Dog Pound

Kim Chapirons Remake von Alan Clarkes klassischem Gefängnisfilm Scum setzt dezent eigene Akzente – und wirkt überraschend lang nach.

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Drei kriminelle Jugendliche – Butch (Adam Butcher), Davis (Shane Kippel) und Angel (Mateo Morales) – werden wegen unterschiedlicher Vergehen, von Autodiebstahl und Drogenhandel bis zum brutalen Angriff auf einen Gefängniswärter, in das Jugendgefängnis Enola Vale eingeliefert, wo sie auf eine gnadenlos darwinistische Hackordnung treffen. Die Clique des tyrannischen Banks hat das Gefängnis scheinbar fest im Griff und empfängt insbesondere den aufmüpfigen Butch erst einmal, indem sie ihn zur Verfestigung der Machtverhältnisse brutal zusammenschlägt. Von den Wärtern, die die Situation mit allen Mitteln durch Verhinderung einer Racheaktion befrieden möchten, wird daraufhin der unschuldige Butch überdies noch in Einzelhaft gesteckt. Doch dieser ergreift natürlich dennoch die erste Gelegenheit, um sich zu rächen und selbst die oberste Position der gefängnisinternen Hierarchie zu erklimmen. Die weiterhin schwelenden Konflikte eskalieren schließlich, als zwei Häftlinge sterben – der eine durch Selbstmord als Reaktion auf eine anale Vergewaltigung durch eine rivalisierende Clique, der andere infolge des Ausrasters eines eigentlich wohlmeinenden Wärters mit privaten Problemen.

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Dieser Plot klingt mehr als bekannt, und dies nicht nur, weil Dog Pound weitgehend den Grundtopoi des Gefängnisfilms als Genre treu bleibt. Tatsächlich verbirgt sich hinter Kim Chapirons zweitem Film, auch wenn er es in den Credits verschweigt, ein waschechtes Remake. „I’m the daddy now“, so presste Ray Winstone 1979 in einem durchaus ikonischen Moment des britischen Kinos mit hassverzerrtem Gesicht zwischen den Lippen hervor, in Alan Clarkes seinerzeit als Skandalfilm Aufsehen erregendem Knastfilm Scum. Mit Dog Pound legt der Franzose Chapiron nun eine Neubearbeitung vor, die sich nicht nur im Grundstoff, sondern oftmals bis in einzelne Szenenfolgen hinein an dieser klassischen, heute vielleicht ein wenig zu sehr in Vergessenheit geratenen Vorlage abarbeitet. Die Themen bleiben dabei die gleichen, auch wenn Chapiron, der mit seinem Debüt Sheitan (2006) einen der originelleren Beiträge zum neuen französischen Terrorkino geleistet hatte, stellenweise auch betont eigene Wege geht.

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Der Strafvollzug als erbarmungslos destruktiver sozialer Mikrokosmos, der jugendlichen Gewalttätern weniger die Möglichkeit zur Resozialisierung bietet, sondern diese im Gegenteil nur noch nachhaltiger in eine Gewaltspirale einordnet, in deren Rahmen sie mit allen Mitteln darum kämpfen müssen, sich zu behaupten oder auch nur zu überleben, steht weiterhin im Zentrum der Erzählung. Die Perspektive von Dog Pound unterscheidet sich jedoch durch einen betont humanistischeren Zugang von der kalten, nihilistischen Wucht von Alan Clarkes Inszenierung. Zwar endet hier wie dort alles in einer Vergewaltigung, einem Selbstmord, einem Gefangenenaufstand und dessen brutaler Niederschlagung, doch obgleich die Ereigniskette die gleiche bleibt, setzt Chapiron einige neue Akzente, die die handelnden Protagonisten aus ihren zugeschriebenen Rollen herauszulösen und menschlicher zu skizzieren versuchen.

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Das beginnt mit der Charakterisierung der jugendlichen Insassen, die Chapiron zu großen Teilen mit echten Häftlingen besetzt hat, die gerade erst entlassen wurden und teilweise inzwischen schon wieder inhaftiert sind. Stärker als der dahingehend gnadenlose Clarke betont Chapiron die Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit der Jugendlichen, deren antisoziales Verhalten mit den richtigen pädagogischen Mitteln durchaus überwindbar scheint. Der direkte Vergleich zweier im Ansatz identischer, in der Konsequenz aber diametraler Sequenzen vermag da Aufschluss zu geben: In beiden Filmen steht an exponierter Stelle ein Völkerballspiel im Sportunterricht, deren Teamwahl den tiefen rassistischen Graben zwischen den Häftlingen offenbart, woraufhin der Trainer die Jugendlichen zur bunten Durchmischung und somit zum Aufbrechen der gegenseitigen Vorurteile zwingt. Bei Clarke endet das Spiel im Chaos einer Art Massenschlägerei, wohingegen Chapiron seinen Protagonisten hier einen spielerischen Moment von Unbeschwertheit und Befreiung von der Last des Gefängnislebens gönnt.

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Diese Öffnung der Motive des Stoffes auf eine etwas hoffnungsvollere Lesart hin, bei gleichzeitiger Beibehaltung einer angemessen grimmigen Tonlage, führt zu recht unterschiedlichen affektiven Reaktionen: Einerseits scheint Dog Pound im Vergleich zu der rohen Energie, die Clarkes Film bis heute ausstrahlt, zwangsläufig ein wenig abgeflacht, scheint konventioneller, weniger konsequent in der Ausgestaltung seiner Vision. Auf der anderen Seite gelingt es Chapiron aber durchaus, in diesen von Gewalt geprägten Mikrokosmos eine seltsame, fast unwahrscheinliche Zärtlichkeit einfließen zu lassen, die dem ziemlich unverändert aus Scum übertragenen Geschehen noch einmal einen ganz eigenen Resonanzraum gibt; eine merkwürdige Trauer erkämpft sich so ihren Platz, die angesichts von Alan Clarkes ganz zwangsläufigem Fatalismus ihrerseits wiederum keinen rechten Platz fand. Es ist gar keine so geringe Leistung von Regisseur Kim Chapiron, der vielleicht sogar gerade nach diesem Film als eines der ganz großen Talente des französischen Genrekinos gelten muss, dass Dog Pound gerade in der retrospektiven Betrachtung so stark nachhallt: Scheint er bei der Betrachtung in manchen Momenten ein wenig uninspiriert und gegenüber der bedeutenden Vorlage unzulässig nivelliert, so stellt sich doch nach der Betrachtung immer mehr ein Gefühl dafür ein, wie schleichend und dezent Dog Pound bei der Bearbeitung eines vorgegebenen Materials individuelle Akzente setzt.

Trailer zu „Dog Pound“


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Kommentare


kadkad

Klasse Review!
Beobachte den Film schon länger und frage mich wann man den auch in Deutschland mal schauen kann.
Kinostart geplant? DVD Release?

mfg
kadkad


Jochen Werner

Merci!

Zunächst ist DOG POUND ja noch in einigen Städten auf dem Fantasy Filmfest zu sehen, danach wird er bei Alamode Film erscheinen. Ob zuerst im Kino oder direkt auf DVD (und: wann) ist mir aber noch nicht bekannt.

Herzliche Grüße,
Jochen


MoniMonte

Erscheint am 30.03.11 direct to DVD im Verleih.






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