Die Lebenden

Barbara Alberts neuer Film arbeitet Vergangenheit auf, wendet sich der Zukunft zu – und scheitert vor allem an der Gegenwart.

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Die junge Sita arbeitet beim Fernsehen, auch wenn wir nie erfahren werden, was das eigentlich zur Sache tut. Dafür dürfen wir in den ersten Minuten von Barbara Alberts neuem Film Die Lebenden einem jener armen Teenager beim schlechten Singen zuhören, die in Castingshows für fünf Minuten zum Ausgelachtwerden auf die Showbühne gestellt werden. Sita dreht kurze Videoporträts in Frage kommender Kandidaten, und dann eben auch das einer illegalen Immigrantin auf der Suche nach ihrer vermissten Familie – ein schöner, schmerzhafter Moment, in dem sie in der Hoffnung, so das Interesse des Senders zu erringen, ihre vernarbten Arme gen Kamera hält. Kurz darauf bekommt Sita freilich von ihrem Boss – mit dem sie zeitgleich auch eine Affäre hat, die dieser jedoch auf recht kalte Weise beendet – zu hören, sie solle doch etwas mehr an die Zielgruppe denken, die für derart schwere Stoffe eben nicht zu begeistern sei. Das klingt alles ein wenig platt – und ist es leider auch.

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Nach diesem eher überflüssigen und auch für den weiteren Verlauf der zwei Kinostunden nicht weiter wichtigen Prolog wird Die Lebenden zunächst ein wenig interessanter, wenn Sita im Anschluss an den Besuch ihres 95-jährigen Großvaters in die Abgründe der Geschichte zu stürzen droht. Auf einem alten Foto entdeckt sie ihn als jungen Mann in SS-Uniform, und nachdem sie im Gespräch mit ihrem Vater lediglich aggressive Abwehrreaktionen als Antwort auf ihr Nachbohren erhält, beschließt Sita, in diversen Archiven zur NS-Zeit ihrer eigenen, verdrängten Familiengeschichte nachzuspüren. Dieser Weg führt sie von Berlin aus zunächst nach Warschau – und von dort weiter nach Auschwitz, um schließlich im Geburtsland ihrer Großeltern, im rumänischen Siebenbürgen, (vorläufig) zu enden.

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Barbara Albert, die vor einer Dekade den schönen Film Böse Zellen (2003) inszenierte – neben den gnadenlosen Dokumentar- und Spielfilmen Ulrich Seidls eines der interessanteren Werke des neueren österreichischen Miserabilismus –, bekommt die schwierige Balance zwischen den beiden Zeitstrahlen ihrer Filmerzählung, dem in die (Familien-)Geschichte hinein und dem in die diffuse Zukunft einer sich nach Orientierung sehnenden Twen-Existenz, leider nie so ganz in den Griff, und in der Konsequenz bleibt Die Lebenden, einem interessanten und auch mutigen Ansatz zum Trotz, ein furchtbar konstruierter, gewollter Film. Besonders die Figur der Sita bleibt viel zu schmerzlich unterentwickelt, um die Lasten, die der Plot ihr aufbürdet, tragen zu können: Der Wandel von der unreflektierten Privatfernseh-Erfüllungsgehilfin zur Schmerzensfrau und schließlich zur Hoffnungsträgerin für eine bessere Zukunft durch Akzeptanz der Furchtbarkeiten in der eigenen (europäischen) Geschichte bleibt stets behauptet, und nie kann sie so ganz den Status einer Stellvertreterin für dieses und jenes in Sachen historisches Bewusstsein abstreifen.

Damit dies nicht so auffällt, stellt ihr die Filmerzählung eine ganze Riege noch flacherer Nebenfiguren an die Seite: zuvorderst den israelischen Künstler Jocquin, der sie am Ende dann auch, der Zukunft zugewandt, zum Brunnenbauen in seine Heimat mitnimmt. Und dann gibt es da noch eine linksautonome polnische Hausbesetzer-WG, die irgendwie in irgendwelche engagierten Projekte verstrickt ist – für die sich der Film freilich auch nicht weiter interessiert; lediglich dass es ums Lesen von Klaus Mann und das Praktizieren freier Liebe gehen könnte, ist ihm zu entnehmen.

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„Alle wollen immer die Wahrheit hören. Als ob das schon die Lösung wäre!“ Die wohl intelligentesten Dialogsätze dieses ansonsten leider weitgehend gescheiterten Films spricht Winfried Glatzeder in einer vergleichsweise interessanten, aber auch zu kurz gekommenen Rolle als Schriftsteller und ob seiner frühen Aufarbeitungsversuche aus dem Familienverbund Ausgestoßener, und man wäre gern mit Regisseurin Barbara Albert weiter auf dieses beunruhigende Terrain vorgedrungen. Leider aber sichert sich Die Lebenden dann, vor allem dort, wo er seinem Titel gemäß Modelle des Weiterlebens anreißt, doch stets zu sehr ab, umgibt sich mit einem undurchdringlichen Panzer formelhafter Klischees, die einen überaus komplexen Diskurs ins Brühwürfelformat eines Lehrstücks in postnationalistischer NGO-Romantik pressen. Wie soll man auch aus den Schrecken der Vergangenheit eine Vision eines zukünftigen Lebens entwickeln, wenn die Analyse der Gegenwart so unterkomplex bleibt?

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