Plug & Pray

Willkommen in der Zukunft von gestern! Plug & Pray zeigt, dass Roboter und künstliche Intelligenzen zwar zum alten Eisen des Kinos zählen mögen, die Forschung aber munter weiter geht.

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Jede Auseinandersetzung mit Formen maschinellen Lebens ist immer auch eine Auseinandersetzung mit menschlichem Leben. Wir konstruieren Maschinen mit den Bewegungsmöglichkeiten des menschlichen Körpers, elektronische Kopien des menschlichen Gehirns, Nanoroboter mit den Eigenschaften menschlicher Körperzellen, um an diese physikalisch vorhandenen Avatare metaphysische Fragen zu richten: Gibt es den freien Willen? Was bedeuten Begriffe wie „Identität“, „Ich“, „Bewusstsein“? Gibt es die Möglichkeit ewigen Lebens? Die wissenschaftliche Forschung auf den Feldern der künstlichen Intelligenz, der Robotik und Kybernetik und die daran andockenden ethisch-philosophischen Debatten waren und sind über Bande gespielte Forschungen und Debatten, die sich letztlich immer mit dem Menschen beschäftigen.

Unter diesem Paradigma präsentiert uns Jens Schanze in seiner Dokumentation Plug & Pray ein Panorama des momentanen Standes der Forschung im Feld maschineller Lebensformen. Und der Kritik an ihr. Jeder seiner Interviewpartner kommt mit einer eigenen Metaphysik daher: der Erfinder und Futurologe Ray Kurzweil beispielsweise mit seinem fundamental-religiösen Glauben an die bevorstehende Umwälzung allen Lebens durch die Entwicklung dem Menschen überlegener mechanischer Lebensformen (die sogenannte Singularity These). Oder der kürzlich verstorbene Joseph Weizenbaum, den die Euphorie seiner Kollegen für die unendlichen Möglichkeiten des Computers dazu bewegte, sich einem zutiefst technikskeptischen Humanismus zuzuwenden.

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Als Dokumentation funktioniert Plug & Pray sehr klassisch: Interviewschnipsel, Textbildschirme mit Erläuterungen historischer und aktueller Entwicklungen, ruhige Aufnahmen von Laboren, Bürogebäuden, Universitätsgeländen. Der Film bietet einen hervorragend recherchierten Überblick des behandelten Wissenschaftsgebiets, bleibt dabei jedoch eher informativ denn konfrontativ. Seine Interviewpartner hat Schanze gut ausgewählt, ohne dass die Auswahl Überraschungen bereithielte. Nicht ganz uninteressant ist die Tatsache, dass die Protagonisten ausnahmslos männlichen Geschlechts sind: dieses Wissenschaftsfeld scheint sich auch entlang der Gendergrenzen zu konstituieren.

Die Forscher diktieren ihm so ziemlich das in die Kamera, was man sich bei oberflächlichen Fragen von ihnen erhofft: Das sind meine Überzeugungen, so gestaltet sich meine Forschung, so und so lange wird es noch dauern, bis es so weit ist mit der Zukunft. Die große Ausnahme bildet Joseph Weizenbaum, dessen Tod in die Drehzeit fiel: Seine mahnende Stimme bildet den Kontrapunkt im Orchester der Zukunftseuphoriker, er gewährt Schanze Einblicke ins Private, in intime Reflexionen und Zweifel. Wenn die Montage Weizenbaums Aussagen mit denen der anderen zu fiktiven Streitgesprächen verdichtet, These und Gegenthese, ist eine nicht ganz unproblematische Tendenz unleugbar: Schanze ermöglicht den Entwicklern der künstlichen Menschen und künstlichen Intelligenzen nicht die gleiche Tiefe der Reflexion, das gleiche Maß an argumentativer Komplexität wie Weizenbaum. So ist Plug & Pray vor allem auch eine Hommage an den großen Skeptiker.

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Seine eigenen Positionen entwickelt der Film äußerst subtil und verhalten, fast schüchtern. Was schade ist, denn Schanze hat einen eigenen Blickwinkel, der es wert ist, betont zu werden. Vor allem interessiert er sich für die verschiedentlich ineinander greifenden Feedback-Loops zwischen wissenschaftlichen Disziplinen. Erkenntnisse der Biophysik unterstreichen die Bedeutung des menschlichen Körpers für die Arbeitsweise des Gehirns, die Robotik antwortet mit der Entwicklung einer menschenähnlichen Intelligenz in einem menschenähnlichen Körper, um die gewonnenen Erkenntnisse irgendwann wieder zurück in die Überlegungen der Physiologie und Neurowissenschaften einzuspeisen. Die Robotik ist das Negativbild der Humanforschung, eine Art Experimentierfeld der Möglichkeiten.

Und an dieser Stelle macht Schanze seine wohl stärkste Beobachtung: Er zeigt die Bedeutung der Populärkultur für die wissenschaftliche Entwicklung, der „Science-Fiction“ für die „Science“. Professor Metta am Italian Insitute of Technology gibt gerne zu, dass er sich an Science-Fiction-Literatur orientiere, junge Roboterbauer in Japan sehen die Ergebnisse ihrer Arbeit in den Welten des Mangas bereits realisiert, und Joseph Weizenbaum begründet, weshalb Roboter niemals Menschen ähneln könnten, mit der These: „Sie hatten nie eine Kindheit, sie werden niemals Erinnerungen haben“. Ob er wohl Blade Runner (1982) gesehen hat?

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Unter der Oberfläche ist Plug & Pray ebenso sehr eine Dokumentation über wissenschaftliche Forschung wie über wissenschaftliche Inspiration. Und diese Querverbindung wird gerne unter den Teppich gekehrt: Auch der härteste Empirist muss inspiriert werden, um eine Richtung zu wählen im mechanischen Universum. Und Film, Comic und Literatur haben die Freiheit, Welten zu behaupten, von denen der Stand der Wissenschaft noch weit entfernt ist. Insofern kann man sagen, dass, ebenso wie der Roboter das Gegenüber des Menschen ist, das Gegenüber der Roboterentwickler Autoren, Zeichner und Regisseure sind, die vergessenen Forscher der Inspiration. Ins Labor der Robotik gehören Asimov, Tezuka und Spielberg mindestens genauso wie Fachbücher zu Mathematik, Kybernetik und Physik. 

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