Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach

Die Welt ist ein Haufen skurriler Fragmente: Roy Andersson hat sie zu einer brillanten Un/Ordnung sortiert.

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„Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt nach“, so das leise und mehr in sich selbst hinein rezitierte Gedicht eines kleinen Mädchens mit Down-Syndrom. „Worüber denkt die Taube nach?“, fragt der Betreuer, der auf einer kleinen Bühne vor anderen Kindern den Moderator gibt. „Darüber, dass sie kein Geld hat“, flüstert das kleine Mädchen, bevor sie, sichtlich erlöst, wieder das Podium verlässt. Eigentlich gibt es gar keine Taube, zumindest nicht die, die der Titel von Roy Anderssons neuem Film vermuten lässt; die, die von oben auf die Welt blickt, in der sich Abstruses abspielt, zumindest für ein Taubenbewusstsein, wenn man so will. Es gibt keine Taube, die gurrend den Kopf schüttelt, während sich unter ihr Menschen hin und her bewegen, in unsichtbaren, kuriosen Spuren; keine Taube, für die, der Welt der Menschen gänzlich außenstehend, ein Gefüge sichtbar würde, ein soziales oder geschichtliches Netz, das die Welt zusammenhält und organisiert; kurz: keine Taube, deren Perspektive und deren Bewusstsein ein Film einnehmen und besetzen könnte. Roy Anderssons Film blickt nicht von oben hinunter auf eine groteske Welt und ihre bizarren Akteure. Er blickt mitten hinein, auf Augenhöhe, und mit der ebenso trivialen wie dramatischen Prämisse, dass das Leben einiges damit zu hat, ob man Geld hat oder nicht.

Auf Augenhöhe

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Auf Augenhöhe mit der Welt zu stehen, die gefilmt wird, heißt nun gerade nicht, sie als realistische, den Regeln der Wahrscheinlichkeit entsprechende hervorzubringen; es meint auch kein wie auch immer geartetes (pseudo-)solidarisches Programm mit den Figuren, die man zuvor prügeln lässt. Es meint zuallererst eine Kamera, die, und zwar ausschließlich, auf Höhe der Augen eine Totale ins Bild setzt. Das Prinzip der starren Einstellung – Eine Taube sitzt auf einem Zweig setzt sich letztlich aus 39 dieser Art zusammen – führt dabei eine sehr ambivalente Perspektive ein: Auf der einen Seite öffnet sie einen Raum, in dem es möglich scheint, sich frei und autonom zu bewegen, in dem die Figuren als ‚ganze Körper‘ die Bodenhaftung nicht verlieren können und in dem sich Anachronismen, seien sie noch so absurd, problemlos schichten lassen. Auf der anderen Seite scheint die Welt an ihren Rändern auch zu enden, scheint man im Nichts zu verschwinden, sobald man einen Weg aus dem Rahmen wählt. Mindestens in dieser Hinsicht ist Andersson ein Dialektiker und ein Filmemacher, dem es auf gänzlich eigensinnige Art und Weise gelingt, immer nur in dem Maße optimistisch zu sein, wie es sein Pessimismus gerade noch zulässt und umgekehrt. Auch das ist, weil zutiefst widersprüchlich und zutiefst menschlich, eine Perspektive auf Augenhöhe mit der Welt, den Figuren und mit uns.

Störung der Kohärenz

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Eine Taube sitzt auf einem Zweig lässt sich nur mit Mühe, vielleicht auch gar nicht, unter ein kohärentes Prinzip fassen; eher geht es um ein ständiges Wechseln und Verdrehen der Perspektiven. Die schmale Handlung rund um die beiden Scherzartikelverkäufer Jonathan und Sam, die in ihren Verkaufsgesprächen immer nur dieselben Sätze runterrattern, dieselben Vorführgesten ausführen, hält den Film ebenso wenig zusammen wie sein starres Formprinzip – Anderssons Welt ist einer geordneten Zufälligkeit ausgesetzt. Im einen Moment sehen wir Jonathan und Sam, wie sie ihre Vampirzähne mit extralangen Zacken präsentieren – ein jedes Mal aussichtsloses, weil gänzlich unmotiviertes Unterfangen –, im nächsten Moment sehen wir ein junges Pärchen am Strand – langsame, feinfühlige Berührungen –, ein Pärchen, das nie wieder zu sehen sein wird, das nach dieser kurzen Situation wieder aus der Welt scheiden wird, aber nicht ohne eine neue, dem Film bis dahin gänzlich fremde Art des Körperspiels als Perspektive auf die Welt zurückzulassen. Dass genau das gelingt, dass das Neue ständig die Kohärenz stört, das Alte umwertet, dass das Zurückfinden zum bekannten Setting immer mit einer Verschiebung einhergeht, kurz: dass man sich auf die Zukunft gar nicht verlassen kann, das ist das eigentlich Großartige an Eine Taube sitzt auf einem Zweig.

