Black Snake Moan – Kritik

Eine leicht bekleidete weiße Frau an einer Kette zu Füßen eines schwarzen Mannes - mit diesem Kinoplakat wird für Black Snake Moan geworben, den neuen Film von Craig Brewer. Der Zuschauer bekommt aber keine Pulp-Fiction-Story geboten, sondern etwas völlig anderes.

Black Snake Moan

Das ist mal ein Plot! Ein verbitterter Farmer (Samuel L. Jackson) versucht, ein mannstolles Mädchen (Christina Ricci) zu einem gottesfürchtigen Lebenswandel zu bekehren, indem er sie an seine Heizung kettet. Das ist keine Abwandlung von Filmen wie Boxing Helena (1994) oder Misery (1990), also kein Thriller mit mehr oder weniger grausamen Reflexionen über das Ausgeliefertsein, sondern eine Geschichte über Selbstfindung, über den Kampf gegen innere Dämonen.

Der Name von Jacksons Figur, Lazarus, weist schon darauf hin, um was es hier geht: Eine Art Auferstehung von den Toten, ein Schritt in ein neues Leben - das gilt sowohl für ihn als auch für sein, nun ja, Opfer, Rae (Ricci). Die Namensgebung ist kein Zufall, sondern lässt den zutiefst religiösen Subtext des Films mitschwingen, der in seiner Unbeirrtheit mehr als erstaunlich ist und viel dazu beiträgt, dass Craig Brewer, der mit Hustle & Flow (2005) einen großen Erfolg feierte, mit seinem neuen Film permanent den falschen Ton trifft.

Black Snake Moan

Black Snake Moan beginnt mit einer Archivaufnahme, in welcher der Bluessänger Son House überzeugend davon erzählt, welche Leiden die Liebe verursachen kann. Das ist recht viel versprechend, und danach folgt eine effektive Exposition, die beide Hauptfiguren in Parallelmontagen einführt, mitten in einem großartig mit der Kamera eingefangenen amerikanischen Süden, träge und traurig untermalt mit schwermütigem Blues. Dieser Lazarus also ist ein einsamer, verbitterter Farmer, dessen Frau ihn gerade verlassen hat und der früher die örtliche Kneipe zu füllen pflegte, wenn er zur Gitarre griff. Die White-Trash-Schlampe Rae sagt Lebewohl zu ihrem Freund Ronnie (der schon in Alpha Dog, 2006, überzeugende Popstar Justin Timberlake), der sich freiwillig zum Militärdienst im Irak gemeldet hat. Sie vereinbaren, jeden Tag zur gleichen Uhrzeit aneinander zu denken, und man ist als filmhistorisch einigermaßen interessierter Zuschauer überzeugt: Ein Film, der im Jahr 2007 so deutlich auf einen großen Klassiker wie Im siebten Himmel (Seventh Heaven, 1927) von Frank Borzage verweist, kann nicht schlecht sein.

Die stets leichtbekleidete Rae, in der Stadt längst als Flittchen verrufen, nimmt ihr altes Leben mit anonymem Sex, Drogen und Alkohol wieder auf, und da so etwas bestraft werden muss, landet sie eines Nachts halbnackt und bewusstlos geprügelt am Straßenrand vor Lazarus’ Haus. Der will – wohl als einziger Mann in ihrem Leben – trotz eindeutiger Angebote nicht mit ihr schlafen, sondern setzt es sich in den Kopf, sie von ihrem selbstzerstörerischen Lebenswandel zu kurieren. Dazu legt er ihr eine kleidsame Eisenkette um den fast nackten Körper und befestigt diese an der Heizung. Dann liest er ihr aus der Bibel vor.

Black Snake Moan

Das Schockierende an Black Snake Moan ist nun nicht so sehr diese Bondage-Fantasie, auch nicht das freizügige Auftreten Christina Riccis. Das Schockierende ist vielmehr, dass der Film aus seinen Exploitation-Elementen eine krude spirituelle Botschaft bastelt. Die penetrante Religiosität wird zum Beispiel deutlich in einer kurzen Szene, in der Lazarus Gitarre spielt. Nach jedem Schnitt ist erneut überdeutlich das große Kruzifix an der Wand zu sehen, nur ein paar Zentimeter weitergerückt. Oder in der Person des alles verstehenden Pfarrers (John Cothran Jr.), der am Ende mit Rae und dem frühzeitig zurückgekehrten Ronnie ein Problemgespräch führt, bei dem sich unweigerlich der Gedanke an Nachmittagsshows im Privatfernsehen einstellt.

All das hat auch seine komischen Momente, die von den überragend agierenden Ricci und Jackson genüsslich ausgespielt werden. Wenn Rae an ihrer Kette zerrt und mit wackelndem Hintern vor ihrem selbsternannten Retter stolziert, dann scheint durchaus etwas von einer sophisticated comedy hindurch. Unglücklicherweise stellt sich aber bald der Verdacht ein, dass der Regisseur seine selbst verfasste Geschichte wesentlich ernster nimmt. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Besessenheit Lazarus’ mit der Religion reflektiert würde, im Gegenteil, die Religion ist sogar tatsächlich die Lösung - eingefangen in einer Hochzeitsszene am Schluss, mit viel Glaube, Hoffnung und Liebe.

