Electric Boogaloo – Die unglaublich wilde Geschichte der verrücktesten Filmfirma der Welt

Von zwei Israelis, die auszogen, Hollywood zu erobern. Die unabhängige Produktionsfirma Cannon schickte sich in den 1980er Jahren an, die Phalanx der Studios zu durchbrechen.

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Früher, als Schüler in den 80er und frühen 90er Jahren, hielt ich die Cannon für die beste Filmproduktionsfirma der Welt. Wann immer ein Film mit dem bekannten, blau glänzenden Hexagon und dem martialischen Namen begann – und es waren verdammt viele Filme, auf die das zutraf –, wusste ich, dass meine Zeit gut investiert sein würde. Delta Force (1986), American Fighter (1985) und American Fighter 2 – Der Auftrag (1987), Feuerwalze (1986), Death Wish 3 – Der Rächer von New York (1985) und Death Wish 4 – Das Weiße im Auge, Night Hunter (1986) und Over the Top (1987), Quatermain – Auf der Suche nach dem Schatz der Könige (1985), sein Sequel Quatermain II – Auf der Suche nach der geheimnisvollen Stadt (1987) und Invasion U.S.A. (1985) waren nur einige der Titel, die damals meine amoklaufende Jungsfantasie beflügelten. Und diese Liebe hat bis heute gehalten.

Außenseiter-Kunst

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Das Cannon-Gesamtwerk eröffnet dem geneigten Zuschauer ein quietschbuntes, testosterongeladenes Pulp-Universum, das totale Hingabe verlangt. Es ist eine Welt, in der man sich verlieren kann, wenn man sich darauf einlassen mag. Die Cannon-Filme sind populistisch, ultrakommerziell und oft von einem gewissen Größenwahn oder vielmehr der Leugnung ökonomischer Realitäten geprägt, aber eben auch von einer bedingungslosen, überschäumenden, unkontrollierten Liebe für das Kino. Electric Boogaloo – Die unglaublich wilde Geschichte der verrücktesten Filmfirma der Welt, eine Dokumentation von Mark Hartley (Not Quite Hollywood: The Wild, Untold Story of Ozploitation!, 2008), zeigt das sehr deutlich – leider aber auch, dass es den meisten Menschen immer noch sehr schwerfällt, sich genau darauf einzulassen und bestehende Kategorisierungen zu umgehen.

In knapp 100 Minuten lässt Hartley die Historie der Cannon mithilfe von ehemaligen Mitarbeitern, Schauspielern und Filmschaffenden Revue passieren. Filmisch ist das nur wenig anspruchsvoll (von der hübschen Creditsequenz abgesehen, in der die ikonischen Cannon-Posterartworks im Stile von Cartoons zum Leben erweckt werden): In rasanter Abfolge werden kurze Talking-Heads-Interviewstatements mit Film- (meist aus den markig betexteten Trailern) und Fotomaterial illustriert. Die Geschichte, die Hartley so skizziert, ist relativ bekannt: Die israelischen Cousins Menahem Golan und Yoram Globus – beides Filmfanatiker, Golan ein bedeutender Regisseur in seiner Heimat, Globus ein genialer Kaufmann – beschließen, die USA zu erobern, kaufen die seit 1967 existierende Cannon Group und fluten den Markt zunächst mit billig runtergekurbelten Sex- und Horrorfilmen.

Aufstieg und Fall

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Das von Globus erdachte Wirtschaftsmodell bewährt sich: Titel, Namen und Plakatmotive werden verkauft, noch bevor die dazugehörigen Filme überhaupt entstanden sind, und spülen so Geld in die Kassen, das sofort investiert werden kann. Der Output wächst, erste preisgünstige Hits verschaffen Aufmerksamkeit, gleichzeitig werden die Israelis wegen ihres persönlichen Stils, ihrer Methoden und der als „Schlock“ charakterisierten Filme in der Industrie verachtet. Zeitweise produziert die Cannon über 50 Filme pro Jahr, gleichzeitig wachsen die Ambitionen ins Uferlose. Die Cannon kauft ganze Kinoketten in Europa, engagiert Regisseure wie Franco Zeffirelli, Jean-Luc Godard, John Cassavetes, John Frankenheimer oder Barbet Schroeder, zahlt Stars wie Sylvester Stallone ungeahnte Fantasiesummen, um endlich den ersehnten Respekt zu erhalten. Doch die Hits bleiben aus, während die Kosten immer weiter explodieren. Der GAU ist nicht aufzuhalten ...