Wie ist was von wo aus und warum

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Einzigartig ist dieser ahnungslose Blick in die Zukunft aber nicht nur, weil er dem Leben näher steht als etwa der schwachsinnig-infantile Optimismus eines Films wie Hectors Reise (2014), der sich ebenso auf die Suche nach der Bedingung des Glücks begibt, sondern weil dieser Blick selbst wieder eine Perspektive verdreht, die der Film zu Beginn einnimmt, nämlich die eines gnadenlosen Fatalismus. Drei säuberlich durchnummerierte Begegnungen mit dem Tod leiten Eine Taube sitzt auf einem Zweig ein: Ein Mann stirbt beim Öffnen einer Weinflasche, ein anderer kurz nach dem Kauf eines Krabbensandwiches, eine alte Frau bei dem Versuch, ihre Tasche vor ihren habsüchtigen Kindern zu retten und mit in den Himmel zu nehmen. Allesamt sterben sie mitten im Leben, und das heißt: mitten im Vollzug des Konsums und im Akt des Besitzens. Eigentlich ist klar: Das Leben führt zum Tod; die Figuren sind mit ihren närrisch weißgeschminkten Gesichtern ohnehin schon Zombies (oder auch nicht, wie Jonathan in einer wundervollen Szene beweisen wird). Wieder und wieder geht es um die ständige Umlagerung der Standpunkte: Was ist, was kann das Glück sein, wenn man es vom Tod aus denkt, was kann es sein, wenn man es von einer diffusen Zukunft aus denkt, vom Körper aus, vom Konsum aus? Oder von der Geschichte aus: König Karl XII, geboren 1697, zieht mit seiner Armee an einer Kneipe vorbei, er muss aufs Klo, aber die Toilette ist besetzt – eine Szene, ebenso  verschroben wie geschichtsphilosophisch. Banal ist das alles aber auch nur wieder in dem Maße, in dem es geistvoll, fantastisch, ja hochkomplex ist. Es ist vielleicht die schönste Szene in Eine Taube sitzt auf einem Zweig, in der Jonathan deprimiert in seinem winzigen Zimmer sitzt, den Kopf auf dem Schreibtisch, eine Schallplatte hörend. Immer kurz bevor das Lied endet, setzt er die Nadel wieder mitten in den Song: Das Ende, ja der Tod, ist ausgesetzt, verschoben, abgeschafft. Ist das Verzweiflung oder Selbstbestimmung, Macht oder Ohnmacht? Vor allem ist es unbestimmt, oder nur dadurch bestimmt!

„Es freut mich zu hören, dass es euch gut geht“

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Ein Mann steht vor einem Restaurant und wartet auf einen Geschäftspartner, er wartet vergebens, im Verlauf des Films immer wieder; im Fenster sitzt eine Gruppe älterer Herren, sie lachen in getakteten Abständen, ein mechanisches, schauderhaftes Lachen. Sind diese Herren Karikaturen oder werden sie nur von der Fensterscheibe zu solchen heruntergedämpft? Gibt es das Glück im Bild und wenn ja: Wie viele Schichten muss man freilegen, um zu ihm durchzustoßen? „Es freut mich zu hören, dass es euch gut geht“, dieser Satz fällt ständig, jedes mal am Telefon. Meistens muss man ihn wiederholen, anscheinend können die Menschen an der anderen Leitung (die nicht im Bild sind) diesen Satz beim ersten Mal gar nicht fassen. Jonathan wird zum Ende hin aus seinem Zimmer stürzen und rufen: „Gibt es ein Glück, das auf dem Unglück anderer baut?“. Wie auch immer: Das Glück hat letztlich was mit dem Anderen zu tun, und in dieser Erkenntnis ist der Film ausgesprochen weise. „Ist es nicht ein wenig spät, um über diese Frage nachzudenken?“ antwortet der Nachtportier Jonathan. Vielleicht! Nun gut, dann eben morgen wieder. Eine Taube sitzt auf einem Zweig wird auch dann noch fantastisch genug sein, um weiterdenken zu können.

Trailer zu „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“


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Kommentare


Randy

Warnung: Der Film enthält eine grausame Szene: Eine Affe wird mit Elektroschocks gequält. Diese Szene ist ungeschnitten gedreht und wirkt 100% echt. Ich denke, sie ist echt.
Außerdem fand ich den Film uninspirit und sehr langweilig. Soll das Satire sein?
Meine Freundin und ich sind vorzeitig gegangen.






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