Ekstatische Halbwahrheiten – 23. Hofbauerkongress
Eingehüllt vom Dunkel und dem Schall vertrauter Stimmen begaben sich unsere AutorInnen in Nürnberg auf eine bereichernde Expedition abseits einer auf Meisterwerke fixierten Film- und Mentalitätsgeschichte.
Harte BRD-Realität
Ich besuchte den Hofbauer-Kongress dieses Jahr nur kurz, am Freitag und Samstag. Passend dazu wurde ein Kurzfilm mein Favorit des Festivals. Gretna Green in Schottland lockte seit dem 19. Jahrhundert minderjährige Heiratswillige aus ganz Europa an, denen die Eltern die Hochzeit verboten. Hier konnten sie schon mit 16 Jahren unbürokratisch heiraten. Im Kurzfilm Sie heirateten in Gretna Green (1965) von Fritz Illing schließt ein Paar den Bund fürs Leben und erzählt in knappen zehn Minuten alles Wesentliche über ihre Liebe und das wirtschaftlich prekäre Familienleben in der Bundesrepublik der 1960er Jahre. Inklusive Zeitungaustragen nachts um 2 Uhr und dem Traum vom eigenen Kiosk. Das ist nüchtern, pragmatisch und trocken, zugleich aber ungemein hoffnungsfroh, der Zukunft zugewandt und liebevoll. Ein Stück harter bundesrepublikanischer sozialer Realität, eingepackt in eine Wolkendecke tröstlicher Alltagspoesie. Wunderschön.
Pavao Vlajcic
Kinder ihrer Zeit: schlecht gealtert, doch das macht sie schön

Auch nach der diesjährigen Ausgabe steht für mich fest: Der Hofbauerkongress ist das aufregendste Filmfestival, das ich kenne. Dass sich knapp hundert Menschen auf den Weg in eine andere Stadt, in diesem Fall nach Nürnberg, machen, ohne überhaupt zu wissen, was ihnen vier Tage lang von nachmittags bis nachts geboten wird, dürfte einmalig sein. Blindes Vertrauen in die Entdeckungs- und Eskalationsfreude des Kurator:innenteams, in die Lust am eigenen Überrascht-, Herausgefordert- und Überfordertwerden. Man wird aber auch einfach nie enttäuscht vom Hofbauerkongress. Selbst wenn nicht jeder Film des vorab geheim gehaltenen Festivalprogramms den eigenen Vorlieben entspricht – manchmal, vor allem, wenn man vollgefressen und/oder müde ist, beamt man sich in Gedanken auch mal woanders hin – so ist er doch stets eine Weitung des eigenen Kinohorizonts. Man ist Teil eines Projekts: des Projekts des gemeinsamen, vorbehaltslosen Erkundens der Alternativgeschichte des Kinos, dvom Kanon und Klischee verstellt war.
Ich für meinen Teil freue mich immer, wenn es dabei, wie dieses Jahr, angemessen teutonisch zugeht. Wenn wir etwa Heimatfilme schauen, zu denen viele eine Meinung zu haben scheinen (heile Welt, Kitsch und so), mit denen sich jedoch kaum jemand einmal näher befasst, geschweige denn sie auch wirklich – zumal von historischem Filmmaterial und inmitten eines vollen Saals – angesehen hätte. Da gibt es Einiges zu erleben. Delirantes, Verdrängtes, Libidinöses, kultur- und mentalitätshistorisch Eindrückliches. So wie in Heimat, Deine Lieder (Paul May,1959). Ein Film irgendwo zwischen Saufbuddy-Tiraden, SOS-Kinderdorf-Paternalismus, Vertriebenenvereinsabendbedenklichkeiten und dem Versuch einer deutschen RomKom. Oder im vielleicht letzten Seufzer des althergebrachten Heimatfilms: Jürgen Enz‘ Herbstromanze (1980). Ein Film des Gefühlsüberschwangs, so voller Liebe, Leidenschaft und Sehnsucht, dabei so untot inszeniert, als würden er und all seine Figuren jeden Moment in sich zusammensacken.
