Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi

Biedere Form und queeres Begehren. Dominik Graf dreht einen Giallo Bavarese am Starnberger See.

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Plötzlich werden die Bayern von ihren eigenen Mythen heimgesucht. Der „Kini“, im restlichen Deutschland besser bekannt als Märchenkönig Ludwig II., wird ertrunken im Starnberger See gefunden – schon wieder. Um den echten handelt es sich dabei nicht, dafür aber um einen Doppelgänger, der seinem Vorbild vom Wanst bis zu den verfaulten Zähnen so originalgetreu nachempfunden ist, dass die örtliche Polizei keine Ahnung hat, wer sich wirklich hinter dieser Maskerade verbirgt. Dominik Graf und sein Drehbuchautor Sathyan Ramesh wagen sich in Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi sogar noch etwas weiter in die absurden Schluchten der bajuwarischen Heldenverehrung. Später wird auch noch die junge Dorfschönheit entführt, die alle nur Sissi nennen, so wie jene österreichische Kaiserin, die auch die Busenfreundin Ludwigs war. Und wer es wagt, den „Kini“ im falschen Licht darzustellen, muss den Zorn einer obskuren Untergrundorganisation fürchten, die den Ketzern in schwarzen Kutten und mit mittelalterlichen Foltermethoden zu Leibe rückt.

Konsequent auf Sparflämmchen

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Es ist eine Menge los in Dominik Grafs neuem Fernsehkrimi, der mit einem deutlichen Augenzwinkern hinter der landschaftlichen Idylle nach dem menschlichen Abgrund sucht. Schauplätze interessieren Graf bekanntermaßen nicht nur als dekorative Kulisse, sondern auch historisch und soziologisch. In München drehte er zuletzt zwei Filme, die sich hinter ihrem Krimi-Plot auf beeindruckende Weise mit den demografischen (Polizeiruf 110: Cassandras Warnung, 2011) und städtebaulichen (Tatort: Aus der Tiefe der Zeit, 2013) Veränderungen seiner Heimatstadt auseinandersetzten. Wenn Grafs neuer Film nun den Untertitel Ein Starnbergkrimi trägt, erinnert das erst mal an Formate, die sich eher für plumpe Folklore interessieren. Ein Heimatfilm im Genregewand ist Die reichen Leichen zwar nicht geworden, aber doch ein etwas biederer Krimi, der alles, was Grafs Arbeiten auszeichnet, zwar in sich trägt, dabei aber konsequent auf Sparflamme köchelt. Die Handlungsstränge sind diesmal nicht so abenteuerlich und weitreichend, das Sounddesign nicht so viel anders, als man das im deutschen Fernsehmainstream gewohnt ist, und die Figuren nicht so exzessiv und neurotisch wie in anderen Arbeiten des Regisseurs.

Eine anregende Unordnung

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Man kann den Film aber auch von einer anderen Seite betrachten. So wie die Münchner gerne behaupten, ihre Heimat wäre die nördlichste Stadt Italiens, macht Graf aus logischer Konsequenz die Light-Version eines Giallo Bavarese, der sich sicher mehr trauen könnte, aber mit seinen Vintage-Zooms, der mantraartigen Gitarrenmusik und der dezenten Portion Sexyness doch immer wieder die niedrigen Ansprüche übertrifft, die der volkstümliche Kriminalfilm an sich selbst stellt. Gerade weil Die reichen Leichen vergleichsweise zahm daherkommt, wirkt es wie eine Rebellion, wenn die Bilder von einem ungezügelten, für Grafs Verhältnisse untypisch queeren Begehren beherrscht werden. Gerade zwischen den Figuren, die eigentlich nichts voneinander wollen sollten, knistert es am stärksten. Da wäre etwa ein von Eisi Gulp verkörperter obsessiver Ludwig-Forscher, dessen Leidenschaft für den König auch seiner Frau schon unheimlich ist. Oder Hannes Jaenicke als Millionärchen mit hochgekrempelten Sakkoärmeln, der sich mit einem jungen Sanitäter auffällig gut versteht. Ob das nun eine Männerfreundschaft, eine Geschäftsbeziehung oder eine Vater-Sohn-Konstellation ist, da will sich der Film nicht festlegen. Wenn die beiden einander gegenüberstehen, sich mit aufgeregten Augen anschauen, weiß man nicht so genau, woher diese Faszination füreinander rührt.

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Florian Stetter, der als schwuler Hauptkommissar eine zugedröhnte Harry-Baer-Imitation gibt, schwänzelt derweil auf der anderen Seite des Gesetzes um seine neue Kollegin (Annina Hellenthal) herum. Auch hier entsteht die Spannung dadurch, dass unklar ist, was sich zwischen den beiden entwickelt, weil doch eine Liebesbeziehung von vornherein ausgeschlossen scheint. Ärgerlich ist zwar, dass Graf das zunächst Unausgesprochene zu einer Schlusspointe zuspitzen muss; die sexuelle Verwirrung aber, die von den Figuren in Die reichen Leichen Besitz ergriffen hat, bringt eine anregende Unordnung in einen Film, der sich ansonsten viel zu oft wie ein Kompromiss anfühlt.

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