Morgentau

15 Jahre nach seinem letzten Spielfilm meldet sich Haile Gerima mit einem zwei Jahrzehnte umspannenden Epos zurück. Vor dem Hintergrund jüngerer äthiopischer Geschichte sucht ein Mediziner nach politischer und persönlicher Erfüllung.

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Seit über 40 Jahren lebt und arbeitet der Regisseur Haile Gerima hauptsächlich in seinem selbst gewählten Exil in den USA, hat sich dazwischen aber ebenso mit Spielfilmen und Dokumentationen seiner äthiopischen Heimat gewidmet. Sein neuester Film Morgentau (Teza, 2008), der nun mit dreijähriger Verspätung in den deutschen Kinos startet, thematisiert Gerimas eigene, interkulturelle Situation, die Suche nach einem besseren Leben im Ausland und schließlich die ernüchternde Realität.

Morgentau handelt von Anberber (Aaron Arefe), der sein Heimatdorf in den 1970er Jahren verlässt, um in Westdeutschland zu studieren. In den folgenden 20 Jahren pendelt der politisch aktive Mediziner zwischen den Ländern, jedes Mal mit neuen Erwartungen an sein künftiges Ziel. Doch egal, wo er sich gerade aufhält, er bleibt in der Rolle des Außenseiters, der einer repressiven Mehrheit gegenüber steht. Dabei scheint es letztlich unwichtig zu sein, ob es nun Neonazis, militante Sozialisten oder eine reaktionäre Dorfgemeinschaft sind, die es auf ihn abgesehen haben.

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Obwohl Gerima seine Handlung vor historischem Hintergrund erzählt – vor allem jüngere äthiopische Geschichte, aber auch Ereignisse wie der Fall der Berliner Mauer sind hierfür relevant –, entspricht der Film keineswegs dem, was man unter Geschichtskino versteht. Einer linearen Chronologie stehen die verschiedenen, verschachtelten Erzählebenen gegenüber, in denen die einzelnen Etappen des Protagonisten gezeigt werden. Dabei überlappen sich nicht nur die Zeitebenen untereinander, sondern diese auch mit Anberbers Kindheitserinnerungen, religiösen Ritualen und Visionen. Auch wenn in Gerimas Inszenierung der Realismus dominiert, bleibt stets Platz für solche traumhaften Momente.

Es wirkt ohnehin so, als würde sich der Protagonist, unabhängig davon, wo er sich aufhält, in einer Endlosschleife befinden: Der schlechte Umgang mit sozialen Außenseitern und die Fehlleitung der Bevölkerung durch politische oder religiöse Ideologien bleiben doch überall gleich. Das zeigt Gerima etwa, wenn sich Anberber im Deutschland der 1970er Jahre einer sozialistischen Vereinigung äthiopischer Studenten angeschlossen hat, die den Sturz von Kaiser Haile Selassie bejubeln. Kurz darauf beginnt er wieder in Äthiopien zu arbeiten und wird schließlich mit einem Sozialismus konfrontiert, in dem er selbst plötzlich der Klassenfeind ist.

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Gerimas Kino hat seit seinem ersten Kurzfilm Hour Glass (1972) einen deutlichen formalen Wandel durchgemacht. In seinem Frühwerk, aus dem besonders die beiden großartigen Filme Bush Mama (1976) und Harvest: 3000 Years (Mirt Sost Shi Amit, 1976) hervorstechen, dominiert eine rohe, sicherlich auch dem niedrigen Budget geschuldeten Ästhetik, ein differenzierter Blick auf die Mechanismen von Rassismus und Unterdrückung sowie die Suche nach einer durch die Versklavung der Weißen verloren gegangenen, schwarzen Identität. Auch damals zeichnete die Filme schon ein Spannungsverhältnis aus dokumentarischem Gestus und einer surrealen Ebene aus.

Später, vor allem mit seinem wohl bekanntesten Film Sankofa (1993), wurden Gerimas Filme dann dramaturgisch konventioneller, ohne dabei ihren politischen Kampfgeist zu verlieren. Selbst die verschachtelte Erzählweise von Morgentau kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film im Grunde genommen einem klassischen Plot folgt. Auch der formale Stil ist deutlich geschmeidiger geworden, verfügt mit seinen hektischen Zooms und vereinzelten Verstößen gegen die Regeln des Unsichtbaren Schnitts aber noch immer über genug Abgrenzungspotenzial zu den überwiegend „sauberer“ wirkenden Filmen aus dem Westen. Nicht zuletzt spielt für diese Abgrenzung auch die dezidiert schwarze Perspektive des Films eine wichtige Rolle.

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In der Schlussszene von Bush Mama reißt sich die Heldin ihre Perücke vom Kopf, mit der sie sich zuvor an ein weißes Schönheitsideal angebiedert hat, und präsentiert stolz ihr schwarzes, krauses Haar. Ein innerer Monolog ist an ihren inhaftierten Mann gerichtet, dessen verklausulierten Parolen sie nie so richtig folgen konnte. Mehrmals wiederholt sie in dieser eindringlichen Szene die Worte „Talk to me easy, T.C., coz I wanna unterstand.“

Zweifellos ist dieser Satz programmatisch für Gerimas Kino, das durch die Verweigerung gegenüber einer klassischen Dramaturgie zwar zeitweise nicht leicht zugänglich ist, dessen politische Botschaft aber immer unmissverständlich klar wird. In Morgentau macht sich dieser Vorsatz vor allem durch den – mitunter durchaus notwendigen – Voice-over von Anberber bemerkbar. An einigen Stellen wird dabei in Worte gepackt, was sich auch so schon unmissverständlich aus den Bildern ergeben hat.

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Morgentau endet wie die meisten Filme Gerimas mit einem Appell, diesmal jedoch mit einem ungewohnt optimistischen. Nachdem Anberber in den 1990er Jahren in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist, versteckt er Kinder, die gewaltsam als Soldaten für einen sinnlosen Krieg rekrutiert werden, in einer Höhle. Diese Kinder sind für ihn der Grundstein einer neuen Gesellschaft mit einer neuen Sprache, in der Wörter wie „Morden“ und „Töten“ nicht mehr existieren und die Fehden der Ahnen nicht übernommen werden. Der Kampf geht weiter.

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Kommentare


otto gröschel

habe Teza (Morgentau) vor einem Jahr im ZKM in karlsruhe gesehen. Tief beeindruckt von der einfachen Art der Erzählung, die einen in die Geschichte hineinsaugt. Das liegt auch an der Virituosität der Kameraführung durch Mario Masini (Padre Padrone)






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