Apropos Enz: Besonders schön ist stets das Wiedersehen mit Säulenheiligen des HK, denn so antikanonistisch sich die Kongresse geben, so sehr haben sie ihr Bezugssystem verehrter Einzelgänger und gemeinhin Unverstandener. Das dürfte auch auf die beiden für Spannungskurven unempfänglichen Genrefilmauteurs Jesús Franco und José Bénazéraf gelten, die mit The Erotic Rites of Frankenstein (1973) und Black Love (1974) für mich Festivalhighlights beisteuerten. Ein Kino, das am besten im Nachmittagstief, mit fränkischem Bier und Braten intus, genossen werden kann: eine im Nachgang nicht mehr gut rekonstruierbare Traumschlenderei durch Farben, Formen, Bewegungen. Ein Kino, das mehr Geste, Atmosphäre und Popkulturcollage sein will als kohärentes Erzählwerk. Im Falle von Francos Frankenstein haben wir es mit einem Gruselfilm ohne Grusel zu tun, der dafür einen bunten Strauß seltsamer Einfälle und inszenatorischer Schönheiten aufzubieten hat: Harpyiengeschrei, ein verchromtes Monster, rot gefärbte Folterkeller, gotische Schlossfassaden in untersichtiger Fischaugenverzerrung. Auch Bénazérafs entschleunigter Sexkrimi (dessen Hardcoreszenen uns in der deutschen Kopie vorenthalten wurden) liebt mehr seine Form als alles andere. Zwei weiße Killer jagen einen Schwarzen durch Metropolenbilder, sitzen aber vor allem zu dröhnendem Score in Hotellobbys rum, während der schwarze Held in Schlafzimmern herumspringt. Dazu ein extrem aufgesetzter Anti-Rassismus-Kommentar, dumpf, aber doch nicht intellektuell verhoben. Beide Filme lösen keine Versprechen ein, denn man weiß nicht recht, was sie versprechen. Nach beiden hat niemand wohl wirklich je gefragt. Sie sind Kinder ihrer Zeit, dabei schlecht gealtert. Das macht sie schön.
Tilman Schumacher
Männer, die Frauen wie Dinge behandeln

Während des 23. außerordentlichen Filmkongresses des Hofbauer-Kommandos erlebte ich einen der schönsten Kinobesuche meines Lebens. Von der ersten bis zur letzten Sekunde war Zalman Kings Women of the Night ein Genuss. Als hätten sich Joe D’Amato und Wong Kar-Wai zusammengetan, um die zweite Hälfte von Abel Ferraras New Rose Hotel neu zu interpretieren. Ein bisschen wie die Gedächtnisfetzencollage, mit der bei Ferrara die Hauptfigur nach Sinn in den Geschehnissen der ersten Hälfte des Films sucht. Repetitiv wird bei King in ein Mikro gehaucht und behauptet, dass die Geschichte eines Anwalts, einer Schauspielerin und einer Erbin erzählt werden würde. Wer oder was hier eine Hauptfigur ist, ist aber schon nicht mehr auszumachen. Und wenn sich zum Schluss so etwas wie eine Geschichte herauskristallisiert, ist es längst zu spät. Mehr als audiovisuelle Sinneseindrücke und Fetzen von Traumbildern ward es nicht mehr –Eindrücke und Fetzen von elegischer Schön- und Wahrheit.
Aber Anmut und Genuss machen die Kongresse eben nur bedingt aus. Sie sind nur Teil eines Spektrums, Glücksgriffe. Werden an den verlängerten Wochenenden doch Filme sichtbar, die von der Filmgeschichte oft nicht wahrgenommen werden. Filme, die die Veranstalter häufig vorher auch noch nicht kannten. Filme, nach denen nicht selten unklar bleibt, ob sie schön waren oder ein Genuss.
