Searching for Sugar Man

Malik Bendjellouls Dokumentarfilm zeigt, wie man neue Musikgeschichte schaffen und gleichzeitig zu Ende bringen kann.

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Kino schreibt Geschichte, schon immer. Und seine Mittel der Geschichtsschreibung sind vielfältig. Gerade was Musikhistorie betrifft, widmet sich das Medium in Dokumentationen und Spielfilmen gerne großen Ikonen und erzählt aus deren Leben, auch wenn Biopics wie Walk the Line (2005) vornehmlich um Dramatisierung und Glorifizierung bemüht sind. Malik Bendjellouls Künstlerdoku Searching for Sugar Man forscht ebenfalls auf emotionalisierende Weise nach der Geschichte eines Musikers, eine wirkliche Ikone gibt es zunächst jedoch nicht. Bendjelloul durchbricht die schillernden Oberflächen der jüngeren Musikgeschichte und legt eine ganz und gar geisterhafte Figur frei.

Der schwedische Filmemacher begibt sich auf die Suche nach dem totgeglaubten Sixto Rodriguez, um den sich etliche obskure Gerüchte ranken. Anfang der 1970er Jahre wurde er in Detroit entdeckt und unter Vertrag genommen. Die Produzenten sahen enormes Potenzial in dem aus Mexiko stammenden Singer-Songwriter, doch sämtliche Platten floppten in den USA, und der Künstler Rodriguez wurde nicht einmal zu einer Randnotiz der Musikgeschichte.

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Bendjelloul versteht es, den Musiker mit verschiedenen visuellen Spielereien in ein dichtes mystisches Gewand zu hüllen. Produzent Dennis Coffey berichtet von seiner ersten Begegnung mit Rodriguez in einer Kneipe in Detroit: mit dem Rücken zum Publikum sitzend, nur durch sein Gitarrenspiel und seine Stimme wahrnehmbar. Dazu ist unterbelichtetes, körniges Filmmaterial zu sehen, das nur kurze Blicke auf unscharfe, phantomhafte Gestalten erlaubt. Die Figur Rodriguez lässt sich geraume Zeit unmöglich fassen und bleibt lange sagenumwobenes Fragment, das abwechselnd von seinen Songs und dumpfem Brummen auf der Tonspur begleitet wird.

Durch Zufall gerät seine Musik in das politisch gebeutelte Südafrika. Rodriguez wird zur Galionsfigur der Anti-Apartheid-Bewegung und verkauft mehr Platten als Bob Dylan und Elvis Presley. Doch auch dort bleibt die Person selbst ein Gespenst. Nur langsam kumulieren Fetzen von Hinweisen zu einem größeren Ganzen. Es werden mögliche Aufenthaltsorte aus Songtexten herausgelesen und ganze Archive in Südafrika durchforstet, immer auf der Suche nach Zeichen und Fährten. Damit gelingt es Bendjelloul, viel Spannung in seinen Film zu bringen, der über die Ansprüche eines Biopics hinausgeht und sich sowohl visuell als auch akustisch Mustern des Mysteryfilms bedient. So unterscheidet sich Searching for Sugar Man von eher auf die Fanbase ausgelegten Musikdokus wie Tom DiCillos The Doors: When you’re Strange (2010).

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Dieser unbetretene Seitenpfad der Musikgeschichte erlaubt Bendjelloul also eine angenehm ungehemmte Mythenbildung ex nihilo. Der Regisseur arbeitet an keinem bestehenden Gerüst weiter, sondern erschafft den Mythos des Musikers, ein Mechanismus, der eigentlich Mockumentaries wie Spinal Tap (This is Spinal Tap, 1984) oder jüngst Fraktus (2012) vorbehalten ist und in ein lustvolles Verbiegen des Historischen mündet. Doch verfolgt Searching for Sugar Man freilich das Ziel, Musikgeschichte zu finden, nicht zu erfinden. Kino wird hier zur Suchmaschine von Geschichte, und der Film, der zwischen Authentizität und Künstlichkeit, Geschichtsschreibung und Genreerzählung mäandert, weiß so weitestgehend zu fesseln.

Leider lässt sich Bendjelloul im letzten Drittel zu einem recht pathosbeladenen Ende der Suche hinreißen und inszeniert die Wiederentdeckung des Künstlers als ergreifende Cinderella-Story. Das Problem ist dabei weder, dass es ihm gelingt, den Musiker ausfindig zu machen, noch dass der Film konsequent bei einer dramaturgischen Ausstaffierung der Ereignisse bleibt. Einige marginale Umstände können auch am Ende von Searching for Sugar Man nicht geklärt werden, doch Rodriguez’ Herkunft, Familie und Leben werden ausführlich dargelegt und in Zusammenhang gebracht. Dadurch vollzieht sich aber ein markanter Bruch, und mit einem Male breitet sich die Person vor dem Zuschauer aus wie ein offenes Buch. Das geschickt konstruierte Mysterium wird jäh eingerissen, und fast nichts von der vormals so geheimnisvollen Figur bleibt im Verborgenen.

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So wie der Film unbekümmert durch die Erzählformen wandert, so exerziert er auch seine Figur durch. Mit dem Wechsel in eine märchenähnliche Narration erreicht Bendjelloul eben vor allem auch eine Abgeschlossenheit der Geschichte. Damit wirkt das Leben von Sixto Rodriguez auf ernüchternde Weise auserzählt. Wie bei jedem Märchen bedarf es eben auch hier des unumstößlichen Happy Ends.

Trailer zu „Searching for Sugar Man“


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Kommentare


Carlo

Rodriguez' Musik ist magisch - seine beiden Alben habe ich vor 3 Jahren entdeckt und ich habe sie schon des öfteren weiterverschenkt. Kaum zu glauben, dass tatsächlich über seine in der Tat filmreife Geschichte ein Film entstanden ist!

Man schaue aber besser keine Trailer vorher, die verderben nur alles für den, der Rodriguez' Geschichte nicht bereits kennt ... Am besten ganz unbefangen reingehen!






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