Pacific Rim

Auf der Suche nach Hirn: Guillermo del Toro zeigt neue Ecken seines Gerümpelkammerkinos.

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„Today we are cancelling the apocalypse“, heißt es vor dem alles entscheidenden Kampf in Guillermo del Toros Monster-versus-Roboter-Spektakel. Und tatsächlich wäre ein Weltuntergang mit all seinen Konsequenzen in Pacific Rim unangemessen, denn mehr als Zerstörung und Zeitenwende zelebriert der Film das tapfere Ankämpfen der Menschheit gegen ihre Auslöschung durch gigantische Ungeheuer. Bezeichnenderweise sind es keine Atomwaffentests oder sonstige Anwandlungen menschlicher Hybris, die die Kaiju genannten Monstren heraufbeschwören und dazu verleiten, Großstädte wie Manila und Sydney in Schutt und Asche zu legen. Diese tauchen einfach nach und nach aus einem Dimensionsportal am Grund des Pazifiks auf und werden einer Videospiellogik folgend immer stärker und zahlreicher. Die Wesen aus einer fremden Welt sind weder gerechter Zorn noch aus menschlichem Fehlverhalten erwachsene metaphorische Monstrosität – sondern in erster Linie Sparringpartner für haushohe Kampfroboter, die die Menschen zu ihrer Verteidigung erbaut haben.

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Als Hommage an die besonders in Japan beliebten Monsterfilme, dort Kaiju Eiga genannt, und das Mecha-Genre mit seinen von Piloten gesteuerten Robotern hat der umtriebige Regisseur, Produzent und Autor del Toro sein neuestes Werk konzipiert. Im Unterschied zu ähnlich gelagerten Filmen wie Transformers (2007), Cloverfield (2008) und Roland Emmerichs bis zur Unkenntlichkeit überformten Godzilla (1998) darf Pacific Rim wohl für sich beanspruchen, diejenige Hollywoodproduktion zu sein, die Riesenmonster und Riesenroboter erstmals im großen Stil vereint. Eine Kombination, die zumindest auf den Teil der Zuschauer, der nicht mit japanischer Popkultur sozialisiert wurde, befremdlich wirken dürfte.

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Del Toro und Co-Autor Travis Beacham zeigen keinerlei Berührungsängste und nehmen ihr Sujet durchaus ernst: Trotz CGI und einem internationalen Zielpublikum bleiben sie nah an den anthropomorphen Suitmation-Biestern der japanischen Klassiker und lassen ihre Kreaturen wie selbstverständlich bunte Strahlen aus den Mäulern schießen. Die ironische Distanz zu Albernheiten und Klischees bleibt gering, zudem verzichtet del Toro auf jene realistische Überformung, die J.J. Abrams in Cloverfield mit seiner Anknüpfung an die 9/11-Ikonografie vorgenommen hatte. In Pacific Rim wird das Verwüsten von Metropolen eher angedeutet als ausgekostet, die als Wrestlingmatches inszenierten Kämpfe zwischen Maschinen und Monstern finden auf offenem Meer oder in menschenleeren Städten statt.

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Durch das Selbstverständnis des Films als Hommage und seine betonte Künstlichkeit positioniert sich Pacific Rim ganz bewusst in einem rein filmischen Kontext. Das Referenzsystem, das hier bespielt wird, besteht nicht aus den Nachrichtenbildern, Terrorallegorien und politischen Analysen unserer Zeit, sondern aus den zahllosen Vorlieben del Toros. Von Cronenbergs Körperhorror über Cartoons und Videospiele bis hin zu H.P. Lovecraft, Francisco de Goya und den Farbholzschnitten Hokusais reicht das Repertoire, humanistische Botschaften und Pathos finden hier genauso ihren Platz wie Trash und Pulp. Das Kino del Toros mag wie eine Gerümpelkammer anmuten, ein bisweilen reichlich kruder Mix, aber wenn Mehrwert in der Popkultur in erster Linie durch die spielerische Rekombination bekannter Elemente generiert wird, dann ist der mexikanische Regisseur sicherlich einer der produktivsten Wertschöpfer des zeitgenössischen Films.

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Wie schon del Toros Hellboy-Filme (2004 und 2008) ist Pacific Rim ein Kino der Attraktionen, das sich nicht immer um Logik und Plausibilität schert und mit Klischees und Konventionen offensiv umgeht. Woran es del Toros Heldenpauschalreise diesmal aber mangelt, ist die Komponente Mensch. Seine vorzugsweise gestählten Mannsbilder steckt der Film nicht nur am liebsten in Ganzkörperanzüge à la Daft Punk und in die Cockpit-Köpfe der überdimensionierten Kampfmaschinen, sondern verschüttet sie zudem noch unter einer Masse von Drehbuchklischees. Der heilige Ernst, mit dem Pacific Rim sich ausgiebig auch dem Innenleben seiner mal konturlosen, mal völlig überzeichneten Figuren widmen will, läuft so ins Leere und wirkt deplatziert: Hatte es del Toro noch in Hellboy geschafft, aus einem Teufel einen Menschen zu machen, geht hier jeder menschliche Maßstab ab, zwischen aufgeblasenem Melodram auf Soap-Niveau und animierter Monsterklopperei am Meeresboden samt Atomexplosion regt sich nichts.

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Zu großer Form läuft der Film nur auf, wenn er den Roboterschädel mal verlässt, sich etwa an die Fersen eines Wissenschaftlers heftet und mit ihm auf der Suche nach Monsterhirn durch ein grelles Neon-Hongkong der Zukunft streift. Auf dem Schwarzmarkt und in vollgestopften Laboratorien, zwischen pulsierenden Eingeweiden, zappelnden Riesenasseln und einem Auftritt von Ron Perlman fallen Kitsch und Kunst, Genrefilm und Autorenkino, Reflexion und dummer Spaß dann doch auf wunderbare Weise zusammen. Es ist ein Herzschlag spürbar.

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