Filme wie Der verlogene Akt (Rolf von Sydow, 1969)– der internationale Titel lautet Born Black, weshalb der geneigte Zuschauer direkt das passende grimmige Gitarrenriff im Ohr hatte. Die Grundidee: Ein Industriemagnat (Günther Schramm) schläft bei einem feuchtfröhlichen Geschäftstreffen mit einer Prostituierten und kurz darauf mit seiner Frau (Gabriele Buch). Zweitere schwängert er dadurch mit dem Sperma eines anderen Mannes, das sich noch in der Prostituierten befand und das dann an seinem ungewaschenen Penis klebte. Es wäre nicht weiter aufgefallen, wäre das Baby nicht dunkelhäutig.
Nach der Geburt wird der Film zum Melodrama: Der Mann verstößt seine Frau gelassen, die Frau driftet gesellschaftlich isoliert gen Selbstmord, ihr Bruder wird verrückt, weil er die gefühlte Heiligkeit der Schwester und das Kind nur mit dem Glauben an eine unbefleckte Empfängnis unter einen Hut bekommt. Diese Dramen irrlichtern in den Film, kommen mit ganzer Kraft unvermittelt über den Zuschauer und machen nur indirekt klar, was es heißen muss, in einer solchen Welt mit nichtweißer Haut aufzuwachsen.
Aber diese Dramen sind mitnichten das Zentrum dieses Sittenfilms. Ohne funktionelle Dramaturgie, Finesse und Subtilität zeigt Der verlogene Akt schlafwandlerisch das Leben von Männern, die Frauen wie ihnen zur Verfügung stehende Dinge behandeln, die zu Engeln erklärte Frauen nur zu gern fallen sehen. Handwerklich, dramaturgisch oder auf andere Art weiß der Film kaum zu überzeugen, und doch ist er das erstklassige Portrait des gesellschaftlichen Kleisters seiner Zeit. Essenziell besteht er aus dem Sumpf der schauderhaften Ideologie einer weißen Männlichkeit, die alles außerhalb ihrer selbst feuchtfröhlich entwertet und es nicht einmal wahrnimmt.
Nach dem Film saßen die Zuschauer im Saal und kämpften: wie diesen Film bewerten, der es sichtlich gut meint, dem aber das Handwerkszeug fehlt, um wirklich gut zu sein, der vor allem aber seinen Horror bis ins Mark spürbar macht? Es ist eine Frage, die eine auf Meisterwerke fixierte Filmgeschichte sichtlich bereichert. Wird in ihr doch ein mündiger Zuschauer sichtbar, der Ambivalenz aushält. Ist sie doch ergebnisoffen und schließt weniger Filme im Voraus aus.
Robert Wagner
Filme, die davor wappnen, Mitmenschen für harmlos zu halten

Ein Mann manipuliert eine junge Frau in die Prostitution. Eine Frau, die ein schwarzes Kind gebiert, wird nicht zuletzt durch ihren Ehemann, der sich seinerseits jedes Recht auf einen Seitensprung herausnimmt, durch ein Martyrium sondergleichen geschickt. Und auf dem “Gut Vorwald” stellt der Sohn des Inhabers so ziemlich allem nach, was jung ist und zwei Brüste hat, währenddessen seinem Vater eine dumpf brütende Altherrenbrunft ins Gesicht geschrieben steht. Nur ein paar Beispiele der vielen Varianten manipulativen bis handfest übergriffigen männlichen Verhaltens, das man auf diesem Kongress auf der Leinwand beobachten konnte. Die Hofbauerkongresse sind immer auch eine Expedition in den Morast der Mentalitätsgeschichte.
In diesem Jahr ist diese Erfahrung besonders eindrücklich. Der Grund: Zeitgleich zum Kongress geht eine Story vom “Spiegel” online, nach der ein berühmter Fernsehmann seine aus den Medien ebenso berühmte Ehefrau auf bestialische Art und Weise im Internet exponiert haben soll. Mit einem Mal korrespondieren die beim Hofbauerkongress gezeigten Filme akut mit der Gegenwart. “Überraschend” soll die Enthüllung sein, sagen viele aus der Medienbranche, “unvorstellbar”, was da vonstattengegangen sein soll.
