Papusza - Die Poetin der Roma

In mächtigen, epochalen Schwarz-Weiß-Bildern deutet Papusza das Schicksal der polnischen Roma im 20. Jahrhundert – als langsame und ziellose, schließlich geordnete und domestizierte Bewegung.

Papusza 01

Wer spricht? Wer darf für wen sprechen? Dies ist so etwas wie die Grundfrage von Papusza, einem Film, der mit bewusster Opazität eine Lebensgeschichte zu erzählen versucht, die kaum existent ist, die uns immer wieder entgeht – ein Film, der eher Mosaik denn Biographie sein will. Meistens bevölkern mehr als zwei Personen die Bilder – ein Reigen, in dem stets Bewegung ist. Eine doppelte Entwicklung bildet den Mittelpunkt des Films, denn vor unseren Augen wird sich die Geschichte der polnischen Roma im 20. Jahrhundert ebenso vollziehen wie die des kleinen Mädchens Bronislawa Wajs, genannt „Papusza“. Während eines Aufenthalts der Großfamilie in der Nähe eines jüdischen Schtetls lernt sie bei einer Buchhändlerin heimlich lesen, schreiben und dichten. Das ist ein Novum für die unstet lebenden Roma, denen jegliche Literalität unbekannt scheint. Papusza wird schnell zu einer Fremden, einer Verbindung zwischen ihrer eigenen Gruppe und dem von einem raschen gesellschaftlichen Wandel erfassten Polen, dem der zweite Weltkrieg noch bevorsteht. Und auch die Leidensgeschichte der europäischen Roma ist ihre Geschichte: Immer wieder werden sie eingesperrt und malträtiert – und musizieren im Kerker lachend auf dem Abgrund dieses Europas, das kurz vor seiner eigenen Vernichtung steht.

Papusza 04

Es ist ein großer, epochaler Weg, den Papusza in einem abgedunkelten und beeindruckenden Schwarz-Weiß beschreibt, die ständige, ziellose Bewegung der Roma, die wir durch die in sich ruhende Kamera beobachten. Die Wende des Films setzt nach dem Zweiten Weltkrieg ein, als Papusza den Schriftsteller Jerzy Ficowski kennenlernt. Mit ethnographischem Eifer begleitet der die Roma und schmiedet nach einiger Zeit den Plan, eine enzyklopädische Abhandlung über ihre Geschichte zu verfassen. Dabei werden Papuszas Gedichte zu einem Schlüssel. Ficowski wähnt sich im Recht desjenigen, der Gutes tut, aber sein Logozentrismus fängt gewissermaßen die Roma ein, zeitgleich mit der Weisung der kommunistischen Regierung, sie endgültig sesshaft zu machen. Für die anderen Roma wird Papusza somit zu einer Verräterin, die das ungeschriebene Genie des Volkes an die Gadjes, die Bezeichnung der Roma für Fremde, verkauft – umso mehr als Ficowski schließlich zum Berater der polnischen Regierung in „Zigeunerfragen“ wird.

Der falsche Naturzustand der Roma

Papusza 03

Der Film erzählt all dies in Puzzleteilen. Dass der anfängliche Eindruck einer Chronologie von Papuszas Leben immer mehr zerfällt, irgendwann keine Jahreszahlen mehr eingeblendet werden, unterläuft klassische Vorstellungen einer Biographie und macht Papuszas Leben zu einem fast zeit- und ortlosen Bildersturm. Nur die langsame Domestizierung der Roma nimmt bildliche Gestalt an: Während die Wanderungen der Roma anfangs zusammen mit den grandiosen Landschaftsbildern verwoben sind und so als authentische Bewegung eines nomadischen Volkes erscheinen, dominiert gegen Ende die winterliche Warschauer Tristesse, ein unrühmlicher, fast nicht hinnehmbarer Schlusspunkt. In gewisser Weise idealisiert Papusza damit auch das verbreitete Bild der Roma als einem fahrenden Volk im Sinne eines selbstgenügsamen Naturzustands: Die Sprache, der aufgezwungene Logos, bringt lediglich Unglück über die Gruppe, und die verordnete Autorinnenschaft Papuszas lässt sie nur vereinsamen. Ihre Subjektwerdung, diese Chimäre, löscht im Film das die Roma verbindende Band endgültig aus. Das ist problematisch, da eben die Gemeinschaft der Roma mehr filmischen Raum einnimmt als Papuszas Gedanken oder ihre Poesie, somit bestimmte Eigenschaften der Roma verabsolutiert werden: Analphabetismus, Paternalismus und Abgrenzung gegenüber anderen.

Von einem Denksystem ins nächste

Papusza 06

Die Frage, wer oder was nun eigentlich in Papusza spricht, ist also von zentraler Bedeutung. Und hier entscheidet sich der Film nicht: Mal ist es die chorische Stimme des Romavolkes, mal Papuszas Sicht als Frau, als Andere, mal Ficowskis wissenschaftlich-klarer Blick. Das sich verändernde Panoptikum der polnischen Gesellschaft bleibt hingegen meist stumm. So zeigt der Film eindrucksvoll, wie sehr die Fixierung von Kultur immer schon Stereotype reproduziert, ja auf sie angewiesen ist, was sich nicht zuletzt an der etwas unglücklichen Darstellung der scheinbar ursprünglichen Lebensweise der Roma ablesen lässt. Aber ein Außen gibt es nicht, Papusza hat keine Wahl, sie gerät nur von einem Denksystem ins Nächste und verschwindet letztendlich im schneebedeckten Häusermeer Warschaus, als verarmte und desillusionierte Witwe, Opfer der an sie herangetragenen Kulturalisierung ihrer selbst. Die merkwürdige Abwesenheit ihrer Poesie im Film dürfen wir aber vielleicht auch als Kommentar lesen, auf ein polnisches, auf ein europäisches 20. Jahrhundert, das in seiner ideologischen Zerstückelung an tatsächlichen Möglichkeiten zur Selbstwerdung und persönlicher Unabhängigkeit des Einzelnen bemerkenswert arm geblieben ist.

Trailer zu „Papusza - Die Poetin der Roma“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.