Louise Hires a Contract Killer

Was tut man mit 20.000 Euro? Man rechne sie in Franc um und engagiere einen Killer, um schurkische nordfranzösische Unternehmer mit mehr Glück als Stil zu beseitigen.

Louise-Michel

Mit ihrem dritten Film knüpfen die französischen Regisseure Gustave de Kervern und Benoît Delépine an die Absurditäten ihrer ersten beiden Filme Aaltra (2004) und Avida (2006) an. Ein grotesk gestrickter Plot bildet die Basis für ein Aufeinandertreffen von noch grotesker gezeichneten Figuren. Ab der ersten Minute will dieser Film alles sein, nur nicht politically correct: Behinderte, illegale Einwanderer, Krebspatienten oder Figuren am Rande jeglicher sozialer Kompatibilität sind nicht nur Zielscheiben, sondern gleichzeitig Akteure einer tiefschwarzen Komödie.

Louise Michel, französische Ethnologin, Schriftstellerin und Anarchistin des 19. Jahrhunderts, leiht dem Film ihren Namen und erhält dafür kurz vor dem Abspann eine Widmung. Doch zunächst existiert nur die Nähe ihres Namens zu den beiden Protagonisten. Louise (Yolande Moreau) ist eine stets schlecht frisierte Frau mittleren Alters, auf ihrer Seele lasten ein latenter Analphabetismus, ein verdrängtes Alkoholproblem und eine daraus resultierende kriminelle Vergangenheit. Michel (Bouli Lanners), ein dilettantischer Profikiller, wird engagiert, um Louise und ihren Kolleginnen zu helfen, ihren ehemaligen Chef zu beseitigen. Auch Michel scheint von einer allzu düsteren Vergangenheit gebeutelt und ergeht sich lieber in seinen Männlichkeitsfantasien, als sein Waffenarsenal im Sinne des Auftragsmords zu verwenden. Die Grundstruktur des Plots ist simpel – es sind Zufälle, Unwahrscheinlichkeiten und ein notorisches, fast bemitleidenswertes Scheitern der Figuren, die dem Drehbuch seine Dichte geben.

Louise-Michel

Für Louise Michel, die zentrale Figur der Pariser Kommune von 1871, konnte es keine Freiheit ohne Gleichheit geben. Louise und Michel sind gewiss nicht frei, zu sehr sind sie in ihren persönlichen Traumata und ökonomischen Zwängen gefangen. Sie kämpfen nicht für ihre Freiheit, einzig für blutige Rache an Louise’ Ex-Chef, sarkastisch und banal wirken ihre Mordgelüste. Schrot und Blei richten sich zunächst der Übung halber oder durch Zufall gegen Tiere, bevor selbst gebastelte Revolver und Gewehre auf Menschen gerichtet werden.

Im Subtext des Films finden sich durchaus ernste Themen – Globalisierung, soziale Ausgrenzung oder sexuelle Identität –, doch auf der Oberfläche sind es meist Gags am Rande der Zumutbarkeit, die sich wie ein dicker Schleier über den Film legen. De Kervern/Delépine wählten diese Strategie schon in ihrem Erstling Aaltra und erreichten ein ähnliches Ergebnis: Ein Film, der das Lachen in einem gemächlichen Rhythmus gleichzeitig heraufbeschwört und abwürgt. Nahezu genretypisch bildet die Einstellung in Louise Hires a Contract Killer (Louise-Michel) oft die kleinste dramaturgische Einheit. Auftritt, Gag, Abgang, harter Schnitt, Montage und Dramaturgie funktionieren einfach und effektiv. Das ist unterhaltsam und anekdotenhaft, doch das systematische Überschreiten der Grenze in Richtung Zynismus wirkt bisweilen beliebig. So konstruiert ein Hobbyingenieur (Benoît Poelvoorde) nicht nur Michels Waffen, sondern auch kleine Hochhäuser, an Seilzügen lässt er dort Flugzeuge hineinrasen und explodieren. Das ist weder politisch korrekt noch ein Tabubruch – andere Szenen sind bissiger und bleiben länger haften. „Er hat jetzt einen anständigen Job, er ist Immobilienmakler“, erhält Louise als Antwort auf der Suche nach Luigi, Restaurantbesitzer und Ex-Profikiller. Solche kurzen Einwürfe karikieren in diesem Fall nicht nur das filmische Klischee des Auftragsmörders, oft kommentieren sie zusätzlich auf lakonischem Weg gesellschaftliche Stereotype.

