Der Junge und die Welt

Alê Abreu gibt Hilfestellungen in Empathie – weil er nicht von Sehnsucht erzählt, sondern sie hervortreibt.

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Menschen verdanken ihre Intelligenz den Füßen, schreibt George Santayana. Um zu denken, muss man sich bewegen. Die Bewegung im Kopf und Bewegung durch den Raum sind innig miteinander verstrickt. Zum Beispiel die Metapher. Ein Begriff wird anderswo hin verfrachtet, in einen anderen Bedeutungskosmos. Zu denken heißt auch zu transportieren.

Alê Abreus Cartoon Der Junge und die Welt (O menino e o mundo) ist ein Reisebericht aus konkreten Metaphern: Streifen verwandeln sich in Regen, ein Bildkreisen wird zum Windrad. Eine Linie wird zum Horizont, wird zum Fluss, wird zum Meer. Ein Wiegenlied der Mutter wird zu gelben Schwebebällen. In einer Dose lassen sie sich fangen, und die Dose lässt sich vergraben. Um Jahrzehnte, ganze Leben, später wieder ausgegraben und gelauscht zu werden, von einem erwachsenen Jungen, einem anderen Menschen. Es ist ein Film über die Suche einer kleinen Strichfigur nach ihrem Vater, über die Reise der Armen auf der Suche nach Reichtum, eine Geschichte über eine ausbleibende Heimkehr.

Am Anfang war die Leinwand weiß

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Die erste Bewegung ist also Werden. Abreu macht die Leinwand zum weißen Zeichenblock – reines Potenzial, das sich in alles verwandeln kann, in Monstren, Häuser oder schlichtes Ornament. So beginnt der Film mit einem Bekenntnis zur Skizze, wie bei Isao Takahata, als sanftes Auflehnen gegen den Mainstream-Trickfilm, der die Bildfläche detailreich überfüllen will und der dem Mangel misstraut. Disney ist arte maxima, Abreu macht arte povera.

Aus einem Fleck Buntheit, von Weiß umgeben, wird eine ganze Dschungelwelt herausgeboren und gleich in eine Bubenseele hineingestellt. Denn die Abenteuer, die der Junge dort erlebt – wie Mario von Block zu Block hüpfend, über Elefanten weg, von Vögeln umflattert –, das sind pompös erträumte Innerlichkeiten, triumphaler und wilder als sein wahres Leben. Bis die Mutter ihn heimruft zur Hütte auf dem nackten unfruchtbaren Land. Dem Vater Abschied sagen, der als Tagelöhner in die Stadt ziehen muss. Das Weiß zwischen den bunten Halmen glänzt da nicht mehr von Versprechen, sondern meint plötzlich Kargheit. So wendet der Film die Elemente, aus denen er besteht, mal hier- mal dorthin, entleert seine Bildfläche und füllt sie wieder. Der Sohn zieht dem Vater bald hinterher.

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Erzählt ist Der Junge und die Welt wie eine Suite, oder eine Rhapsodie. Situationen, Stimmungen und Geschwindigkeiten wechseln sich als Phasen ab. Klang und Bild kollaborieren ständig – Töne bringen Farbtupfer hervor, der Tropicalia-Soundtrack von Ruben Feffer und Gustavo Kurlat lässt öfters Karneval tanzen, ein Menschenschinder im Cowboy-Outfit schnauft und wiehert wie ein Mustang. All das sind Transporte, Metaphern, Bewegung. Visuell stehen die frühen Modernismen Pate – die ländlichen Gegenden mit ihren monochromen Blöcken lassen Paul Klee erkennen, die klangbunten Synästhesien sind Kandinsky, die von Technik und gesellschaftlicher Dystopie vernarbten Stadtbilder dagegen Dada-Collagen.

Eine persönliche Erfahrung

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Anfangs herrscht noch reines Staunen über den wahnsinnigen Einfallsreichtum Abreus vor. Doch Der Junge und die Welt schafft mehr, packt an einem tieferen, intimen Punkt. Bei mir war es die materielle Seite, die mich irgendwann wehmütig zu machen begann. Abreu malt oft mit Wachsmal- und Buntstiften, was schlummernde Erinnerungen wachrief an Grundschul-Kunstunterreicht, an Blechschachteln mit welligen Plastikfächern, an den dumpfen Geruch von Wachs und diesen taub machenden, klebrigen Film auf den graubunten Fingern.

