Um jeden Preis

Von den Rändern der Gesellschaft in ihre Mitte. Ramin Bahrani lässt das Independentkino hinter sich.

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Bisher interessierte sich Ramin Bahrani in seinen Filmen für Menschen am Rande der Gesellschaft. Dort, wo das Mainstreamkino meist gar nicht hinschaut und das Independentkino oft nur mit sentimental mitleidigem Blick, widmete er sich in Man Push Cart (2005) oder Chop Shop (2007) fast beiläufig der prekären Alltagsrealität von Migranten. Stets voller Empathie, jedoch ohne den melodramatischen Versuchungen zu erliegen, die bei diesem Sujet hinter jeder Ecke lauern. Dieses Porträt eines anderen Amerikas, das keine plumpen Stereotypen und naive Glücksversprechen braucht, zeichnet sein Kino aus.

Nun überrascht Bahranis neuer Film Um jeden Preis (At Any Price) schon deshalb, weil er einen Perspektivwechsel vollzieht. Der Blick in den toten Winkel der Gesellschaft hat sich in seine Mitte verlagert, auf eine gut situierte Farmersfamilie in Iowa. Der Patriarch Henry Whipple hat sein landwirtschaftliches Unternehmen mit aggressiven Methoden in die Gegenwart gerettet. Mit seiner Maxime „Expand or Die“ ruiniert er dabei nicht nur Kleinbauern, auch seine vermeintlich naturbelassenen Maissamen sind in Wahrheit genetisch manipuliert. Dennis Quaid spielt diesen hartnäckigen Geschäftsmann mit einem grotesken Dauergrinsen. Die heile Welt, die er damit vorgaukelt, hat mit der Realität nichts zu tun. Seine Frau (Kim Dickens) betrügt er mit einer anderen, und die Söhne wenden sich von ihrem Vater und seiner skrupellosen Arbeitsmoral ab. Während der Ältere auf eine endlose Weltreise gegangen ist, versucht sich der Jüngere (Zac Efron) als Rennfahrer.

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Wie sich Bahrani hier plötzlich auf ein ganz anderes soziales Umfeld konzentriert, scheint nur auf den ersten Blick einen Bruch zu seiner filmischen Vergangenheit darzustellen. Letztlich geht es ihm auch in der weißen Provinz darum, den amerikanischen Traum zu entmystifizieren. In einer Szene des Films gelingt ihm das besonders eindrücklich. Vor einem Rennen von Henrys Sohn ist ein für amerikanische Sportveranstaltungen unverzichtbares Ritual zu sehen: das Singen der Nationalhymne. Der Film nimmt sich für diesen, inhaltlich im Prinzip unbedeutenden Moment ungewöhnlich viel Zeit und zeigt in einer Aneinanderreihung von Großaufnahmen wie das gesamte Publikum inbrünstig mitsingt. Hier, im Mittleren Westen der USA, können sich Senioren und Jugendliche, die man auf den ersten Blick eher einer alternativen Szene zugeordnet hätte, noch auf grundlegende amerikanische Werte einigen.

So wie Bahrani dieser Szene jegliches Pathos austreibt, dekonstruiert er auch die amerikanische Vorzeigefamilie. Nicht nur, dass die nach außen getragene Familienidylle nur bröckelnde Fassade ist, der Film suggeriert außerdem, dass man es in den USA nur mit moralisch fragwürdigen Methoden zu finanziellem Wohlstand bringen kann. Wenn die Whipples letztlich doch wieder zueinander finden, dann nur mit einem sehr bitteren Beigeschmack. Denn das Familienglück scheint erst möglich zu sein, nachdem sie über Leichen gegangen sind, buchstäblich.

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Obwohl Bahrani mit dieser Skepsis gegenüber seinen Figuren durchaus eine plausible Anknüpfung an seine früheren Filme gelingt, ist Um jeden Preis doch in erster Linie das Zeugnis eines Scheiterns. Denn während er in seinem letzten Film Goodbye Solo (2008) das Tränendrüsen-Potenzial der Beziehung zwischen einem grummeligen alten Mann und einem lebensfrohen afrikanischen Einwanderer bewusst ungenutzt ließ und sich weigerte, inhaltlich alles auszuformulieren, muss man diesmal von einem deutlichen Zugeständnis an den Mainstream sprechen. Bis in Nebenerzählstränge wie Henrys etwas konstruiert wirkende Freundschaft zur Freundin seines Sohnes ordnet sich die Handlung des Films stets einer in sich geschlossenen Gesamtdramaturgie unter. Die stereotypen Konflikte zwischen den Familienmitgliedern werden dabei nicht mehr elegant umschifft, sondern regelrecht gesucht. Dass von Bahranis inszenatorischen Eigenheiten nur noch vereinzelte Rückstände geblieben sind, dürfte in erster Linie mit der Größe des Projekts zusammenhängen, genauer gesagt den offensichtlich höheren Produktionskosten und dem Einsatz prominenter Schauspieler. Was bleibt, ist sicher kein schlechter Film, zumindest wenn man sich darauf eingestellt hat, ein herkömmliches Familienmelodram zu sehen. Vielmehr ist es schade, dass hier Bahrani als eine der größten Hoffnungen des amerikanischen Independentkinos seine Chance, bei einem großen Projekt seine künstlerische Integrität zu wahren, weitgehend verspielt hat.

Trailer zu „Um jeden Preis“


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