum, das weder Zweifel noch Verfehlung kennt und unaufhaltsam auf das höchste zusteuert, während sie zunehmend aus ihrem bisherigen Leben geschleudert wird.

Die Ausführerinnen der guten Sache

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Vom Fabrikbesitzer zum Ehemann über die Polizei gibt sich das männliche Geschlecht in Suffragette erschreckend rabiat; Respekt erfährt Maud allein von ihrem kleinen Sohn (Adam Michael Dodd), auf den der frauenverachtende Zeitgeist vermutlich noch nicht lang genug eingedroschen hat. Auch bei der Frauenbewegung drängt sich der Eindruck auf, dass Suffragette alles Uneindeutige umschifft: Sie wird in seliger Eintracht gezeigt, Seite an Seite kämpfen die proletarische Wäscherin und die Abgeordnetengattin, und unweigerlich kommt die Frage auf, wo, wann, wie all diese Frauen eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Die klassenübergreifende Harmonie findet ihren Gipfel in einer Kundgebung von Emmeline Pankhurst, die so majestätisch am Balkon steht wie der Fabrikbesitzer am Anfang und ihrem fleißigen Heer von oben herab winkt. Überhaupt mutet es komisch an, dass eine Bewegung, die nach politischer Repräsentation trachtet, nie in ihrer internen Entscheidungsfindung gezeigt wird; von innerverbandlicher Demokratie keine Spur. So legt die Regisseurin Sarah Gavron das Augenmerk eher auf die Unterdrückung als auf die organisierte Befreiung aus derselben. Ihre theoretischen Grundlagen werden woanders gedacht und gesprochen, die hochinteressante Auseinandersetzung mit dem zivilen Ungehorsam ausgeblendet; Sarah Gavrons Figuren führen aus, in einer etwas verzerrten Erfüllung des deutschen Zusatztitels, „Taten statt Worte“.

Dabei gibt es in Suffragette durchaus Zwischenräume, deren Erkundung interessant gewesen wäre. Als Maud zum ersten Mal der Frauenbewegung begegnet, schlagen Aktivistinnen das Schaufenster eines Puppengeschäfts ein. Sehnsüchtig hatte Maud in den Sekunden vor dem Anschlag die Puppen angeschaut, ein kleiner Junge in Matrosenanzug, den Blick gen Himmel, ein kleines Mädchen im Kleid, den Kopf gesenkt. Alles ist da: das zwiespältige Verhältnis zur eigenen Unterdrückung, die Frage nach der Konstruktion von Geschlechterunterschieden und ihrem Beitrag zur Ungleichberechtigung, die Rolle von Sozialisation im Allgemeinen und Spielzeug im Besonderen. Aber all diese Fragen werden nicht weiterverfolgt; einzig der Steinwurf bleibt als Antwort.

Trailer zu „Suffragette – Taten statt Worte“


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