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Über weite Strecken begnügt sich Hartley damit, seine Zeitzeugen muntere Anekdötchen aneinanderreihen zu lassen und am Bild der jovialen, impulsiven, fehlgeleiteten, enthusiastischen, aber künstlerisch minderbemittelten Produzenten zu stricken. Alle scheinen sich einig darüber, dass die von der Cannon produzierten Filme weitestgehend haarsträubenden und vor allem wertlosen Schrott darstellten. Dass viele sich trotzdem gern an ihre Zeit bei der Produktionsfirma erinnern, liegt in erster Linie an dem erhebenden Gefühl, dem übermächtigen System mit einfachen Mitteln zumindest für kurze Zeit ein Schnippchen geschlagen zu haben. Man erahnt, welche Energie vor allem Golan verströmt haben muss, wie da mit höchster Impulsivität und ungefilterter Kreativität Filme aus dem Stegreif entwickelt und abgesegnet wurden. Doch so sehr auch das wirtschaftliche Geschick und das nimmermüde Improvisationstalent anerkannt werden, nie wird ein Zweifel an der minderen Qualität der Filme gelassen: Sowohl Hartley als auch seine Zeitzeugen behandeln diese Einschätzung als ewige Wahrheit, die gewissermaßen selbstevident ist. Cannon-Filme sind Trash, die wenigen abweichenden Ausnahmen – Andrej Konchalovskys Runaway Train (1985) wird explizit als solche erwähnt – bestätigen lediglich die felsenfeste Regel.

Das Imperium schlägt zurück

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Erst sehr spät schlägt Electric Boogaloo einen etwas versöhnlicheren Ton an: Robert Forster bezeichnet Golan als einen der besten Regisseure, mit denen er jemals zusammenarbeiten durfte, andere geben zu bedenken, dass es nicht zuletzt Rassismus und Elitarismus waren, die den Untergang der Fremden mit ihren eigenartigen Umgangsformen in Hollywood besiegelten. Golan und Globus waren von Anfang an nicht willkommen, bedienten das Klischee der unkultivierten vulgären Geschäftemacher (ein herrliches Foto zeigt die beiden in grellen Jogginganzügen mit dem Cannon-Logo und breitem Gewinnerlächeln über die Croisette schlendern) und passten nicht in die saubere Traumwerkstatt. „Wäre Runaway Train nicht von der Cannon, gälte er heute als Klassiker“, heißt es einmal. Und Franco Zeffirelli gesteht mit Tränen in den Augen, dass er Golan und Globus sein Meisterwerk Otello (1986) zu verdanken habe. Man überhört es fast zwischen all dem Getöse.

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Im Kontext des Filmes, der die Hollywood-Siegergeschichtsschreibung in gewisser Weise fortsetzt, sind solche Aussagen jedoch kaum mehr als Höflichkeitsfloskeln. Dass Menahem Golan ein großer, ja vielleicht sogar der letzte Träumer des Kinos war, wird bestenfalls als nettes Zugeständnis eingeräumt, das an seinem „wahren“ Wesen nur wenig ändert. Electric Boogaloo ist eine unterhaltsame, dank ihres Objekts und der meist gut aufgelegten Interviewpartner immens kurzweilige Geschichtsstunde, die nicht zuletzt Lust macht, ein paar weniger bekannte Cannon-Filme zu bergen. Wer aber einen originellen Zugang zu seinem Sujet erwartet oder wenigstens eine etwas weniger apologetische Haltung, der wird eher enttäuscht werden. Man erfährt hier nichts, was man nicht schon vorher gewusst hätte. Außer, dass man sich für seinen Geschmack was schämen sollte.

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