Warum eigentlich “überraschend”, warum “unvorstellbar”, frage ich mich. Klar, solche Aufdeckungen – sofern sie der Wahrheit entsprechen – sind fürs Umfeld zumindest im Einzelnen immer eine Überraschung: “Der soll…? Hätte ich ja nie gedacht! Er hat doch immer so nett gegrüßt!” Formulierungen aus dem Standardrepertoire, wenn mal wieder hinter die Fassade eines vermeintlich unbescholtenen Mitmenschen geblickt werden konnte. Aber “überraschend” im Sinne einer grundsätzlichen Möglichkeit?
Vielleicht hat diese Überraschung, diese Unvorstellbarkeit auch damit zu tun, dass die Filmproduktion der Gegenwart zu beträchtlichen Teilen verlernt hat, aus der Gesellschaft heraus mit der Gesellschaft über die Gesellschaft zu reden. Die Filme, die beim Hofbauerkongress laufen, waren da noch anders. Aus ihnen spricht ein zumindest grundsätzliches, womöglich sogar aktives Erfahrungswissen darüber, was Männer Frauen antun, welche Ansprüche Männer auf Frauenkörper erheben. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie dies adressieren, lässt den Schluss zu, dass sie auf ein zirkulierendes gesellschaftliches Wissen zurückgreifen, welches sie nicht zuletzt im Hinblick auf ihre reißerische Selbstvermarktung ausnutzen. Denn klar: Analytisch grundiert, feministisch durchdrungen oder politisch eindeutig motiviert sind hk-relevante Filme in aller Regel nicht. (Ausnahmen gibt es immer wieder, der hervorragende Zu jung für die Liebe? (Erica Balqué. 1961) etwa, für mich die Entdeckung dieses Kongresses)
Die auf dem Hofbauerkongress gezeigten Filme standen noch eng im gesellschaftlichen Austausch - zumindest, was das adressierte Marktsegment betrifft. Sie mussten nicht vor Filmförder-Gremien, Filmbewertungsstellen und auch nicht vor den gesellschaftlichen Repräsentanten der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bestehen, auch nicht auf Festivals und schon gar nicht vor dem Blick der Edelfedern - keine dieser diskursiven Käseglocken schob sich zum Besseren wie zum Schlechteren zwischen sie und ihr Publikum. Entsprechend andockfähig an dessen Wissen, Sorgen und Begierden mussten sie sein –zumal vor dem Hintergrund, dass der Kino-Ticketverkauf seit Ende der Fünfziger aufgrund des TV-Booms jährlich neue Tiefstände hinnehmen musste. Die Filme, die hier gezeigt werden, waren vielleicht die letzten, bei denen eine Kracauer’sche Methode der Kinobetrachtung (wir erinnern uns: “Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino”) wirklich Sinn ergeben hat. Weil die Produktion noch eine Art gesellschaftliches Fieberthermometer war.
Es ist ein Kino auf Augenhöhe, ein Kino ohne Schminke, ein Kino ohne auftrumpfende Gesten - keinem Schweinesystem wird die Maske von der Fratze gerissen, es wird auch kein Finger auf eine offene Wunde gelegt und was es an Standardfloskeln so alles gibt, wenn ein Film(emacher) sich mal wieder anschickt, die Wahrheit, wie sie wirklich ist, zu zeigen und aufzudecken. Sie findet einfach statt. Und gerade dieses Stattfinden spricht Bände.
Darin liegt auch ein (nicht der einzige) Reiz, die Hofbauerkongresse zu besuchen. Man staunt darüber, was die Filme ausplaudern. Man staunt im Abgleich, wie sehr sich Gesellschaft verändert hat. Und welche Kontinuitäten sich trotzdem in aller Deutlichkeit abzeichnen. Und nicht zuletzt wappnen sie davor, Mitmenschen und Mitmänner per se für harmloser zu halten, als sie vielleicht wirklich sind. Wer in diese Filmwelten abtaucht, den überrascht so schnell nichts mehr. Und manchmal denke ich mir: Wäre der Zugriff auf gesellschaftliche Realitäten im heutigen Kino leichter, es wäre damit einiges gewonnen. Zumindest könnte sich keiner mehr mit “unvorstellbar” herausreden.
