Geliebtes Leben

Vom Scheitern der beobachtenden Haltung:  In Oliver Schmitz’ eindringlicher Adaption des Erfolgsromans „Worüber keiner spricht“ von Allan Stratton kämpft ein 12-jähriges südafrikanisches Mädchen um den Erhalt seiner von AIDS zerstörten Familie.

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In den afrikanischen Staaten südlich der Sahara leben laut Annahmen der UNO bis zu 24,2 Millionen Menschen mit HIV, davon allein 5,6 Millionen in Südafrika. Tragischer Effekt der Epidemie ist die Anzahl der Kinder, deren Eltern an den Folgen von AIDS gestorben sind. In Südafrika gibt es nach UN-Schätzungen bis zu 2,4 Millionen AIDS-Waisen im Alter bis zu 17 Jahren.

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Die Auswirkungen von AIDS auf die Integrität der Familie im südlichen Afrika sind auch das Thema des dritten Romans des Kanadiers Allan Stratton. Mit „Worüber keiner spricht“ („Chanda’s Secrets“2004) legte Stratton einen international vielbeachteten Jugendroman vor, dessen Fokus vor allem auf den Kindern und Jugendlichen liegt, die mit den AIDS-Folgen konfrontiert sind.

Mit Geliebtes Leben (Life, Above All) folgt nun die Umsetzung dieses Romans für die Kinoleinwand, unter der Regie von Oliver Schmitz. Dem Südafrikaner Schmitz ist der Blick auf gesellschaftliche Umwälzungen in seiner Heimat nicht fremd: Bereits 1988 hatte er mit Mapantsula einen Film vorgelegt, in dem der Protagonist eine Haltung gegen die ihn umgebenden gesellschaftlichen Zustände – dort das Apartheid-Regime – einnehmen musste. Nicht anders verhält es sich bei Geliebtes Leben, denn das zentrale Anliegen ist es, auf einen Zustand hinzuweisen, der große Teile des südafrikanischen Bevölkerung betrifft: die Tabuisierung von HIV und AIDS.

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Bei der Adaption des Romans trifft Schmitz’ Film wichtige Prämissen, die von der Vorlage abweichen: Nicht im südlichen Afrika, sondern in einem Township in Südafrika verortet der Film seine Handlung. Und wo im Roman die Ich-Erzählerin Chanda eine Heranwachsende von 16 Jahren ist, da versucht im Film ein 12-jähriges Mädchen die Mechanismen der sie umgebenden Welt zu begreifen und sich diesen zu stellen. Ausschlaggebend hierfür dürfte die bittere Realität sein, dass Kinder, die ihrer Eltern durch AIDS beraubt sind, oftmals völlig allein außerhalb einer familiären oder sozialen Gemeinschaft aufwachsen und allein überleben müssen. Das Tabu AIDS bewirkt hier vor allem Stigmatisierung und Ausgrenzung.

Ist Chandas Blick zunächst kindlich-naiv, so muss sie bald erkennen, wie weit die Angst vor der unausgesprochenen Krankheit bereits jedwede soziale Interaktion kontaminiert hat und wie wichtig eine eigene Haltung für ihr weiteres Überleben und das ihrer Geschwisterkinder ist. Als die Krankheit die Eltern – den Stiefvater und dann auch die Mutter – erreicht, sieht sich Chanda als ältestes Kind in der Pflicht, die Familie zusammenzuhalten. Stärkste Waffe ist dabei ihre kindliche Sicht, die es ihr erlaubt, Antworten auf Verständnisfragen dort einzufordern, wo bei Erwachsenen Angst und Aberglaube ein logisches Denken bereits unmöglich machen.

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Geliebtes Leben geht dabei behutsam vor. So bilden etwa die sozialen Defizite der Townships der Post-Apartheid-Gesellschaft lediglich den glaubwürdig gesetzten Rahmen der filmischen Handlung. Eine Positionierung erfolgt nur mittelbar, indem der Zuschauer zunächst eine beobachte Distanz wahren kann: Sämtliche Dialoge sind in Sepedi oder auch Nord-Sotho, einer der elf amtlichen Landessprachen Südafrikas, gehalten, was eine Untertitelung erforderlich macht. Die hauptsächlich eingesetzte Handkamera lässt vereinzelt einen dokumentarischen Duktus aufkommen.

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Doch diese dem Zuschauer anfänglich eingeräumte beobachtende Distanz scheitert, denn der von jedweder Didaktik befreite Blick fokussiert sich so umso mehr auf die Figur der Protagonistin: Es entsteht das stille Porträt eines Kindes, dem die Kindheit abhanden gekommen ist und das einen rapiden Reifeprozess durchlaufen muss, wenn es überleben will. Dieser Blick gelingt vor allem deshalb so überzeugend, weil es der Spielleitung gelingt, die Kinderdarsteller – allen voran Hauptdarstellerin Khomotso Manyaka –, so zu führen, dass eine Authentizität von großer Kraft entsteht. Dabei verweigert sich Geliebtes Leben keinesfalls klassischen Erzählmethoden. Das Besondere hier ist gerade der bewusste Einsatz konventioneller Mittel: Ali N. Askins reduzierter Soundtrack markiert nur an wenigen Stellen Stimmungsbilder der Protagonistin, und Bernhard Jaspers Kamera versteht es, sowohl minimalistische Bilder innerer Zustände als auch große Tableaus so zu komponieren, dass keine banalen Schaueffekte entstehen.

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Überhaupt: Dass prätentiöse Effekte oder platte Emotionalität vermieden werden, ist bei aller dramatischen Tragik bestimmt die wesentliche Leistung dieses Film, der dem Zuschauer weit mehr als nur die südafrikanische AIDS-Problematik vor Augen führt. Denn nimmt man sich bewusst der thematisierten universellen Fragen nach Zivilcourage und Überlebensstrategie an, dann wird man auch die ehrliche Frage zu stellen haben, wie es denn in unserer angeblich im Umgang mit AIDS so aufgeklärten  Gesellschaft um Stigmatisierung und Ausgrenzung bestellt ist. Der Befund dürfte nicht minder erschüttern wie dieser eindringliche Film.

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