Schloss des Schreckens

Eine jungfräuliche Gouvernante, zwei frühreife Kinder und ein sadomasochistisches Geisterpaar.

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Manche Filmvorführer hielten den Anfang für einen Fehler: Es erscheint kein Bild, die Leinwand ist schwarz wie die Nacht, nur der Gesang eines Mädchens ist zu hören. Sie singt ein Lied, das nicht ihrem Alter entspricht, von einem abwesenden Liebhaber, der zu ihr zurückkehren soll. Später erzählt dieses Mädchen Flora (Pamela Franklin), dass sie gerne ins Dunkle schaut. Und sie wird sich einmal bei ihrem Gute-Nacht-Gebet versprechen. Statt „If I die, before I wake“ sagt sie irrtümlich „If I wake, before I die“. Manchmal ist es besser, Kinder nicht aus einem Albtraum zu wecken, heißt es in einer Szene von Schloss des Schreckens (The Innocents, 1961). Der Schock kann schlimmer sein als der Traum.

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Von der Gouvernante des Mädchens, Miss Giddens (Deborah Kerr), sind zunächst nur die Hände zu sehen: Erst offen in Richtung Himmel gehalten, dann aggressiv ineinander verkrampft und schließlich flehend zum Gebet geformt, verraten sie schon viel über die Entwicklung, die die Tochter eines Landpfarrers während ihrer Anwesenheit auf dem Schloss des Schreckens durchmachen wird, bevor ihr Gesicht auf der Leinwand erscheint. Im Hintergrund erklingt lautes Vogelgezwitscher und Miss Giddens’ verzweifelte Beteuerung, sie wolle die Kinder doch retten und ihnen nicht wehtun.

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Angestellt, um auf die Waisen Flora und Miles (Martin Stephens) aufzupassen, wird die im doppelten Sinn jungfräuliche Gouvernante von deren Onkel (Michael Redgrave) als Erstes gefragt, ob sie Fantasie besitze. Miss Giddens bejaht. Eine entscheidende Frage, die Jack Claytons Gruselklassiker im Verlauf aufwirft, aber bis zum Schluss nicht eindeutig beantwortet, ist, ob sie vielleicht so viel davon besitzt (und unterdrückt), dass sie von ihren Fantasien in den Wahnsinn getrieben wird. Denn bereits bei ihrer Ankunft auf dem Landsitz Bly hört Miss Giddens eine Stimme, die nur sie wahrzunehmen scheint. Eigentlich ist sie mit den Kindern, der Haushälterin Mrs. Grose (Megs Jenkins) und noch zwei weiteren Angestellten allein auf dem herrschaftlichen Anwesen. Wären da nicht noch „the others“.

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„The Others“, nach denen Alejandro Amenábar seinen gleichnamigen Film (2001) benannt hat, sind Miss Giddens Vorgängerin Miss Jessel und ihr Liebhaber Peter Quint, die beide tot sind, in den Träumen und Vorstellungen der neuen Gouvernante aber immer lebendiger und bedrohlicher werden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Kinder die Anwesenheit des Geisterpaares ebenfalls zu spüren scheinen, auch wenn sie es leugnen. Auf jeden Fall besitzt es noch einen starken Einfluss auf Flora und Miles, die die sadomasochistische Beziehung, die Jessel und Quint einst unter ihren Augen führten, jetzt mit ihren Haustieren ausleben, und mit Miss Giddens, die sie häufig mit einem herablassenden „my dear“ anreden. Flora vergnügt sich daran, einer Spinne beim Verzehr eines Schmetterlings zuzuschauen, und schmeißt ihre geliebte Schildkröte ins Wasser, obwohl diese nicht schwimmen kann, während Miles in einer Szene seine Gouvernante würgt und vermutlich einer Taube das Genick gebrochen hat. Die prüde Miss Giddens, die heimlich für den Onkel der Kinder schwärmt, nachts von dem gewalttätigen Quint träumt und einmal von Miles einen sehr erwachsenen Kuss auf den Mund erhält, ist zunehmend davon überzeugt, dass die Kinder besessen sind. Sie schickt Flora und Mrs. Grose aus dem Schloss und bittet den „Herrn des Hauses“ zum Rendezvous.

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Claytons Adaption der Erzählung Die Drehung der Schraube (The Turn of the Screw, 1898) von Henry James und des darauf basierenden Theaterstückes The Innocents (1950) von William Archibald ist reich an verbalen und visuellen Anspielungen und bleibt dabei offen für verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Truman Capote, der zusammen mit Archibald das Drehbuch verfasste, hat den literarischen Vorlagen eine freudianische Sichtweise hinzugefügt. So wie Miss Giddens im Handlungsverlauf von ihrer Natur „übermannt“ wird, so wimmelt es in der Inszenierung des britischen Regisseurs von symbolträchtigen Tieren und Pflanzen. Vögel zwitschern oft und lautstark, ein Rosenblatt fällt auf eine Bibel, ein Käfer klettert aus dem Mund einer Statue, eine Schlüsselszene findet in einem Gewächshaus statt.

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Die Außenaufnahmen von Kameramann Freddie Francis (Der Elefantenmensch, The Elephant Man, 1980) wirken stets etwas zu hell und in Verbindung mit manch buchstäblich schräger Perspektive leicht surreal. Später verlagert sich das Geschehen vorwiegend ins Innere des Schlosses, in dem Francis durch den Einsatz von Licht und Schatten eine klaustrophobische Stimmung kreiert und gleichzeitig die labile Psyche und innere Zerrissenheit der Protagonistin bebildert. Einmal scheint sich ein Lichtstrahl in Miss Giddens’ Kopf zu bohren, ein anderes Mal wird ihr Gesicht durch einen Schatten in zwei Hälften geteilt. Einige Einstellungen besitzen eine große Schärfentiefe, in denen die Gesichter der Figuren im Kontrast zum dunklen Hintergrund stark beleuchtet sind und somit ein wenig gespenstisch wirken. Je kopfloser die Gouvernante wird, umso näher wird sie vor die Kamera und weiter an den Bildrand positioniert.

Schloss des Schreckens hat zu seiner Zeit kein großes Kinopublikum angezogen, dafür aber zahlreiche folgende Filme beeinflusst, darunter Stanley Kubricks Shining (The Shining, 1980). Besonders im Vergleich mit Kubricks Hotelhorror ist Claytons Old-School-Grusel in Schwarzweiß ein Meisterwerk des Subtilen, der sich das fehlende Bild zu Beginn zum Motto macht: Das Unsichtbare ist meist unheimlicher als ein Fahrstuhl voller Blut.

Trailer zu „Schloss des Schreckens“


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