Thomas Groh
Vermufftes Entertainment

Einen Film mit dem Knallertitel Sex-Report blutjunger Mädchen (Frits Fronz, 1972) muss man natürlich schon aus Prinzip gutfinden und kann in diesen strukturell spaßbefreiten Zeiten seine Kinoaufführung gar nicht hoch genug anrechnen, auf dem Kongress, von der letzten überlebenden, rotstichigen Kopie und als vermutlich erste Sichtungsmöglichkeit überhaupt seit über fünfzig Jahren.
Gnadenlos schleppt Frits Fronz eine einzige Idee aus Flashback-Fakt versus Erzählpräsens-Fiktion durch die reportfilmtypische Episodenstruktur und vermuffte 70er-Ornamenttapetenoptik, eine gediegen-lasterhafte Miniatur nach der anderen. Zu den Highlights zählen der Fernsehauftritt eines umweltbewussten verrückten Professors als Aufhänger für Vögel/vögeln-Flachwitz-Dauerfeuer sowie eine unangestrengte Schmuddelfilmer-Selbstreflexion über ambitionierte Schauspielführung. Gerade wenn man denkt, dass immer noch eine der gar nicht mal so blutjungen Frauen am Wiener Café-Tisch sitzt und über ihr Liebesleben lügt, legt der Film in angenehm zuschauerfeindlicher Geste zum Abschluss eine Perspektivwechsel-Sequenz vor, die den Kellner beim ausgiebigen Stolpern in die falschen Hotelzimmer begleitet und den definitiven Entertainment-Tiefpunkt markiert.
Christian Lenz
Stürmische Männerfreundschaft

Viele Szenen und Figuren aus Paul Mays Heimat, Deine Lieder (1959) haben sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Vor allem aber der Abend in der Kneipe, an dem das versammelte Dorf sich einen Film mit alten Schwarzweißaufnahmen pittoresker Städtchen und Wälder anschaut: Schlesien, wie es war. Dazu singt der örtliche Kinderchor, die Frauen verdrücken ein Tränchen, die Männer umklammern ihre Schnapsgläser noch ein bisschen fester.
In der Bundesrepublik der 1950er Jahre machten Vertriebene und Flüchtende etwa ein Fünftel der Bevölkerung aus; der damalige immense Erfolg des Heimatfilmgenres hatte sicher damit zu tun. Man mag ihm nicht völlig zu Unrecht Eskapismus, Seichtigkeit, Verlogenheit nachsagen, aber dann brechen die Konflikte ihrer Zeit doch immer wieder aus diesen Filmen heraus. Das ist mal mehr, mal weniger offensichtlich. Ich erinnere mich an kaum einen anderen Heimatfilm, der diese innere Zerrissenheit so offensichtlich nach außen kehrt wie Heimat, deine Lieder. Schauplatz ist die genrebekannte Heide, aber nicht etwa eine alteingesessene Gemeinde mit über Generationen verfestigten Strukturen, sondern ein SOS-Kinderdorf mit Kindern verschiedenster Herkünfte und Hautfarben.
Der stereotype Konflikt zwischen Land- und Stadtmenschen, Tradition und Moderne, unterschiedlichen Bewältigungsstrategien kommt zwar vor, manifestiert sich aber am schönsten in der stürmischen Männerfreundschaft eines Lastwagenfahrers und eines passionierten Gärtners. Durch die dunkelschwarz wie eine unzureichend verdrängte Erinnerung an Vergangenes aufwallenden Abgase sieht Letzterer seine frisch gepflanzten Blumenbeete bedroht. Die Zweisamkeit der beiden spiegelt sich wiederum in kleinen blonden Zwillingsmädchen, die in regelmäßigen Abständen nackt durchs Bild taumeln und wahrscheinlich als eine Art Comic Relief gedacht waren, aus heutiger Sicht aber eher wie eine unbeholfene Unschuldsversicherung wirken. Schließlich unerwartete Ausflüge ins Progressive: Zugunsten einer getrennt lebenden Frau, die als solche eigentlich keine erzieherischen Tätigkeiten übernehmen dürfte, müssen sogar die hohen moralischen und bürokratischen Standards des Kinderdorfes einem gesunden Pragmatismus weichen. Im Hintergrund: ein live im Radio übertragener Gesangswettbewerb mit Trachtengruppen aus allen Teilen des Landes.
