Sand Dollars

Romantisch verbrämter Sextourismus: Die Regisseure Israel Cárdenas und Laura Amelia Guzmán zeigen eine alte Frau, die sich die Zärtlichkeit einer jungen kauft.

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Sand Dollars ist ein durch und durch nuancierter Film, der dann doch ein hartes Urteil zulässt. Zweifelsohne – und darin liegt sein Reiz – fordert er gängige Vorstellungen von Sextourismus heraus. Anne (Geraldine Chaplin) stammt aus Europa, sie ist alt, wohlhabend, polyglott und fristet ein meditatives, selbstzentriertes Dasein in der Dominikanischen Republik, in einem Strandhotel namens Casa gloria. Auch wenn etwas Kolonialgehabe ab und an durchschimmert, wirkt sie in erster Linie wie ein verletzliches Häufchen Elend. Sand Dollars bleibt sehr wortkarg hinsichtlich Annes Vergangenheit, vielleicht, damit wir sie allein an dem messen, was sie tut. Seit drei Jahren ist Anne mit Noelí (Yanet Mojica), einer dominikanischen Teenagerin, „zusammen“. Der Film hütet sich davor, die Modalitäten dieses Verhältnisses auszusprechen. Es bewegt sich in einer weitgefassten Grauzone: Es wird nicht an Ort und Stelle für wie auch immer geartete Dienstleistungen gezahlt, aber die Beziehung ist ohne jeden Zweifel nicht frei von den titelgebenden Dollars.

Der wuchtige Kontrast der Körper

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Freilich fehlen die größten Empörungstreiber, zumindest hat der Film sie unsichtbar, unkenntlich gemacht: Noelí ist volljährig, und um sexuelle Ausbeutung geht es hier nicht. Oder doch? Wir wissen eigentlich nicht, wie alt Noelí ist; selbst Anne hat das Mädchen nie nach seinem Alter gefragt. Und dass der Begriff der sexuellen Ausbeutung einem schwer über die Lippen geht, liegt nur daran, dass Sand Dollars äußerst zurückhaltend ist in der Darstellung dessen, was sexuell läuft. Der Film belässt es bei ambivalenten Zärtlichkeiten, getaucht in ein Licht, das verschönert und verklärt. Dabei ist Sand Dollars ein zutiefst körperlicher Film. Da ist zunächst der wuchtige Kontrast dieser beiden Körper, den die Kamera in seiner Gewalt immer wieder erfasst, weiß und schwarz, alt und jung, schwach und stark. Anne, deren Körper extrem vom Alter gezeichnet ist, bildet einen Hintergrund, vor dem sich Noelís Jugend und Kraft geradezu unverschämt abzeichnen. An diesem perfekten, pulsierenden Körper, der immer wieder zu betörenden Beats tanzt, können sich Anne, der Film und der Zuschauer wahrscheinlich auch fast voyeuristisch ergötzen. Ob Annes Blick auf diesen Körper ein Blick des Begehrens oder ein Blick des Neides ist, sagt der Film nicht.

Die ungekaufte Zärtlichkeit

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Es ist, das steht fest, ein verliebter Blick; „heillos verliebt“, sagt Anne über sich selbst, und dabei schwingt eine immense Traurigkeit mit, die man sofort begreift, weil diese Liebe, unabhängig von den Dollars, auf denen sie erwachsen ist, nicht haltbar ist. Noelí ist ein freies Radikal, stolz, mutig, sie ist nicht zu bändigen, zum Entgleiten bestimmt. Und immer wieder entgleitet sie Anne, die dann elendig durch die Stadt irrt, auf der Suche nach der Angebeteten. Das Abhängigkeitsverhältnis ist beidseitig. Doch so wie Sand Dollars mit der klassischen Erzählung über Sextourismus bricht und beide Rollen mit einer Frau besetzt, so mischt der Film diesen klaren Motiven – der Sehnsucht nach Zärtlichkeit auf der einen und der finanziellen Not auf der anderen Seite – Zwischentöne bei. Es ist kaum anzunehmen, dass Noelí, die Anne immer unverfroren um Geld bittet, auch ohne Zuwendungen ganze Tage und Nächte bei der alten Dame verbringen würde. Aber Noelí hasst Anne nicht, immer wieder kommt Zuneigung durch.

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Am eklatantesten äußert sich das wahrscheinlich darin, dass die nichtkommerzielle Beziehung, die Noelí parallel mit Yeremi (Ricardo Ariel Toribio) führt, keinen Hintergrund bildet, vor dem sich das Verhältnis zwischen Anne und Noelí in seiner scheußlichen Kaufbarkeit krasser abzeichnen würde. Dieses hat nicht das Monopol der Nützlichkeitsrechnung, und jene nicht das der Liebe. Denn Yeremi kommt es – zumindest anfänglich – ganz gelegen, dass Noelí dem Paar ein gutes Einkommen sichert, das ihn davor bewahrt, schlechtbezahlter Arbeit nachzugehen. Und wenn der Film einzelne Szenen in abgewandelter Konstellation wiederholt – etwa eine Aufnahme, in der Noelí an Yeremi geschmiegt auf dem Motorrad sitzt, und eine andere, in der Noelí Motorrad fährt und Anne sich genauso liebevoll und schutzbedürftig an Noelí geschmiegt hat –, dann wirkt die zweite Szene nicht wie eine Parodie der ersten, sondern seltsamerweise wie ihre Verlängerung.

Vom Strand zu den Champs-Élysées

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Dass beide Hauptfiguren Frauen sind, macht – zur Abwechslung – eine Analyse des Prostitutionsverhältnisses abseits der Erklärung von patriarchaler Unterdrückung möglich (es sei denn, man geht davon aus, dass Anne sich männlich besetzte Verhaltensmuster zu eigen gemacht hat). Auch wenn der ganze Film darauf pocht, dass das Verhältnis zwischen Anne und Noelí langfristig angelegt ist und nicht allein (wenn überhaupt) von Sex getrieben wird, geht es Sand Dollars nicht um eine Unterscheidung zwischen einem männlichen und einem weiblichen Kundenverhalten, in etwa: Der Mann vögelt nach Vertrag und bezahlt an Ort und Stelle, die Frau hält den Anschein von Freiwilligkeit aufrecht, macht aus dem nie genau abgesprochenen Preis eine großzügige Spende und ist „heillos verliebt“. Ganz am Anfang des Films verabschiedet sich ein französischer Kunde von Noelí; auch er spricht von „starken Gefühlen“.

Was wohlhabende Europäer dazu verleitet, Körper und Gefühle im Süden zu kaufen, sagt der Film nicht. Wohl aber macht er deutlich, dass dieser Markt seine Existenz dem ökonomischen Gefälle zwischen Nord und Süd verdankt. Nur Anne hat kein Bewusstsein dafür. Sie ist nicht einmal bestrebt, Noelí aus ihrer Armut zu befreien. Das erste, was ihr einfällt, als Noelí dem gemeinsamen Umzug nach Paris zustimmt, ist von haarsträubendem Zynismus: Wie ein Kind freut sich Anne darauf, ihre „Kleine“ in roten Schuhen auf den Champs-Élysées zu sehen. Es ist das Verdienst dieses subtilen Films, den Missbrauch eher in einer solchen Haltung zu suchen als in kruden Darstellungen.

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