Corridor

Immer diese Nachbarn: Dass Micke von nebenan seine Freundin grün und blau schlägt, stört den Medizinstudenten Frank ziemlich bei seiner Prüfungsvorbereitung.

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Wer heute „Krimi“ sagt, denkt „Schweden“ fast schon automatisch mit. Der „Schwedenkrimi“ ist zu einem eigenständigen Begriff, ja beinahe zu einem eigenen Genre geworden, bei dem das Wort „Schweden“ als eine Art Qualitätssiegel dient. Dass der im Zwielicht ausgeblutete Vampirfilm wiederbelebt werden konnte, haben wir ebenfalls – zumindest teilweise – einem Schweden zu verdanken: Tomas Alfredson, dem Regisseur von So finster die Nacht (Låt den rätte komma in, 2008).

Mit dieser Welle aus Spannung und Schrecken wird auch Corridor (Isolerad, 2010) in die deutschen Kinos gespült. Im Zentrum dieses Thrillers steht Frank (Emil Johnsen), ein nicht unbedingt mit Sozialkompetenzen gesegneter Medizinstudent. Als er in eine neue, wenn auch braun-triste Wohnung mit 70er-Jahre-Tapete zieht, gerät seine heile Welt der Zurückgezogenheit ins Wanken. Denn seine etwas aufdringliche Nachbarin Lotte (Ylva Gallon) beansprucht ihn nicht nur, wenn sie Waschpulver oder Hilfe beim Tragen braucht. Zusätzlich wird Frank – zumindest akustisch – zur Teilhabe an Lottes Sexualleben genötigt, da sie und ihr Rocker-Freund Micke (Peter Stormare) auch ein Stockwerk tiefer noch gut zu hören sind.

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Als Frank große blaue Flecken auf Lottes Körper sieht und spürt, dass sie Angst vor dem gewalttätigen Micke hat, versucht er ihr zu helfen. Keine gute Idee, denn kurze Zeit später wird Frank im Treppenhaus zusammengeschlagen, und dann steht plötzlich auch noch Aggro-Micke tobend vor der Tür und versucht sich Einlass zu verschaffen. Und wie das eben so ist im Film: Die Polizei glaubt mal wieder nichts – und so muss Frank die Sache selbst in die Hand nehmen.

Die Regisseure Johan Lundborg und Johan Storm bemühen sich, mit kleinen Details Authentizität zu erschaffen. Nur wirkt es eben auch bemüht, wenn der angehende Arzt Frank ein Stethoskop an die Zimmerdecke hält, um zu erfahren, was in Lottes Wohnung geschieht. Oder wenn er mit Hilfe eines Zahnarzt-Mundspiegels den Hausflur beobachtet, ohne dafür seine Wohnung verlassen zu müssen.

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Eine stilistisch durchaus schöne Idee sind die extrem kurzen, sehr sinnlichen Einstellungen vom morgendlichen Kaffeekochen und Spiegeleibraten. Hier werden routinemäßige Abläufe aus Franks Alltag ästhetisch durchdacht fragmentiert und effektiv gerafft. Nur vergessen Lundborg und Storm leider, diese Montage-Sequenzen kontinuierlich einzusetzen.

Da der Hauptdarsteller Emil Johnsen nicht eben ausdrucksstark ist oder über ein vielfältiges Spiel verfügt, sehen wir immer wieder dieselbe Reaktion von ihm – ein erschrockenes Japsen nach Luft. Das bildet Franks Emotionen nur sehr unvollständig ab, doch das eigentliche Problem ist nicht Johnsens Leistung, sondern sein Alter. 31 Jahre war er während der Dreharbeiten. Und auch Franks Kommilitonen sehen aus, als müssten sie längst Facharzt sein statt fürs Physikum zu pauken. Diese Irritation über das Fehlcasting könnte man als Lappalie abtun, wenn sie nicht auf eine grundlegende Schwäche von Corridor hindeutete: fehlende Glaubwürdigkeit.

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Sicher muss logische Konsistenz nicht das Hauptziel eines Genrefilms sein. Doch wirft einen die mangelnde Nachvollziehbarkeit des Plots immer wieder aus der Kurve, dann steigt man als Zuschauer irgendwann gar nicht mehr ein. Wenn Frank eine ältere Dame per Kopfstoß ausknockt, ist das unfreiwillig komisch. Und wenn die Polizei daraufhin Micke festnimmt, obwohl die Frau ja weiß, wer sie angegriffen hat, wird offensichtlich, dass sich das Drehbuch nur unter logischen Verrenkungen umsetzen lässt. Damit die Geschichte wie geplant erzählt werden kann, muss der brave Frank nämlich Zeit haben, um mit einem Hammer bewaffnet in Lottes Wohnung einzubrechen und dort weitere Dinge zu tun und zu erleben, die selbst in einer psychologischen Extremsituation arg unrealistisch wirken.

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Dass Corridor einen deutschen Verleih gefunden hat, hängt sicherlich mehr mit dem Erfolg jüngerer schwedischer Produktionen zusammen als mit der Qualität des Films. Hier wird der Windschatten von Vorreitern wie Mankell, Larsson & Co. ausgenutzt, um das eigene Werk auf Trab zu bringen. Schön, dass der nervenaufreibende, aber ziemlich holprige Ritt schon nach 75 Minuten vorbei ist.

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