Heimat, deine Lieder hat nicht die konzentrierte Sirk’sche Melodramatik von Heiße Ernte (Hans H. König, 1956), nicht die düstere Märchenhaftigkeit von Rosen blühen auf dem Heidegrab (Hans H. König, 1952), aber gerade das Defizitäre macht seinen Reiz aus: wie der Film versucht, ein wahrlich überwältigendes Ausmaß an gesellschaftlichen und sozialen Knackpunkten und historischen Wunden unter Hängen und Würgen in die romantisch-idyllische Genreformel des Heimatfilms zu pressen, wobei es natürlich an allen Ecken und Enden rumpelt und kracht. Irritierend zeitgenössisch fühlt sich das an; die Bruchkanten im gesellschaftlichen Kitt verlaufen heute an nicht unähnlichen Stellen.
In dieser Form bildet Heimat, deine Lieder ein Tandem mit einem weiteren auf dem Kongress gezeigten Film: Ernst Hofbauers Die Liebesquelle (1965), der wie ein Scharnier zwischen dem Heimatfilm und der etwas später erfolgreichen Sexkomödie wirkt. Ein isoliertes, noch etwas archaisch anmutendes Dorf soll für den Fremdenverkehr erschlossen werden — der Weg dahin führt über die Vermarktung des nahegelegenen Weihers als Liebesquelle. Das Faszinierendste daran ist einmal mehr der Schauplatz, beziehungsweise die durch ihn ausgelöste Irritation: Gedreht in Bulgarien, denkt man ob der im Bildhintergrund sichtbaren Berge und der Herkunft der Filmemacher an Österreich. Doch das imaginäre Dorf Jonkborn soll in Schweden liegen, die Figuren tragen Namen wie Nils und Gunnar und alle DarstellerInnen sind blond: Bulgarien als Schweden und die Heide als Projektionsfläche, als clean slate, auf der sich die Vorstellung von Heimat als ebenso bewusst konstruierte und letztlich fehlerhafte Fantasie entpuppt wie die zur Schau getragenen Trachten als identitätsstiftende Erfindung des 19. Jahrhunderts.
Katrin Doerksen
Wärm du mich lieber, ist billiger

Einen Bibelfilm habe sie sich im Kino angeschaut, statt zu arbeiten, entschuldigt sich die 16-jährige Katja in der Wäscherei, bei der sie als Lehrmädchen tätig ist. Wenngleich es sich dabei nicht um Die zehn Gebote handelt, sondern um Sodom und Gomorrha. Mit flaumfederleichtem, pointiertem Ton erzählt Erika Balqués Zu jung für die Liebe? von Teenagerliebe und Schwangerschaft, davon, wie jugendliche Resilienz sich in einer überalterten Gesellschaft behaupten muss, für die minderjährig gleichbedeutend mit minderwertig ist: „Du darfst doch nicht normal denken, wenn du dir klarmachen willst, wie die Erwachsenen denken.“ 1961 war der Film die erste Regiearbeit einer Frau in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und sollte leider auch die einzige von Erika Balqué bleiben (die gleichwohl bei über zwei Dutzend Filmen die Regieassistentin ihres Mannes Helmut Käutners war). Wie bei Der Engel, der seine Harfe versetzte von Kurt Hoffmann und Käutners Der Rest ist Schweigen schimmert in ihm so etwas wie eine Vorahnung durch von einem Generationenkonflikt, der sich einige Jahre später deutlich weniger heiter entladen sollte. Wir wissen immer noch zu wenig über das viel zu lange marginalisierte Kino der einst jungen BRD, aber Filme wie Balqués zeigen uns aus der Tiefe der Zeit heraus, wie wir uns auch heute in Filmen wiedererkennen könnten, wenn sie denn noch so gedreht würden. „Wärm du mich lieber, ist billiger.“
Kamil Moll
Ganz Westdeutschland ein Sperrbezirk