Louise-Michel

Yolande Moreau schafft es in der Rolle der Louise, Albernheit und Absurdität ihrer Figur zeitweise beiseite zu schieben, um die Frage nach ihren Lebensumständen zu stellen. In ihrer Welt, in der Zynismus und Sarkasmus den einzigen Ausweg darzustellen scheinen, bietet Louise Projektionsfläche für positive wie negative Empathie. Moreau füllt diese Rolle vielschichtig aus. Überzeugend spielt sie Louise’ Unbekümmertheit und Ignoranz, mit der diese bis kurz vor der Sprengung in ihrem baufälligen Wohnblock bleibt. Später stellt sie genauso präzise die Entschlossenheit dar, mittellos bis nach Jersey zu reisen, um den Auftragsmord zu vollenden. Auch in ihrem eigenen Regiedebüt Wenn die Flut kommt (Quand la mer monte, 2004, zusammen mit Gilles Porte) spielte Moreau derart wandlungsfähig und glänzte mit einer gänzlich anderen Figur, einer alternden Theaterschauspielerin.

Louise Hires a Contract Killer brilliert mit einem bezugsreichen Humor – Lumière, Kubrick oder wieder Kaurismäki –, obwohl die offene (Selbst-)Referenzialität manchmal etwas hölzern daherkommt. Mit einigen Gags und Zitaten scheint der Film Grenzverletzung nur zum Selbstzweck zu betreiben, denn nicht alle Querverweise sind so doppelbödig wie die Szene, in der Produzent Mathieu Kassovitz einen Gastauftritt als verständnisvoller Biohof- und Landhotelbesitzer absolviert und damit auch sein eigenes Image persifliert. Und gerade diese Momente machen besonders viel Spaß.

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Kommentare


Pia

Der Film geht gar nicht! So langweilig!!!!!!!
Die ersten Besucher haben bereits nach 20 min das Kino verlassen, wir sind nach ca. einer Stunde aus dem Kino, da waren aber auch nur noch gerade mal 50% an Kinobesuchern noch da!
Alle haben sich über den Film beschwert!
Überhaupt nicht sehenswert, der Film ist nicht einen Cent wert!" Unglaublich was heutzutage alles ins Kino darf!!!!!


de

Ein absolut gelungener Film. Grandiose Dramaturgie trifft auf Sozialkritik und das Spiel mit Identitäten. Ich würd ihn am liebsten sofort nochmal sehen und hab mich bestens unterhalten gefühlt.

Niemand hat das Kino verlassen ;)


maria

Was passiert nach dem Abspann?


maria

Grausamer Film... Ich bin "leider schon" beim Abspann raus gegangen, was passiert nach dem Abspann?


Marco

So eine geile Idee - und so ein missratener Film! Echt traurig. Viele verkünstelte aber letztlich rein geschmacklose Provokationen, Plotlöcher so weit das Auge reicht, Spannung gleich null, Figurentiefe ca. 2 cm. Sehr sehr schade!


Mrs.Jones

Ein genialer Film! Absolut schräger, schwarzer Humor der bestimmt nicht für jeden geeignet ist. Man sollte schon einen Hang dazu haben ein wenig über den Tellerrand zu schauen und sich auf Dinge einlassen zu können die vielleicht nicht der "Regel" entsprechen. Ich konnte wunderbar lachen, ein Juwel in den meist monotonen Hollywoodfilmspektakel! Tres Bien!!


uwe

ein bitterböser film über den täglichen wahnsinn in unserer arbeitswelt, geprägt von menschlichen schicksalen und global playern. absolut empfehlenswert !!!


Martin Z.

Den Vergleich mit Kaurismäki gibt es nur wegen des Titels. Sonst verbindet beide Filme so gut wie nichts. Im Gegenteil die französische Fassung von Kervern/Deléphine ist viel amüsanter und vor allem lebhafter. Allein die etwas stoisch/melancholische Grundstimmung der Hauptperson Louise ist vergleichbar. Und selbst die wird am Ende durch wie verrückt tanzende ’Killer’ aufgehoben.
Die ganze Handlung wird ohnehin von einer umwerfend guten Yolande Moreau getragen. Ihre tapsig-linkische Art ist unvergesslich, ebenso wie der Trenchcoat, den sie immer trägt.
Bereits die Anfangsszene ist eine wunderbare Einstimmung: Bestattung in einem Krematorium, mit Pannen. Der Beamte fragt ’Hat jemand Feuer?’ Es geht ganz normal weiter (Arbeitskampf, Entlassungen), es werden kurz surreale Momente eingeblendet, bevor die Handlung dann endgültig abhebt. Es wird ein Road Movie auf der Suche nach dem bösen Konzernchef mit jeder Menge superlustiger Gags, die mit dem Killer im Kreißsaal als Gebärenden gipfeln.
Die Qualität diese Films ist nicht nur der sozialkritische Hintergrund oder die wahre Begebenheit, auf der er beruhen soll, sondern vor allem sein gelungener Aufbau, der jeden mitnimmt, der offen ist, sowie die unnachahmliche Yolande Moreau. Und am Ende gibt es noch einen Sechszeiler, ähnlich dem legendären der 70er Jahre ’Warum ist die Banane krumm?’
Und nach dem Abspann folgt noch ein zusätzlicher Gag. Einfach Wahnsinn!






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