Laurence Anyways

Neues vom Vintage-Filmemacher Xavier Dolan. Nach seiner Ode an die imaginierte Liebe erforscht er nun Transsexualität als Frage des Dresscodes.

Laurence Anyways 3

Laurence Anyways ist ein Fest der Abwechslung. Duran Duran. Brahms. Céline Dion. Depeche Mode. The Cure. Beethoven. Erik Satie ... Es sind die Momente, in denen der Klangteppich wegbricht, und sei es nur für ein paar Sekunden, die auf sich aufmerksam machen. Dann aber nachhaltig. Xavier Dolan will mit aller Kraft Erfahrungen vermitteln, wirken. Überwältigen. Der Schwall an Eindrücken, an miteinander konkurrierenden Erregern, lässt als Kehrseite, ja, unterschwellig, in den in sich gekehrten Momenten diese Laurence, die schon mit ihrem doppelgeschlechtlichen Namen den Wechsel vom Mann zur Frau in die Wiege gelegt bekommen hat, verletzlich und nah erscheinen. Lässt du ihn nur oft genug auf dich eindreschen, wird sich die Gewalt irgendwann auflösen. Ihre zärtliche Seite zeigen. Nichts will Dolan, das Regiewunderkind, das mit seinem dritten Film Laurence Anyways zum dritten Mal in Cannes eingeladen ist, sehnlicher. Die Zärtlichkeit im Zwischenmenschlichen, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Dolan offenbart nichts, er konstruiert. Mit Verve, überschäumend, hellsichtig, pointiert.

Laurence Anyways 2

3D war gestern, die Zukunft heißt 4:3. Wenn Dolan, Stilist und Mode-Fetischist, es seiner Landesgenossin Anne Émond gleichtut und nach dem Festivalhit Nuit #1 (2011) ebenfalls einen Film in 4:3 dreht, dann ist das keine Selbstkasteiung. Es ist, wie vieles bei Dolan, auch mit einer Poser-Attitüde verbunden, die man ihm als Kinoliebhaber nur einfach nicht übel nehmen will. Wenn er sich räkelt und aufplustert, noch eine Zeitlupe, noch einen Frisurenwechsel, ein weiteres Bonmot, abgestimmte Komplementärfarben und Unschärfen uns entgegenwirft, dann fügt sich das in die Logik eines Aufmerksamkeitsjunkies und Fanatikers des Scheins. Wenn er das Bewegtbild liebt, die Requisite, das Setdesign, die Kostümgestaltung, wer will es ihm vergönnen? Die Wahl des Bildformats kann da als Riegel verstanden werden, den er vor weitere Vergleiche mit Wong Kar-wai schiebt. Die Überlänge, der melodramatische Ansatz, das Blick-, Rückblick-, Gegenblick-Regime hätten sie nämlich auch hier genährt. 4:3 aber, dieses fast quadratische Format, das nicht einmal mehr heutige Fernseher schmückt, das hat eine ganz wundersame Wirkung. Emanzipiert sich etwa Dolan von seiner Zitierwut? Nein, er ist und bleibt ein Mixtape-Filmemacher, aber es wird klarer, was ihn als Autor kennzeichnet.

Laurence Anyways

Wundersam ist es, wie das oft verschmähte kleine Bild hier der Großaufnahme huldigt und sich tatsächlich perfekt für die Erforschung der Gesichtsregungen eignet. Paarkonstellationen schenkt es sogar ihre Intimität. Cinemascope ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Dolan hat überhaupt für Laurence Anyways eine ganze Reihe an richtigen Entscheidungen getroffen. Etwa jene für die beiden erfahrenen französischen Schauspieler Nathalie Baye (Eine fatale Entscheidung, Le petit Lieutnant, 2005) in der Rolle der Mutter und Melvil Poupaud (Die Zeit die bleibt, Le temps qui reste, 2005) als Laurence. Seine stärksten, eigenständigsten Szenen schöpft der Regisseur aus der widersprüchlichen, apathisch-liebevollen Beziehung zwischen dem „niemals Sohn“ und der „Nicht-Mutter, der Frau, die da Zuhause war“. Obwohl ihre Szenen spärlich gesät sind, brennen sie sich ins Gedächtnis ein. Überzeugend auch die Entscheidung für eine Transsexuelle als Protagonistin, die als Frau weiterhin Frauen liebt. Genauer: die Frédérique (Suzanne Clément) liebt. Das erlaubt Dolan den großen Bogen einer bewegten Liebesbeziehung, ein geteiltes Leid, das am Anfang und Ende ein gleiches Paar zeigt.

Laurence Anyways 4

Laurence Anyways hat alles, um die Gemüter zu spalten. Gib dich hin, lass auf dich projizieren. Herr der Bilder und ihrer Wirkungen darfst du nicht sein wollen. Du wirst gefühlt. Die Gretchenfrage aber ist noch eine andere, denn mit der lesbischen Liebe zwischen Laurence und Frédérique – kurz Fred – verbannt Dolan den Geschlechtswandlungsdiskurs auf eine reine Identitätsebene, die in der schamhaften Darstellung und Thematisierung asexuell, fast aphysisch in Kostüm und Make-up aufgeht. Die Ratio ruft: Das geht doch so nicht. Nicht mit mir. Man möchte meinen, und die Gefahr ist nicht zu leugnen, Dolan versteige sich mit seinem Sujet. Da hat sich Laurence aber längst verselbstständigt, die Figur ist gewachsen, zu einer psychologisch unterdeterminierten, aber emotional und charismatisch verführerischen Frau, Anyways.

Trailer zu „Laurence Anyways“


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