Gambit - Der Masterplan

Schachmatt vor dem ersten Zug.

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Filmen, die zu lange auf der Wartebank saßen, bis sie endlich abgedreht wurden, merkt man diese Strapaze meistens an. Gambit – Der Masterplan (Gambit) war von seinem Produzenten Mike Lobell schon seit Ende der Neunziger geplant, ja eigentlich hatte er den Stoff bereits seit den 1960er Jahren im Kopf, nachdem er in London die Premiere der Krimikomödie Das Mädchen aus der Cherry-Bar (im Original schon „Gambit“) gesehen hatte. Was dann folgte, waren lange Jahre der Suche nach geeigneten Drehbuchautoren, Regisseuren und Schauspielern für sein Remake. Am Ende bedienten sich dann sogar keine geringeren als die Coen-Brüder des Drehbuchs, um den Plot einer gründlichen Generalüberholung zu unterziehen.

Im Original bringt der Kunsträuber Harry Deane den arabischen Multimillionär Shahbandar um eine seiner wertvollsten Statuen. Sein Gambit ist eine junge Tänzerin, die der verstorbenen Frau des Düpierten verblüffend ähnlich sieht. Ein Gambit, wie es der wohlfeile Titel verspricht, ist nämlich per definitionem so etwas wie ein geschickter Schachzug. Der Fachausdruck steht für eine überraschende Eröffnung beim Schach, bei der ein Spieler absichtsvoll eine Figur verloren gibt, um sich dann nach etlichen weiteren wirren Bewegungen auf dem Brett irgendwann doch einen strategischen Vorteil herauszuschinden. So ein Gambit interessiert die Coens natürlich, genauso wie das Genrekino, aus dem sie schöpfen. Ihre Version des Gambit-Skripts gibt dem Original-Krimi daher auch wenig überraschend die nötige Bissigkeit und Essenz bei.

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So müssen dem kleinkriminellen Kunsträuber aus den 1960ern bei Ethan und Joel Coen Hinterlistigkeit und Rachedurst erst noch erwachsen: Harry Deane ist in der Coen-Version von Gambit zunächst einmal Kunstkurator für den großkotzigen und widerwärtigen Medientycoon Lionel Shahbandar. In dessen Namen klingeln zwar immer noch die Schätze aus Tausenduneiner Nacht an, doch wird aus Shahbandar in der Neufassung ein geschleckter Brite mit eher europäischer Kunstbeflissenheit. In seinem Besitz liegt Monets Gemälde eines Heuschobers in der Morgendämmerung, den er gerne um die Variante in der Abenddämmerung erweitern würde. Das Bild gilt jedoch als verschollen seit die Nazis es sich im Krieg unter den Nagel gerissen hatten. Mit der texanischen Rodeoreiterin PJ Puznowski will Harry Deane den Kunstschatz jedoch wieder aus der Versenkung holen.

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Harry erfindet PJ eine wirre Familiengeschichte und dank der spitzfindigen Lautmalerei ihres Nachnamens – „PUSCHNAUFSKI“ zischt so böse, dass dieser Name für jeden englischen Muttersprachler unausweichlich nach deutschem Militarismus klingt – stellt er sie in die Erbfolge eines deutschen SS-Offiziers und Kunsträubers sondergleichen. Monets „Heuschober in der Abenddämmerung“ oder besser eine täuschend echte Fälschung des Gemäldes wird kurzerhand in den staubigen Wohnwagen von PJ´s tabakkauender Mutter aufgehängt. Was dann folgt ist ein Verwirrspiel aus Geld, Liebe und viel zu vielen Heuschobern, das die Coenschen Dialoge in ein wortgewandtes Duell aus texanischer Bodenständigkeit vs. britischer Hochkultur einfassen. Wer sich am Ende das echte oder falsche Bild geschnappt hat, ist dabei gar nicht mehr so wichtig. Den Sieg trägt vielmehr derjenige davon, der den besten Spruch geliefert hat.

Schade ist nur, dass die zynischen Sentenzen der Coen-Brüder, die europäisches Gelehrtentum, arriviertes Yuppie-Gehabe und hinterwäldlerische Redneck-Kultur mindestens zu gleichen Teilen treffen wollen, bei Regisseur Michael Hoffman ihr Ziel komplett verfehlen. Hoffman übersieht die Brüche und inszenatorischen Reibeflächen seines Drehbuchs. Mehr noch stampft er den Charme der Dialoge völlig ein, indem er versucht, für jedes Wort das passgenaue Bild zu finden. Ein Skript schlichtweg abzufilmen, ist aber vor allem eines: gähnend langweilig.

