Kinatay

Brillante Mendozas kontroverse Horrorfahrt in die Nacht wurde in Cannes von einem Kritiker als „schlechtester Film in der Geschichte des Festivals“ bezeichnet und von der Jury mit dem Preis für die beste Regie geehrt.

Kinatay

Im Radio singt eine Frau von einem „Ende ohne Ende“. Der frisch verheiratete junge Polizeischüler Peping (Coco Martin) sitzt in einem Auto mit einer Gruppe älterer Polizisten und hört sich das Wimmern einer von den Männern entführten, geschlagenen und geknebelten Prostituierten (Maria Isabel Lopez) an. Der Refrain der Liebesschnulze lässt keinen Zweifel daran, dass diese Fahrt Peping für immer verändern wird und dass sie weder für ihn noch für uns als Zuschauer eine Katharsis bereithält.

Kinatay

Der philippinische Regisseur (Lola, 2009) inszeniert seinen Protagonisten als unsere Bezugsperson, mit einer Kamera, die die meiste Zeit an seinem Gesicht haftet oder seinen Bewegungen folgt. In einer späteren Einstellung, die unangenehmer wirkt als die Darstellung ihrer Vergewaltigung und Verstümmelung, blickt die Prostituierte einmal direkt in die Kamera und fleht damit nicht nur Peping, sondern auch uns um Hilfe an. Peping und wir wissen, was mit der Frau geschehen wird, die den bedeutungsvollen Namen Madonna trägt und deren Mutterschaft wiederholt hervorgehoben wird. Mendoza hat seiner Hauptfigur zuvor mehrere Fluchtmöglichkeiten geboten. Im Vergleich zu Pepings Flucht aus der Situation wäre unsere aus dem Kinosaal eine mit geringen Konsequenzen. Der angehende Polizist hat den Verlust seiner Integrität, vor dem der Spruch auf seinem Hochschul-T-Shirt warnt, bereits eingeläutet, als er sich von seinen kriminellen Kollegen als Geldeintreiber hat anheuern lassen.

Kinatay

Dass dies sowohl aus Geldnot als auch aus Naivität geschehen ist, etabliert Mendoza im ausgiebigen ersten Teil von Kinatay, der einen gutmütigen und scherzenden Peping am Tag seiner Hochzeit zeigt, mit seiner Braut und seinem Baby, um das er sich liebevoll kümmert, bevor das Paar durch ein hektisches Manila zum Standesamt fährt und anschließend mit der Verwandtschaft in einem Fast-Food-Restaurant feiert. Die Gespräche kreisen ums Geld, für die Trauung musste sich der junge Vater etwas leihen, während sein Patenonkel mit seinem teuren neuen Auto auf verdächtig großem Fuß lebt. Mendoza betont Pepings Religiosität und deutet seine idealisierte Vorstellung vom Leben als Polizist an. Er wolle später einmal eine Waffe wie James Bond besitzen, meint der Student, der im Unterricht lernt, dass man an einem Tatort stets von außen nach innen ermittelt – eine Lektion, an die er sich erinnert, als er vor dem Haus steht, zu dem Madonna verschleppt wird, und dort für einen Augenblick zwischen der Rolle des Ermittlers, Komplizen und Opfers zu schwanken scheint.

Kinatay

Von außen nach innen inszeniert auch Mendoza. Nach den auf 35 mm gefilmten Tagesimpressionen folgen minimal beleuchtete HD-Aufnahmen des Wageninneren, in dem Peping ähnlich gefangen wirkt wie die gekidnappte, drogenabhängige Prostituierte, die dafür bezahlen muss, dass sie den korrupten Polizisten Geld schuldet. Während dieser gut zwanzigminütigen nächtlichen Fahrt aus der lärmenden Stadt in eine fast ausgestorbene, undefinierte Gegend (vorbei an einem Schlachthof) tastet die ruhelose Handkamera beinahe ununterbrochen den engen Raum ab, wandert von einer Person zur nächsten, wie auf der Suche nach Reaktionen in der angespannten Monotonie, und findet diese vor allem bei Peping, dessen Gesicht wachsende Sorge, Verstörung und Panik offenbart. Dazu erklingt ein beunruhigender Ambient-Soundtrack, der zusammen mit dem unterdrückten Stöhnen und Schluchzen des Opfers maßgeblich zur Eindringlichkeit der Sequenz beiträgt, im Verlauf allerdings als Spannungsmittel etwas überstrapaziert wird und an Wirkung verliert.

Kinatay

„Ich wusste relativ genau, welche Reaktionen ich vom Publikum wollte“, hat Mendoza im Cargo-Interview zu Kinatay geäußert. Vielleicht ist das Hauptproblem seines gesellschaftskritischen Thrillers, dass er es zu genau wissen wollte, sodass die hierfür eingesetzten Mittel zur Überdeutlichkeit neigen und man sich als Zuschauer zu offensichtlich in eine Richtung gedrängt fühlt. Das gilt für die dominante Tonspur und die zahlreichen Großaufnahmen von Peping ebenso wie für die horrortypischen Kameraperspektiven aus der Untersicht und eine allzu plumpe Symbolik, darunter ein Transporter mit Mastschweinen, der nach der titelgebenden „Schlachtung“ der Prostituierten den Rückweg der Täter kreuzt. Zwar klagt der Film, in dem auffällig häufig gegessen wird, die Reduzierung des Menschen auf seinen Marktwert an, speziell von Frauen auf ihr Fleisch, setzt dies mitunter aber derart plakativ um, dass er in einer geschmacksverirrten Montage die Geräusche von der Zerlegung der nicht mehr frischen Madonna mit dem Zerhacken von Dörrfleisch verbindet. Und obwohl sich die weitgehend unvoyeuristisch inszenierte Gewalt des Geschehens mehr akustisch denn grafisch äußert, haftet der eher überflüssigen Nahaufnahme eines abgetrennten, blutenden Körperteils doch ein wenig von der Sensationsausschlachtung an, die Mendoza hier in Gestalt eines Nachrichtenreporters eigentlich anprangern möchte.

Kinatay

Man kann dem Regisseur vorwerfen, dass er die diversen sozialen Missstände in seinem Heimatland wie schon in einigen seiner früheren Werke zu stark mit dem Holzhammer und im Rundumschlag kritisiert. Zugutehalten sollte man ihm aber, dass er es überhaupt tut, wofür der Film auf den Philippinen vermutlich nicht nur wegen seiner Gewaltszenen zunächst ein X-Rating kassiert hat, das inzwischen auf ein R-Rating reduziert wurde. Mendoza stellt die Tat der Polizisten nicht als Einzelfall dar, sondern als Symptom eines Systems, in dem man sich mit einem Polizistengehalt die Integrität wohl nur sehr schwer bewahren kann. Dass einer der „Staatsgangster“ den Spitznamen Rommel trägt und in der Stadt eine Polizeimannschaft eine Feierlichkeit schützt, auf der mit schwingenden Fahnen des Vaterland gepriesen wird, hebt das Verbrechen zudem auf eine politische Ebene. Das ist das Mutige und Beängstigende an Kinatay.

Trailer zu „Kinatay“


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Kommentare


enttäuscht

"Birte Lüdeking lebt in ihrer Heimatstadt Hamburg, wo sie als freie Journalistin und Drehbuchlektorin arbeitet...Ihre Begeisterung für das Kino ist genreübergreifend." Schade nur, daß Ihre Begeisterung fürs Kino sie nicht daran hinderte, so zu spoilern, daß einige Höhepunkte und Wendungen in dem Film dem Leser durch Ihre Kritik vorweggenommen werden. :-(






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