Europe, She Loves

Transnationale Tristesse: Der Schweizer Regisseur Jan Gassmann spannt eine Leinwand über den europäischen Kontinent, die er an seinen Rändern befestigt.

Europe She Loves 01

„In two months, won’t you be somewhere else?“ – „I don’t know.“ Ein Mann und eine Frau stehen auf einem Balkon oberhalb eines mediterranen Häusermeers. An die Brüstung gelehnt, ziehen sie am Jointstummel aus dem Mund des anderen, blicken auf Antennen, Flachdächer, etwas gelangweilt. Schweigen. Mit diesem unaufgeregten Tonschlag beginnt Jan Gassmann sein trapezförmiges Europa-Panorama, und unaufgeregt wird es bleiben.

„There is no actors“

Penny lernt fleißig Italienisch und will weg, auch weg von Niko, der genügsam Pizza liefert. Caro und Juan tragen ihren Dauerslalom zwischen Sex und Zank vor bunt bemalten Raufasertapeten aus, die kinderzimmerartig anmuten. Veronika tanzt dickbäuchigen Anzugträgern gute Laune, während Harri sich gedrängt sieht, seinen Stiefsohn von den neuen Handschuhen zu überzeugen, die ebenso viel wert sind wie die der anderen Kinder. Siobhan hat wieder nur einen blauen Sack voller Dosenbohnen angeschleppt, sie und Terry eint vor allem Lethargie: Menschen im ersten Drittel ihres Lebens, auf der Suche nach Halt.

Dublin, Thessaloniki, Tallinn und Sevilla sind die Schauplätze dieses halbdokumentarischen Films, Städte am Rand der Europäischen Union. Bewusst habe er sich gegen Berlin, Paris oder Rom entschieden, sagt Gassmann, seine Protagonisten aus hundert Bewerbungen ausgewählt und sie in ihrem Alltag begleitet. Der Schnitt habe schließlich über die Erzählung bestimmt, tausend andere Geschichten seien möglich gewesen.

Dass er sich ausgerechnet für vier heterosexuelle, in ihrer Beziehung zueinander recht ähnliche Paare entschieden hat, irritiert etwas – will er seinen Film doch als einen politischen verstanden wissen. Zudem sind es zwar die Frauen, die in diesen Stichproben den entschlossenen Part übernehmen: Allesamt erscheinen sie wacher und ambitionierter als ihre Partner. Stereotyp wie altbekannt wirken jedoch die Sexszenen, in denen er stets will und sie sich ziert.

Europe, she smokes

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Die Geschichten, die Gassmann erzählen möchte, handeln von jungen Paarbeziehungen, sind Geschichten von Zweifel und Hoffnung, in denen Sex, Drogen und Geld eine zentrale Rolle spielen: Vom einen hat man stets zu wenig, vom anderen verspricht man sich zu viel. Deutlich wird, wie das Große ins Kleine hereinbricht – der Wettbewerb, die Krise, die Fragilität –, wie Liebende zu Konkurrentinnen, zu Vertragspartnerinnen werden. Verbindlichkeit, Verantwortung, nichts scheint hier sicher, und so fragt man sich: Wie halten diese Einzelkämpferinnen das eigentlich aus, so ganz ohne Fundament?

Gemeinsam mit seinem Kameramann Ramon Giger zeigt Jan Gassmann, der in München Dokumentarfilmregie studierte, auf eindrückliche Weise die Lebensrealität eines Kontinents, die Unterschiede zwischen den individuellen Kontexten scheinen dabei nicht allzu groß: eine Realität zwischen WhatsApp und Masterbewerbung, Pärchenkrampf und Straßenkampf, Videospiel und Heroinsucht, zwischen Patchwork und Pole Dance. Europa ist dabei das, was aus den Fernsehern, aus den Radios in die dunklen, vollgestellten Schlafzimmer dringt, das, worüber Menschen in Jacketts vor massiven Holzbänken sprechen, von Friedensversprechen und Wahlverdruss, während graue Landschaften vorüberziehen, in Aufnahmen aus Zügen oder Autos heraus: Industriegebiete, Windräder, Stacheldraht, Massenfriedhöfe, Hochhausbuchten, Strohfelder, Wachtürme, Atomkraftwerke, ein Feuerwerk, ein Schiffswrack. Verlangsamte Bilder einer wogenden Meeresoberfläche, die all diese Städte, dieses Europa verbindet.

Crisis, don’t cry

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Dass Gassman die Idee zu Europe, She Loves beim Duschen kam, schlägt sich auch im Film selbst nieder: Immer wieder lassen sich die Charaktere Wasser und Schaum über den Kopf laufen, der Versuch einer permanenten Katharsis. Nacktheit wird als zentrales Element eingesetzt, die Kamera bleibt schonungslos nah dran. Sie verbietet die Möglichkeit der Distanzierung, und so sehr man sich auch weigern möchte, die depressive Diagnose anzunehmen, wird klar: Diese Körper, diese Menschen auf den Demos, vor den Clubs, das ist nicht fiktional. Diese Generation existiert, mit eben jenen Sorgen und mit eben jenem Wunsch nach Rausch. Gassmann gelingt es, ein Bild zu zeichnen, das weder der verkitschten Idee eines prekären Y-Daseins folgt noch allzu sehr schwarzmalt, sondern vor allem eins ist: nah dran, verqualmt und matt.

Trailer zu „Europe, She Loves“


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