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Das fängt schon beim völlig unterforderten Cast von Gambit an. Auch wenn man in Alan Rickman nur mit Mühe eine andere Figur als Severus Snape aus Harry Potter sehen kann, hat der Schauspieler mit dieser Rolle doch zumindest sein Talent zur Doppelbödigkeit bewiesen. Hoffman aber vereindeutigt Rickmans exzentrisches Spiel zu einem Shahbandar, dessen einzige Aufgabe es ist, das tyrannische Geldekel zu mimen. Zu allem Übel wird der despotische Multimillionär – als ob man es noch nicht verstanden hätte – penetrant von einem mächtig anschwellenden Löwengebrüll begleitet. Mit Cameron Diaz als PJ Puznowski ist das nicht anders. Ihrem Körper sieht man Fitnessstudio und Solarium ein bisschen zu sehr an, ihre Haare sind zu blond, ihre Cowboy-Stiefel haben zu viel Glitter und ihr texanischer Akzent wirkt aufgesetzt. Man kann sich ja recht genau vorstellen, wie die Coens eine Trailer-Park-Figur aus der texanischen Wüste bebildern würden. Angesichts dessen kann die Überzogenheit der PJ bei Hoffman nur noch schrill und nervig sein. Am meisten trauert man jedoch um Colin Firth als Harry Dean. Die Rolle des sonst so markanten Charakterdarstellers zerfließt im Slapstick. Harry Deane ist ein trottelig-verklemmter Brite, dem man vor lauter Blödelei weder den Kunstkenner noch den großen Coup gegen Shahbandar abkauft.

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Slapstick: Das ist es wohl, worauf Gambit ein wenig zu selbstsicher gesetzt hat. Plumpheit und billiger Humor lassen einem das Lachen recht schnell vergehen und das nicht erst wenn Harry Deane in Boxershorts mit Ming-Vase in der Hand an der Außenwand des Savoy balanciert während sich drinnen im Zimmer Shahbandar mit PJ vergnügt. Die Kamera der Coens hätte in so einer Szene gnadenlos draufgehalten, hätte dem Briten langsam und genussvoll die Hosen heruntergezogen. Hoffman zeigt lediglich einen Trottel, der aus lauter Geldnot eine Ming-Vase im Savoy mitgehen lässt, dann aber – wie es der Zufall will – leider zur falschen Zeit am falschen Ort ist und, wie es gleich der nächste Zufall will, mal schnell in Unterhose aus dem Fenster klettern muss. Wegen solch peinlicher Lachnummern, die buchstäblich in der Luft hängen bleiben, muss Hoffman sein Spiel schließlich verloren geben. Sein Gambit war ein zu hoher Einsatz, die Strategie dahinter allzu durchschaubar.

Trailer zu „Gambit - Der Masterplan“


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Kommentare


FrancisD

Wow, krasse Kritik. Ich habe den Film im Dezember in London im Kino gesehen und dann nochmal vor 3 Wochen in einer Sneak-Preview (dort auch im Original-Ton). Allerdings hatte ich auch absolut gar keine Erwartungshaltung an den Film. Ich wusste beim ersten Sehen weder, dass es sich um ein Remake handelt, noch das die Coens ihre Finger da mit im Spiel hatten.

Irgendwie habe ich den Film ganz anders wahrgenommen. Hab schon lange nicht mehr so gelacht und ich zähle mich nicht wirklich zu den Fäkalhumoristen, die sich an Filmen wie Hangover und Scary Movie sattsehen können.

Der große Wurf ist der Film natürlich nicht, aber dennoch sehr kurzweilig, unterhaltsam und vor allem lustig. Naja, Geschmäcker gehen eben auseinander und das ist ja auch gut so. Werde mir den Film definitiv auch nochmal in deutscher Synchro ansehen wenn er anläuft... Hangover 3 erspare ich mir dann z.B, da konnte ich beim ersten Teil schon nicht mitlachen.


Tom Winhold

Kritik geht völlig fehl!
Der Vergleich des Shabandar mit Rickmans Darstellung einer Harry-Potter-Figur drängt den Schluss auf, dass Frau Karl noch nicht allzu lange Filme schaut. Wohl ist ihr vollkommen entgangen, dass hier eine Anknüpfung an alte Screwballs entgangen, die gerade von der Überzeichnung der Charaktere leben. Diese gelingt allen Beteiligten, Rickman, Firth, Courtenay sowie Diaz ausgezeichnet und schadet dem Film nicht, sondern ist für diese Art Erzählung nachgerade konstitutiv.

Wo bitte ist denn der angeführte Zynismus zu entdecken? Hiervon könnte allenfalls dann die Rede sein, wenn es sich bei der Darstellung des "arrivierten Yuppietums" (welches schlichtweg gar nicht so vorkommt oder welcher der Charaktere soll denn bitte ein Yuppie sein) um Kritik desselben handelte. Hiervon kann jedoch gar nicht die Rede sein, es ist eine dem Slapstick eigene Überzeichnung.

Im Ergebnis muss davon ausgegangen werden, dass Frau Karl den Film entweder gar nicht gesehen hat oder möglicherweise unkonzentriert war. Völlig verkehrt ist ihr Hinweis, PJ Puznowski stehe in der Erbfolge eines deutschen SS-Offiziers. Richtig ist, das sie die Enkelin eines GIs ist, der das Bild der amerik. Militärverwaltung entzieht.






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