El Clan

Die Auswüchse der Militärjunta: Pablo Trapero inszeniert die Geschichte des Puccio-Clans als Anti-Thriller über Grausamkeit und Eskapismus.

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Es ist die Geburtsstunde der argentinischen Demokratie, die in hektisch aneinandergereihten Bruchstücken aus Abendempfängen, Gratulationen, Amtsübergaben und Rugbyspielen zu einem Prolog für Pablo Traperos Der Clan wird. In messingfarbenen Bildern zeichnen sich, wie durch einen Schleier, der sich über den argentinischen Sommer legt, noch deutlich die Spuren der Militärjunta ab. Aus dem dunklen Kontrast dieses Schleiers, stechen immer wieder Arquímedes Puccios (Guillermo Francella) stahlblaue Augen hervor. Der Patriarch der Puccio-Familie ist eines der lebenden Relikte der Juntazeit. Seine Talente, die er sich bei der Verschleppung politischer Abweichler und Juntagegner aneignete, setzt er nach Ende der Diktatur nun auf eigene Rechnung weiter fort. Zum Hauptkomplizen macht er seinen Sohn Alejandro (Peter Lanzani), genannt Alex.

Nach der Diktatur ist vor der Diktatur

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Dabei kommen ihm die Talente seines Sohnes zur Gute. Alex ist Star des lokalen Rugbyteams und spielt sogar für die Pumas, die argentinische Nationalmannschaft. Ihr erstes Opfer ist Ricardo Manoukian, ein Teamkollege von Alex. Dieser wird nicht in eine Lagerhalle oder eine ablegende Farm verschleppt, er wird im Badezimmer des Familienhauses angekettet, gleich neben den Zimmern der Töchter. In einer Plansequenz, die bereits die Dynamiken innerhalb des Puccio-Clans andeutet, begleitet die Kamera Arquímedes auf dem Weg zu Ricardo. Zunächst bittet er seine Frau Epifanía (Lili Popovich) um ein extra Stück Fleisch für seine Geisel, der Junge soll schließlich nicht hungern. Dann ermahnt er noch freundlich Alex, der vor dem Fernseher sitzt, seiner Mutter zu helfen und schickt seine Tochter Adriana (Antonia Bengoechea), die mit Kopfhörern auf ihrem Bett liegt, zum Essen. Schließlich erreicht er das Geiselzimmer, und wir erhaschen einen kurzen Blick auf den gefesselten Ricardo. Ein paar Tage später überweist die Familie Manoukian das Lösegeld für ihren Sohn, der noch in der gleichen Nacht mit drei Schüssen in den Kopf hingerichtet wird. Alex, der bis dahin geglaubt hatte, sein Vater würde den Teamkollegen wieder freilassen, ist jetzt Teil des ersten Mordes der Puccio-Familie. Weitere werden folgen. Der Clan entführte und ermordete zwischen 1983 und 1985 drei Menschen.

All I've got's this sunny afternoon

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Die Chronologie der Ereignisse bildet Traperos dramaturgisches Fundament, Der Clan entzieht sich dennoch der bekannten Spannungsstruktur des Thriller- und Krimigenres. Die von Arquímedes Puccio geplanten Morde bilden innerhalb der Erzählung keine Höhepunkte. Es sind die Momente zwischen den Verbrechen, die Trapero immer wieder seziert, die Anomalien eines Familienlebens, das nicht parallel zu den Gräueln der Verschleppung und Ermordung Unschuldiger existiert, sondern mitten in diesem Umfeld stattfindet. Im Fokus stehen Arquímedes und Alex, der zunächst als einziges Familienmitglied direkt an den Entführungen beteiligt ist. Eine komplexe Beziehung, die Trapero im Moment eines Familienfotos einfängt. Der Vater steht hinter dem Sohn. Seine markanten Augen blicken an der Kamera vorbei. Keiner der beiden lächelt, als der Patriarch seine Hände auf Alex’ Schultern ablegt. Ein sanfter Würgegriff hüllt seinen ältesten Sohn ein, der die Bedrohung noch nicht zu ahnen scheint.

Sex, Rock und Folter

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So schwebt auch Traperos Film wie ein Traum dahin, für den die Familienmitglieder immer wieder die Realität ihres Lebens verdrängen. Die Entführungen selbst werden, so wie die Gewalt an Unschuldigen, immer wieder von laut eingespielten, zeitgenössischen Rocksongs eingebauscht. In einer Montagesequenz verbindet Trapero eine Entführung und Alex’ erste Nacht mit seiner zukünftigen Frau Monica (Stefanía Koessl). Ihr leidenschaftlicher Sex auf der Rückbank des Wagens, in dem bereits das erste Opfer der Familie verschleppt wurde, trifft im Stakkato auf die Bilder eines Opfers, dessen Schreie von der Ekstase des Paares und dem immer wieder eingespielten „Sunny Afternoon“ der Kinks übertönt werden.

Die Kaschierung der Gewalt bleibt, hinsichtlich der wahren Morde, ein gewagter Ansatz. Doch das Trugbild, das wir sehen, entspringt eben stets der Perspektive des Puccio-Clans – in die im Zuge der Gräueltaten des Patriarchen erst allmählich die Außenwelt einbricht. Während Alex noch vom Tod seines Mannschaftskollegen heimgesucht wird, der im Nebel seines Lachgasrausches schließlich verschwindet, sitzt sein jüngster Bruder Guillermo bald nur noch apathisch vor dem Fernseher. Und auch der kann die Schreie, die aus dem Keller des Familienhauses dringen, nicht mehr übertönen. Den Untergang der Puccios nimmt Trapero zusammen mit dem Ende der Militärdiktatur bereits im Prolog seines Films vorweg. Einen Epilog zu beiden Geschichten gibt es bislang noch nicht.

Trailer zu „El Clan“


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