Broken Flowers

Traditionell feiern Komödien die erneuernde Kraft des Eros. Dieses klassische Prinzip auf den Kopf stellend, gewinnt Broken Flowers seinen unnachahmlich trockenen Humor aus dem versiegten Sexleben eines einstigen Gigolos und lässt uns über die Endlichkeit der Liebe lachen.

Broken Flowers

Jim Jarmuschs Filme sind reich an gleichgültigen Helden. Solch ziellosen Driftern wie Allie in Permanent Vacation (1980) oder Willie in Stranger than Paradise (1984) erscheint das Reisen als einzige Möglichkeit, ihr Leben nicht im totalen Stillstand erstarren zu lassen, ohne dass sie in der Fremde allerdings Orientierung oder Sinnstiftendes finden würden. Diese Aufbruchsbewegung bestimmt in der metaphorischen Form der Flucht die Handlung von Down by Law (1986) ebenso wie den Weg des tödlich verwundeten William Blake in Dead Man (1996), dessen Reise ihn nirgendwohin führen kann, da sein Ende besiegelt ist.

Etwas von einem lebenden Toten hat auch der von Bill Murray verkörperte Protagonist Don Johnston in Jarmuschs neustem Werk Broken Flowers, der sich zu Beginn des Films vornehmlich in horizontaler Position auf seinem Sofa liegend befindet. Weder die Trennung von seiner Freundin Sherry, noch ein mysteriöser rosafarbener Brief nach dem Don angeblich Vater eines bereits 19jährigen Sohnes sei, erregen Interesse bei dem stets teilnahmslosen, schier phlegmatischen Don. Doch dessen temperamentvoller Freund Winston lässt die Sache nicht auf sich beruhen und nötigt den einstigen „Don Juan“ zu einer Reise, die ihn zu sämtlichen in Frage kommenden ehemaligen Geliebten führen soll, um dort nach Zeichen zu suchen, die auf die Existenz des Sohnes hindeuten könnten.

Broken Flowers

Das überaus Befriedigende an Jarmuschs Film ist, dass er konsequent die Klischees des Road-Movie Genres unterläuft und die Reise seines Protagonisten nicht als eine Entwicklungsbewegung vom einsamen, depressiven Loner zum offenen, fürsorglichen Menschen zeigt, sondern die (ohnehin sehr halbherzigen) Bemühungen seines Protagonisten bewusst ins Leere laufen lässt. Dabei schlägt er geschickt komisches Potential aus der stets stoischen Miene Bill Murrays, ein Keatonsches stone face, das allen filmischen Konventionen zum Trotz keinerlei emotionale Reaktion auf die Episoden seines Bildungsromans gewahr werden lässt und somit den für Jarmuschs Filme charakteristischen deadpan-Humor in genialer Weise zelebriert.

Darüber hinaus bezieht der Film einen großen Teil seiner Komik, sowie eine beeindruckende erzählerische Dichte aus dem vielseitigen Mix an Bezügen aus klassischer Literatur und popkulturellen Inhalten. Ein Running-Gag entspinnt sich dabei natürlich aus dem Namen der Hauptfigur, wobei nur noch Don Johnstons coole Sonnenbrille wie ein letztes Relikt an den Miami Vice – Playboy Don Johnson erinnert. Dessen poppige Armani-Anzüge sind bei dem Johnston mit „t“ – er trägt sein Kreuz in Form des kleinen, differenzierenden Buchstabens schon im Namen – einem trist-biederen Outfit gewichen, statt blonder Fönfrisur reicht es bei ihm nur noch zu ergrautem Haar bei hoher Stirn.

Broken Flowers

Als Leitmotiv für die Figur des Protagonisten fungiert jedoch das Motiv des „Don Juan“, ein Titel, welcher komisch inkongruent wirkt angesichts der stoischen Ausdruckslosigkeit des Protagonisten, der nichts mit der vitalen, leidenschaftlichen Figur des ursprünglichen Don Juan aus Tirso de Molinas Drama gemein zu haben scheint. Eine Lesart des Motivs wertet die Kette der Don Juanschen Liebesabenteuer als Versuch, auf genetischem Wege Unsterblichkeit zu erlangen, ein Unterfangen, das letztlich zur Konfrontation mit dem Tod – in Form des steinernen Gastes – führt.

In diesem Licht betrachtet erscheint auch Don Johnstons Rundreise als Konfrontation mit dem Altern und der eigenen Sterblichkeit, wobei diese in unterschiedlichen Situationen stets hochkomisch gestaltet ist. So begegnet er flüchtig einem von jungen Mädchen umschwärmten jugendlichen Abbild seiner selbst, das er sogleich als möglichen Sohn ins Auge fasst – eine Phantasie, die umgehend frustriert wird. Auf seiner ersten Station bei der von Sharon Stone gespielten Laura wird er in die Rolle des alternden Lüstlings Humbert Humbert gedrängt, als ihm in Lauras Tochter eine wahrhaftige Lolita gegenübersteht, die ihn auf unschuldige Weise zu verführen sucht.

Broken Flowers

Auch in den Begegnungen mit den Frauen scheint dieses Motiv des Alterns und Sterbens immer wieder auf. „You used to be so passionate.“ hält er der nun kühlen Geschäftsfrau und Tierkommunikatorin Carmen (!) vor. Selbst der Einsatz der gealterten – allerdings grandios agierenden – Hollywood Diven Sharon Stone und Jessica Lange fügt sich in diese Thematik ein. Don Johnstons Trip endet schließlich konsequenterweise auf einem Friedhof, der direkt an der „Circle Road“ liegt. Nach diesem letzten Besuch bei einer bereits verstorbenen Geliebten – die einzige, für die Don einige sentimentale Gefühle reserviert hat – findet sich der Protagonist denn auch in der Ausgangsposition auf dem heimischen Sofa wieder.

Trotzdem, ganz so aussichtslos – obschon eine aus konventioneller Dramaturgie gespeiste Erwartungshaltung brüsk frustrierend – endet der Film denn doch nicht. Die letzte Einstellung auf Don Johnston deutet immerhin an, dass er die Hoffnung, einen Sohn zu finden und damit die Aussicht, dass sich irgendwie, irgendwo ein besseres Leben bieten könnte, nicht wirklich aufgegeben hat. Im Hier und Jetzt hat schließlich noch kein Jarmusch’scher Held sein Heil gesehen.

Kommentare


Michael

Wichtig! Ich/Wir haben den Film nicht verstanden! Vermutlich lag das daran, dass der letzte Satz und/oder die letzten Sätze alles entscheidend waren. Aber anscheinend waren wir zu dem Zeitpunkt nicht aufnahmefähig gewesen. BITTE: Was war die Pointe????

Ansonsten für meinen Geschmack ein interessanter Charakterfilm aber mit fast unendlichen Längen.


Marcel

Hi, ich fand den Film etwas zäh und den schluss ziemlich unbefriedigend. Ich hab mir danach gedacht "Mann hätt ich lieber Modellierungstechnik gelernt". Wann kommt endlich wiedermal ein guter Film von Bill Murray? Das Murmeltier lässt grüßen.


Najane

Super Film! Ein Glück gibt es noch solche Filmemacher (und Schauspieler... ;-))






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