Im Regen des Südens

Nach jedem Regen kommt auch wieder Sonnenschein. Paula Hernández erzählt mit Im Regen des Südens von einem Augenblick, in dem sich die Lebenslinien zweier Menschen im Schatten eigener Probleme kreuzen.

Im Regen des Südens 01

Buenos Aires. Es ist Nacht. Autos, die im Stau stehen. Es regnet in Strömen. Durch den Dunst des Regens beobachten wir ein Szenario ungeduldigen Hupens, vermischt mit Sirenengeheul. Alles ist etwas unklar und verschwommen. Durch die angelaufenen Fensterscheiben eines Autos blicken wir auf Alma (Valeria Bertuccelli), die wartet. Dann, Menschen laufen entlang der Autokarawanen, zu ihr steigt plötzlich ein Mann ins Auto, Roberto (Ernesto Alterio). Eine zufällige Begegnung, Vertrauen aufbauen im Ausnahmezustand.

Im Regen des Südens 04

Moment, möchten wir da meinen. Eine Autobahn, ein Stau, bei dem sich ein Mann und eine Frau kennen lernen, Phantastik liegt in der Luft. Handelt es sich um eine Verfilmung von Julio Cortázars Südliche Autobahn (La autopista del sur, 1966)? Das Herkunftsland Argentinien hätten die beiden Autoren schon einmal gemeinsam. Und doch lehnt sich Im Regen des Südens (Lluvia) nur in Grundzügen an Cortázars Kurzgeschichte an. Hier wie dort findet das Aufeinandertreffen zweier Menschen während eines Staus in einer Situation statt, in der die Regeln des Alltags außer Kraft gesetzt sind. Ein Zustand, der sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, erweist sich als symptomatisch für die chaotischen Lebensumstände und das Innenleben der beiden Figuren. Alma und Roberto befinden sich in einer Lebensphase des Übergangs. Sie wurden, jeder für sich, aus ihrem Alltag heraus in eine andere Realität katapultiert. Nun leben sie in einem Schwebezustand, in dem sie sich gezwungen sehen, Orte der Durchreise wie Hotels, Cafés oder ein Pier am Hafen zu frequentieren. Alles impliziert ein Ablaufdatum: die Zeit, die Roberto noch in Argentinien verbringen wird, Almas Übernachtungen im Auto, das Wetter als dauerpräsenter Regenschauer. Was Im Regen des Südens und Südliche Autobahn verbindet, ist diese ungewöhnliche Konstellation abseits des Alltäglichen, in der man durchatmet, nicht immer nur starr nach vorne blickt, sondern sich umsieht und so eine potenzielle Nische schafft, um andere Menschen kennenzulernen.

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Es ist ein langsames Herantasten, ein Nachgeben und Zurücknehmen, wovon der Film erzählt. Ein reziproker Prozess des Gewährens und der Abwehr von Einblicken in persönliche Geheimnisse. Ein Gestus von einem Schritt nach vorne und zweien zurück. Paula Hernández inszeniert dieses Kennenlernen als eine Art Memory-Spiel, bei dem sich der Zuschauer gedulden muss, bis die passende Lebensgeschichte zu einer aufgedeckten Karte gefunden ist. Immer wieder werden uns diese Karten als Hinweise in Form einzelner Gegenstände aus dem sozialen Umfeld der Figuren vorgeführt. In einer Inventur des Lebens setzen wir so ihren Charakter und ihre Geschichte zusammen. Almas altes Auto mit der provisorisch geflickten Scheibe, der nicht funktionierenden Technik und den defekten Kabeln avanciert in Verbindung mit dem gekauften Schwangerschaftstest und dem Chaos des halben Hausrates im Kofferraum zum Symbol ihres ungeordneten Lebens, das eine Generalüberholung nötig hat. Robertos Besuch im Krankenhaus, die Wohnung des fremden Vaters, alte Fotos, dessen Brille lassen uns im Spiegel seiner eigenen Rolle als liebevoller Familienvater auf eine Identitätskrise blicken, die sich zwischen dem Mensch, der er heute ist, und seinem eigenen Aufwachsen ohne Vater austariert.

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Überhaupt streift Hernández hier ein beliebtes Thema des zeitgenössisch argentinischen Kinos, wie man es erst kürzlich auf der Berlinale in Medianeras (Gustavo Taretto, 2011) bestaunen konnte. Das Verlorensein der Menschen auf der Suche nach einem passenden Teil, das Winden beim Aufbau von Beziehungen im Angesicht einer anonymen Großstadt. Nur dass sich die Menschen in Im Regen des Südens in Lebenssituationen befinden, in denen man nicht bewusst sucht, sondern eher bemüht ist, sein eigenes Leben zu ordnen, als Beziehungen einzugehen oder den Partner fürs Leben zu finden. In einer Einbahnstraße treiben sie dahin, jeder für sich, bis zufällige Begegnungen schüchtern an Vertrauen gewinnen, um sich unbemerkt in lebensverändernde Beziehungen zu verwandeln. Kein anderer argentinischer Regisseur hat das mit so viel Lebenslust erzählt wie Alexis Dos Santos in seinem Film London Nights (Unmade Beds, 2009). Sind die Lebenssituationen seiner Protagonisten, die in ihren Zwanzigern und damit um die 15 bis 20 Jahre jünger sind als die in Im Regen des Südens, natürlich andere, handelt es sich vom Typus doch immer noch um Lebenskrisen, die sie zu bewältigen versuchen.

Doch die Krisen kommen und gehen wie der Regen. Am Ende wird die Entwicklung der Beziehung zwischen Alma und Roberto überraschend beschleunigt, ein Vertrauen hergestellt, um sich alle Geheimnisse anzuvertrauen. Mit einem Lächeln, noch etwas träumerisch, entlässt Paula Hernández ihre Protagonisten aus dem Film. Der Alltag holt das Märchen ein. Der Stau löst sich auf. Die Sonne scheint. Das Leben ist schön.

Trailer zu „Im Regen des Südens“


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Kommentare


lu teichmann

Der Film hat mich sehr berührt, die beiden Protagonisten haben ihre Gefühle so unglaublich differenziert und offen dargestellt, dass ich mir manchmal wie eine heimliche Beobachterin fühlte, vielleicht war ja auch das beabsichtigt. Am Ende war ich froh über die Botschaft und ihre filmische Gestaltung






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