Der Junge mit dem Fahrrad

Der Verlust des Spröden: Die Brüder Dardenne beginnen langsam ihre selbstgesetzten stilistischen Grenzen zu übertreten. 

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Der belgische Schauspieler Jérémie Renier taucht immer mal wieder in den Filmen seiner Landsmänner Jean-Pierre und Luc Dardenne auf. Seinen ersten Auftritt hatte der damals 15-Jährige in Das Versprechen (La Promesse, 1996) als Sohn eines profitgeilen Mannes, der sein Geld mit der Unterbringung und Beschäftigung von Schwarzarbeitern verdient. Im neuesten Film der Brüder, Der Junge mit dem Fahrrad (Le gamin au vélo), spielt Renier selbst einen Vater, und wie so viele der Dardenn’schen Vaterfiguren handelt auch diese vor allem verantwortungslos und egoistisch.

Doch eigentlich geht es um den Sohn, den zwölfjährigen Cyril (Thomas Doret), der in einem Heim untergebracht wurde. Über den Verbleib seiner Mutter wird kein Wort verloren, und der Vater, so erfährt der Junge am Anfang des Films, ist aus seiner Wohnung spurlos verschwunden und hat auch das geliebte Fahrrad seines Sohnes verkauft.

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Gleich in den ersten Einstellungen finden sich wieder die von den Dardennes mit Filmen wie Rosetta (1999) und Das Kind (L’Enfant, 2005) etablierten und kultivierten Stilmittel. Die Kamera folgt dem rastlosen Jungen dabei, wie er jede Möglichkeit wahrnimmt, aus dem Heim auszureißen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass ihn sein Vater verlassen hat. Dabei bleibt er nicht zuletzt wegen seines leuchtend roten T-Shirts, das ihn stets von den anderen Figuren sowie den Grau- und Grüntönen der Umgebung abhebt, Mittelpunkt des Interesses. Und auch diesmal ist die Handlung in prekären Lebensverhältnissen angesiedelt und setzt sich mit Gewissenskonflikten auseinander. Doch so bekannt diese Motive aus dem Dardenn’sche Oeuvre sind, stellt Der Junge mit dem Fahrrad doch einen Bruch, wenn auch nur einen sanften, mit früheren Filmen der Brüder dar.

Neu ist etwa der Einsatz von Musik. Mehrmals erklingen einige Akkorde aus dem Adagio von Beethovens 5. Klavierkonzert, und obwohl die Musik den Bildern eine gewisse Schwere verleiht, ist der Einsatz für ein wirkliches Zugeständnis an ein gezielt auf die Emotionen des Zuschauers abzielendes Arthauskino dann doch zu minimalistisch. Das Spröde der ansonsten  dokumentarisch anmutenden Ästhetik, die stets im Gegensatz zu den leicht melodramatischen Plots stand, ist in Der Junge mit dem Fahrrad allerdings weniger markant. Die Handkamera heftet sich nicht mehr so stark an die Figuren, sondern ist statischer und bezieht stärker das Umfeld mit ein. Damit haben sich die Dardennes zumindest teilweise eines ihrer prägnantesten Merkmale entledigt.

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Eine weitere, weniger geglückte Entwicklung lässt sich auch bei der Figurenwahl feststellen. Während Cyril vor den Aufsehern des Heims auf der Flucht ist, klammert er sich an die Friseurin Samantha (Cécile De France), die den Jungen schon kurz darauf an Wochenenden bei sich wohnen lässt und ihn vor anderen Vaterfiguren wie einem verführerischen minderjährigen Kleinkriminellen zu bewahren versucht. Damit steht ein ungleiches Paar im Mittelpunkt, dem die Ambivalenz früherer Dardenne-Figuren oft fehlt. Cyril ist nicht nur einige Jahre jünger als der von Renier in Das Versprechen dargestellte Igor, mit seiner Naivität gegenüber schlechten Vorbildern und den Kulleraugen zielt er streckenweise zu offensiv auf das Mitleid des Publikums ab, was schließlich auch durch sein ungestümes, teils brutales Gemüt nicht mehr aufgewogen wird. Samantha wird dagegen als reine Märtyrerin inszeniert, die sogar ihren Freund wegen des Jungen verlässt. Immerhin versucht der Film nicht mit Küchenpsychologie zu erklären, warum die gutmütige Friseurin diese Tortur überhaupt auf sich nimmt.

Man muss Der Junge mit dem Fahrrad zugestehen, dass das alles noch immer mit handwerklicher Finesse in Szene gesetzt ist und sich weitgehend den Fallstricken gefühlsduseliger Familienfilme entzieht. Mit ihrem nächsten Film sollten die Dardennes allerdings aufpassen, nicht auf allzu menschelndes Terrain vorzudringen. 

Trailer zu „Der Junge mit dem Fahrrad“


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Kommentare


H. Weigel

Cyril verschwindet mit der Grillkohle auf seinem Billig-VTT um die Ecke seiner Plattensiedlung ...
Als Zuschauer dachte ich: d'accord, das war's - etwas schal im Nachgeschmack.

Jérémie Renier in seiner Standard-Rolle, der obligatorische Olivier Gourmet 30 Sekunden als Kneipier, Cécile de France als Friseurin Sémantha auf der Suche nach der Mutterrrolle...

Le gamin au vélo empfinde ich als den schwächsten der Dardenne-Filme. Vielleicht sieht man aber sich aber auch an der Lüttich-Kulisse satt.


andre

Vielen Dank für diesen Film.






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