Black Snake Moan

Die zuvor so ausführlich gezeigte aggressive Sexualität Raes wird dagegen als Krankheit interpretiert. Die Nymphomanie, küchenpsychologisch erklärt durch einen Missbrauch in der Kindheit, ist reine Selbstzerstörung, und die Inszenierung ihrer Ausbrüche greift zurück auf die Ikonographie von Drogen-Filmen. Wenn Rae gefangen allein im Haus bleibt und kein Mann greifbar ist, wälzt sie sich vor Schmerzen auf dem Boden wie bei einem kalten Heroinentzug. Raes Flatterhaftigkeit ist innerhalb der Koordinaten des Films unausgesprochen nichts anderes als die extreme Ausprägung der Untreue von Lazarus’ Frau - einer weiblichen Sexualität, die wohl in dieser Sichtweise ganz grundsätzlich des Teufels ist und beherrscht werden muss, und sei es mit einer Kette um die Hüfte. Beherrscht man sie nicht, auch das ist im Subtext angelegt, geht es einem wie Lazarus: Dessen Frau ist nicht nur mit seinem Bruder durchgebrannt, sie hat außerdem noch heimlich sein Kind abgetrieben, hat also ohne männliche Einwilligung über ihren Körper verfügt. Es gehört übrigens zu den besonders bigotten Eigenschaften des Films, dass der von der Weiblichkeit so geplagte Lazarus trotz seiner frömmelnden Predigten ungefähr bis zur Hälfte der Spielzeit braucht, bis er der armen Rae endlich etwas zum Anziehen besorgt.

Black Snake Moan

Man mag das kaum glauben und sucht verzweifelt nach Zeichen einer Brechung dieser Perspektive. Aber da ist nichts. Wäre da nicht die fast nackte Christina Ricci, Black Snake Moan könnte als Lehrfilm für christlich Erweckte verwendet werden. Irgendwie ist es also immer das weibliche Geschlecht, das schuld ist an den Schlachtfeldern der Liebe, über die Son House zu Beginn so überzeugend gesprochen hatte. Die Klage über die Verruchtheit der Frauen mag für einen bitteren Song ein ausreichender Topos sein. Für einen Film aber braucht es ein paar Zwischentöne mehr.

 

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Kommentare


W. Reuter

Lieber Thorsten Funke: Für eine ausgewogene Filmkritik aber braucht es ein paar Blickwinkel mehr.

Religionsphobie funktioniert ähnlich wie Ronnies Panikattacken: Der Blick wird tunnelartig eingeengt und die (Film-)Realität wird nicht mehr als solche wahrgenommen.

Ein paar Denkanstöße:

Die Kette: eine wuchtige Metapher für Einschränkung aber auch Sicherheit und Schutz.
Die Kleidung: Metapher für die Sublimierung der Triebe.
Der Heizkörper: treibt wegen seiner Hitze die Frau aus dem Haus und wird dann zum Dreh- und Angelpunkt.
Die gestohlene Vaterschaft: Lazarus erhält das abgetriebene/nicht abgetriebene Kind zurück.
Rettung/Erlösung: Ein archaisches Sujet vor, bei und nach jeder Religion.
Die Figuren werden nicht durch die höhere Macht Gottes gerettet, sie erlösen sich selbst indem sie sich gegenseitig retten.
Craig Brewer liefert hier quasi nebenbei ein Monument vom Rang einer griechischen Tragödie ab, hier mit glücklichem Ausgang.

Und es funktioniert als Film ganz gut, auch später noch, im Kopf.

Dagegen ist ein Film wie etwa "Pretty Woman" ein dünnes Brettchen.


Arturo Di Cani

Auch ich mag es nicht, in einem Film religiös zum Guten bekehrt zu werden und ich verstehe durchaus, wenn Torsten Funke das permanente Vorhandensein der Religion bemängelt. Man muss sich aber immer auch fragen, inwieweit dieser Film den Zuschauer "bekehren" will und inwieweit er ganz einfach die Realität dieser Gesellschaft im ländlichen Süden der USA widerspiegelt. Oder könnten Sie sich diesen Film, die Wohnung ganz ohne religiöse Insignien vorstellen? Sicher nicht! Eine solche Inszenierung wäre ganz einfach realitätsfremd. Was die Nymphomanie angeht muss ich Ihnen Recht geben. Diese ist tatsächlich sehr einfach erklärt. Im Übrigen erscheint es mir schleierhaft, wieso eine Frau, die als Kind massiv sexuell missbraucht wurde, womit doch ausschliesslich schlechte Erinnerungen verknüpft sind, plötzlich zur Nymphomanin wird. Trotzdem finde ich den Film gut gelungen, insbesondere auch deshalb, weil es zu keiner Versöhnung mit der Mutter kommt, was dann wirklich dem amerikanischen, clichéhaften Happyend entsprochen hätte. Zudem scheint die Zukunft doch noch ein wenig ungewiss, besonders wegen den paranoiden Schüben ihres Mannes, die nicht unbedingt auf eine gesicherte Zukunft des jungen Ehepaars schliessen lassen.






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