My Son, My Son, What Have Ye Done

In seinem absurd-grotesken Drama lotet Werner Herzog den Wahnsinn aus – irgendwo zwischen griechischer Tragödie und dem Paranoia-Kino des David Lynch.

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Zu My Son My Son, What Have Ye Done (2008) ließen sich Werner Herzog und Co-Autor Herbert Golder von einer wahren Mordgeschichte inspirieren: Am 10. Juni 1979 erstach der hochbegabte 34-jährige Student Mark Yavorsky seine Mutter mit einem antiken Schwert. Zur Tat inspirierte den geistig verwirrten Mann die Orestie des Aischylos, in deren Hochschulaufführung er zuvor die Rolle des Orestes gespielt hatte. Ein Stoff, wie für Werner Herzog gemacht. Denn die Porträts Besessener und entrückter Charaktere spinnen sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

Und wie meistens bei Herzog ist es nicht der äußerliche „Fall“, der My Son My Son, What Have Ye Done antreibt, sondern der Versuch, der Innenwelten, des Verborgenen visuell habhaft zu werden. So bildet der Kriminalfall denn auch eher das narrative Gerüst für den Sprung in die psychischen Untiefen: Detective Hank Havenhurst (Willem Dafoe) wird mit seinem etwas tollpatschigen Junior-Partner Vargas (Michael Peña) ins Kleinbürgeridyll der Vorstadt von San Diego gerufen, wo ein gewisser Brad McCullum (Michael Shannon) seine Mutter an Nachbars Kaffeerunde mit einem Säbel niedergestreckt hat. Der Täter hat sich in seinem Haus gegenüber verbarrikadiert und behauptet, zwei Geiseln genommen zu haben. Neben dem üblichen Polizeiaufgebot stellen sich unter den Schaulustigen alsbald auch Ingrid (Chloë Sevigny), die Verlobte des Täters, und Lee Myers (Udo Kier), der Leiter von Brads Schauspielgruppe, ein. Mit ihrer Hilfe versucht Havenhurst zu rekonstruieren, was den Täter umtreibt.

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Eingebettet in diese recht konventionell anmutende Kriminalgeschichte, nähert sich My Son My Son, What Have Ye Done der Figur des Mörders und seiner seelischen Verfassung vornehmlich in Rückblenden, die auf Erinnerungen oder Berichten von Augenzeugen beruhen. Herzog zeigt episodisch Stationen von Brads zunehmendem Wahn. Dabei ist es nicht die Analyse, die den Regisseur interessiert, sondern vielmehr die veräußerlichte Psychopathologie – wie durch das Reden und Handeln Brads ein Gefühl der emotionalen Ablehnung der Welt, Zorn und Wut zum Ausdruck kommen. Denn Brad wankt zunehmend wie ein Entrückter durch die Szenerie. Die seltsame, ihn mit ihrer Zuwendung erdrückende Mutter mag hier eine der multiplen Ursachen für den aufkommenden Wahnsinn sein.

„Ich werde nicht meine Grenzen ausloten“, verkündet Brad mit visionärem Blick seinen verdutzten Sportsfreunden bei einer Rafting-Expedition im peruanischen Gebirge. Und wenn sich seine Freunde – allen Warnungen zum Trotz – mit der ungebändigten Gewalt des wilden peruanischen Gewässers messen müssen und alle ertrinken, dann fühlt sich Brad darin bestätigt, fortan seiner inneren Stimme zu folgen. So ist der Eindruck der ungebändigten Natur auf den Einzelnen hier ein katalytischer Punkt – ein Moment, das im Werk Werner Herzogs häufig anzutreffen ist. Jedoch bleibt dies zur Erklärung des Wahns ebenfalls nur ein hypothetisches Element.

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Alsbald nennt Brad sich „Farouk“, hört die Stimme Gottes in einer alten Aufnahme des Gospel-Sängers George Washington Phillips oder erkennt das Antlitz des Herrn auf Haferflockendosen. Michael Shannon entwickelt als Brad eine Figur, in deren seelische Abgründe man zwar nicht schauen kann, deren Vorhandensein jedoch zur spürbaren Gewissheit wird.

Ein weiterer möglicher Schlüssel zum Irrsinn bleibt die manische Identifikation mit Orestes. Brad, der gemeinsam mit seiner Verlobten Ingrid in Meyers’ Theatergruppe spielt, steigert sich zunehmend in den Rachewahn des tragischen Helden hinein: Wie Orestes, der seine Mutter Klytaimnestra meuchelt, um den Tod Agamemnons zu rächen, schwingt Brad alsbald bei den Proben ein echtes Schwert aus den amerikanischen Befreiungskriegen und sorgt so für derartiges Unbehagen in der Gruppe, dass ihn Meyers aus dem Stück herausnehmen muss. Udo Kier – hier bestens nach seinem Phänotyp als beunruhigende Gestalt besetzt – trägt durch seine bloße Präsenz viel zum  mauen Gefühl bei, das den Zuschauer allmählich überkommt. Das funktioniert hier gerade deshalb gut, weil Kier eigentlich nur ruhig seinen Text abarbeitet, es ihm verwehrt wird, sich in Ausbrüchen oder Exaltiertheiten zu ergehen.

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Wie häufig in seinem Werk verweigert sich Herzog auch hier einer konventionellen Erzählstruktur – die Wirkungen sollen mittelbar emotional erzielt werden, wobei sich Herzog nicht auf eine Lesart des Mörderpsychogramms festlegen will. Vieles bleibt in der Schwebe, sowohl narrativ als auch formal. Neben dem kaleidoskopartigen Blick auf den Geisteszustand des Protagonisten überzeichnet der Film die anderen Figuren und Situationen leicht, wodurch absurd-komische Momente entstehen, die jedoch in einer irisierenden Balance zur Psychopathologie stehen.

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My Son My Son, What Have Ye Done liefert keine Erklärungen, das eigentümlich poetische Gesamtbild bleibt nur emotional begreiflich, wodurch sich eine gewisse Verwandtschaft zum Paranoia-Kino des David Lynch einstellt. So begegnen einem weitere unnahbare oder absurde Figuren, etwa ein Zwerg oder der ebenfalls dem Wahnsinn nahe homophobe Straußenfarmer Uncle Ted – den Brad Dourif (Dune, Der Wüstenplanet, 1984; Blue Velvet, 1986) hier in gewohnter Manier gibt. Mit Dourif und Grace Zabriskie (Twin Peaks, 1990; Wild at Heart, 1991; Inland Empire, 2006) als unheimlicher Mutter stehen aus Lynch-Filmen bekannte Schauspieler vor der Kamera. Womöglich nicht von ungefähr, fungiert Lynch bei diesem sehenswerten Film doch als ausführender Produzent.

Trailer zu „My Son, My Son, What Have Ye Done“


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