Die Standesbeamtin

Der Schweizer Micha Lewinsky wagt sich mit Startschwierigkeiten erstmals an das Genre der Rom-Com.

Die Standesbeamtin

Romantische Komödien und Singer-Songwriter-Musik haben eines gemeinsam: Sie sollen niemandem wehtun. Ein solches Wohlfühl-Ambiente zeichnet auch Die Standesbeamtin aus: Rahel (Marie Leuenberger) und Ben (Dominique Jann) teilten einst Bett und Proberaum und komponierten sanfte Klänge zu ebensolchen Versen, doch ihr Aufenthalt im Pop-Olymp einer schweizerischen Kleinstadt ist einige Jahre her. Als Endzwanziger wandeln sie nun auf getrennten Wegen und haben statt ihrer Jugendliebe nur die Selbstzweifel ins Erwachsenenalter gerettet. Während sich Ben als halberfolgreicher Musiker in Berlin durch die Welt schlägt, hat Rahel den Grafiker Thomas (Beat Marti) geheiratet. Jetzt darf sie auf der Playstation ihres Sohnes Staub wischen und arbeitet als Standesbeamtin. Bens überraschende Verlobung mit der exaltierten Schauspielerin Tinka (Oriana Schrage) bedeutet für die bodenständige Rahel unendliches Seelenleid: Sie soll die beiden trauen.

Die Standesbeamtin

Von Exposition bis Epilog werden die Charaktere und ihre Beziehungen in einem fast unerträglichen Maß ausgestellt. Dass Rahel schon länger von ihrem Mann betrogen wird, findet sie in exakt dem Restaurant heraus, in dem Bens und Tinkas Hochzeit gefeiert werden soll. In einer zweifelhaften Bar bekämpft Ben seine Verzweiflung wegen der anberaumten Trauung und der wiederentdeckten Liebe zu Rahel mit Whisky; vor der Tür regnet es. Unprätentiös, aber leider oft fantasielos werden die Figuren vorgeführt. Selbst das Szenenbild ist nicht frei von abgegriffenen Metaphern: Kurt Cobain muss als Bens Musikertapete herhalten. Tinka Panzer ist die einzige Figur, die man von Grund auf hassen darf. Sie trägt als Deutsche ihren Nachnamen und allerlei Klischees zu Markte und brilliert als Hauptdarstellerin in einem Hindenburg-Film. Unendlich überzeichnet, läuft die nervige Schauspielerin den anderen, säuberlich austarierten Figuren den Rang ab.

Die Standesbeamtin

In Sachen Romantik wartet Die Standesbeamtin mit reichlich Sonnenuntergängen auf, der Humor ist bis auf wenige Dialogfetzen selten bissig, staubbedeckter Slapstick an der Grenze zur Peinlichkeit ist die Strategie der Wahl. Hier rempelt Rahel in rasanter Fahrradfahrt Kellner an, dort überschüttet sie ihren fremdgängerischen Ehemann mit Tiramisu. Das wirkt oft bieder, selten witzig. Ebenso, wenn Rahels Kollegin im Standesamt eine Tanzeinlage liefern darf und Rahel augenzwinkernd erwähnt, dass Ben einen sehenswerten Hintern besitzt, vielleicht auch einen harten Ständer. Verbal recht einfach gestrickter Humor und Situationskomik sind zwar genretypisch für die romantic comedy, aber Filme wie Paul Thomas Andersons Punch-Drunk Love (2002) machen deutlich, dass sich das Genre nicht darin erschöpfen muss und in Sachen Figurenüberzeichnung konsequenter sein kann als Lewinskys Die Standesbeamtin. Wie auch oft bei Singer-Songwritern, so ist es hier von der Harmlosigkeit nur ein kleiner Schritt bis zur Bedeutungslosigkeit.

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Kommentare


Martin Z.

Die Ausgangssituation ist recht amüsant: eine Standesbeamtin, die beruflich Ehen schließt, aber selbst auf Trennung zudriftet. Doch die vorhersehbare Story kommt etwas betulich daher, der Witz erschließt sich einem nicht immer und der Charme scheint etwas vergraben zu sein. Die Handlung entwickelt sich im typischen Schweizer Tempo. Im Verlauf des Films ergeben sich dann jedoch zwei nennenswerte Szenen, die aufmerken lassen: erstmals als die Band ’Ra-Ben’ aufspielt und dann als der Ehemann seine an sich brave Standesbeamtin in flagranti erwischt. Diese Komik ist nicht schlecht. Danach ist man drin und verfolgt das sich noch etwas verzögernde Happy End mit Anteilnahme. Quasi als Vorabspann sieht man dann nochmals alle anderen möglichen Happy Ends und damit ist sicher gestellt: alles F.F.E.
Na ja, ein nettes Filmchen. Der finale Song ist noch mit das Beste daran.
Kann man, muss man aber nicht.






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