Als in einer Nachtszene auch noch jene lange vergessene Kratztechnik angewendet wird, bei der man erst ganz viel Farben aufträgt, später alles mit Schwarz übermalt, und dann mit einem Spatel die buntschlierigen Linien aus dem selbstverschuldeten Dunkel wieder herauskrakelt, dämmert mir eine Ahnung auf: Was ich als persönliche Erinnerung erlebe, ist ein Mechanismus des Films. Er will das Gedächtnis triggern, in jedem Zuschauer einzeln. Das ist weniger ein Film für Kinder, als ein Film zur Freihebung der im Erwachsenenleben verschütt gegangenen Kindsanteile. Klingt kitschig, ist hier aber politisch-aktivistisch eingesetzt. Ja, richtig gelesen: Der Junge und die Welt ist ein dezidiert linker, antikapitalistischer, in einer Szene sogar agitatorischer Film. Und das ist ziemlich abgefahren.

Produktiv vereitelter Eskapismus

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Auf der Suche nach seinem Vater folgt der Junge keinen hyperaktiven Disney-Virgils in Bonbon-Wunderwelten, sondern ermüdeten, schlurfenden Arbeitern auf Baumwollplantagen, in Fabrikhallen und in ihre Bruchbuden in den Favelas. Der Junge und die Welt funktioniert augenscheinlich eskapistisch, aber immer wieder wird der Ausweg ins Imaginäre wirksam vereitelt, um aufzurütteln. Ganz konkret zeichnet Abreus Film so ein kritisches Bild der Textilindustrie: Ausbeutung der Plantagenarbeiter bei der Baumwollernte, das Ersetzen der Webstühle durch raffinierte Maschinen, die Hervorbringung des städtischen Proletariats, Protest, militärischer Niederschlag. Von kolonialen Verhältnissen bis in den posthumanen Kapitalismus. Eine Geschichte Brasiliens. Die Leinwand wird dabei immer wieder zur Infografik, zum Struktur- statt zum Bewegungsbild. Der Junge und die Welt ist dem Cinema Novo und dem Drittem Kino mindestens ebenso verpflichtet wie Looney Tunes und Ghibli. Eher sogar mehr. Solch ein Film muss Eisenstein vorgeschwebt haben, als er über Disney schrieb.

Der Junge und die Welt erzählt somit, als Reisegeschichte, von dem großen Schmerz, der jede Suche nach dem besseren Leben begleitet. Davon, dass man in der großen Welt oftmals nur immer wieder heimzukehren versucht, dass alle Arbeit in der Fremde nur die Rückwege nach Hause pflastern soll. Wenn nur Zeit, Wirtschaft und Gesetze nicht dazwischen kämen.

Zur rechten Zeit

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Dem Heraufschwören des Kindlichen wohnt hier nichts Regressives inne. Stattdessen zeichnet Abreu ein realistisches Psychogramm der Migrationserfahrung. Was uns zuletzt wieder zu Santayana bringt: Die radikalste, weil risikoreichste Form des Denkens ist für ihn die Migration – weil sie das mögliche Versprechen dem konkreten Leid vorzieht, weil sie die Seele einer enormen Herausforderung aussetzt und niemals ohne Sehnsucht, ohne Reue verläuft. Womöglich ziehen gerade Millionen traurige Philosophen um die Welt, scharfe und furchtlose Denker. Wie viele träumen von zu Hause? Und wie oft erleben sie ihre Reise als eine endlos verzögerte Heimkehr?

Und so erscheint dieser Film, der allgemeingültig von sehr konkreten Belangen erzählt, zur rechten Zeit. Denn Deutschland braucht gerade Erziehung in Empathie, quer durch alle Schichten. Wir brauchen Texte, die uns sensibel machen dafür, was die Menschen auf dem Weg nach Europa zurück gelassen haben. Wie schwer die Sehnsucht wiegt, darum geht es bei der Reise des Jungen in der Welt. Denn jedes Wohin braucht ein Woher, könnte man sagen.

Trailer zu „Der Junge und die Welt“


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