Will Trempers Sperrbezirk (1966) war für mich die größte unter vielen großen Entdeckungen des diesjährigen Kongresses. Eine fröhlich ins Unreine gefilmte Rotlichtposse, die auf ganz und gar nicht bittere Art von Bitterem erzählt und mit einer der schönsten, optimistischsten letzten Einstellungen der Filmgeschichte endet. In der Einführung ist von den Schwierigkeiten Trempers bei der Produktion zu hören, ihm wurde der Film wohl aus der Hand genommen, aber nichts Genaues weiß man nicht; man sieht dem Film die Probleme, die es möglicherweise damals gab oder auch nicht jedenfalls kein bisschen an. Nach dem Kongress recherchiere ich ein bisschen weiter und stoße online auf eine ziemlich rabaukige Textserie Trempers - der immer zuerst Journalist und höchstens nebenbei Filmmensch war - in der Zeit aus dem Jahr 1966, die den Untertitel “Erfahrungen in einer verrotteten Industrie” trägt und unter anderem die Produktion von Sperrbezirk thematisiert. Freilich ohne Licht ins Dunkel zu bringen. Toll lakonisch heißt es da, nachdem unter anderem von einer “Story aus der Remington-Portable, auf der schon Erich von Stroheim seinen Whisky abstellte” die Rede ist: “Das Ding wird gedreht, kommt genau fünf Monate nach der schlaflosen Nacht in vierzig Kopien à 1200 Mark auf den Kinomarkt – und wird eine mittlere Pleite.”
Man muss, glaube ich, Will Trempers Filme und seine journalistischen Arbeiten zusammendenken, als ein Gesamtkunstwerk der delirierenden Kolportage, der ekstatischen Halbwahrheit. Wenn man Tremper glauben kann, und das kann man selbstverständlich nicht eine Sekunde, dann ging es in der deutschen Filmbranche der 1960er genauso verwahrlost hemdsärmelig zu wie in Berliner Zuhälterkreisen, in denen kriminelle Clowns Warner-Gangsterfilme aus den 1930ern nachspielen; genauso perspektivlos verzweifelt wie unter den Prostituierten, die sich auf Berliner Straßen die Füße in den Bauch stehen und denen es leider kein bisschen gelingt, die geteilte Erfahrung des nach Strich und Faden verarscht Werdens in Solidarität umzumünzen; genauso verlogen und handwerklich unbeholfen wie in Zeitungsredaktionen, die sich auf der Jagd nach heißen Eisen in ihren eh nicht besonders guten Absichten verrennen und alles nur noch schlimmer machen (ausgerechnet seinen eigenen Brotberufsstand lässt Tremper in Sperrbezirk besonders schlecht wegkommen); so zynisch und amtsmüde wie auf Berliner Polizeistationen, auf denen ein hartgesottener Cop der ganz alten Schule und seine resolute Sekretärin im Hinter- (nicht Vor-)zimmer die Stellung halten als wären sie die letzten Menschen auf diesem Planeten. Ganz Westdeutschland ein Sperrbezirk, die Verrückten haben die Anstalt übernommen.
Lukas Foerster
Der Mann, der die ganze Welt vergewaltigen wollte

In den Kongressen kann ich mich, eingehüllt vom Dunkel und dem Schall inzwischen vertrauter Stimmen, die die Filme aus den Körpern hervorlocken, ganz dem Projektionsereignis ergeben. Kino ist hier gemeinsames Staunen, Lachen; man folgt den Figuren, fühlt mit - um sich dann mit ihnen zu vereinigen oder abzuprallen.
Zwei Filme haben es mir dieses Jahr besonders angetan. Da ist zunächst Heimat, deine Lieder (Paul May, 1959), die in eine Großveranstaltung mündende Apotheose des Kinderchors eines SOS-Kinderdorfs in der Lüneburger Heide: aus der Bedeutungslosigkeit ans Licht gesetzt. Ein Heimatfilm, wie ich ihn in dieser Abgründigkeit noch nicht gesehen habe. Der Film reißt unter Wahrung einer sorglosen, flächig harmonisierten Freundlichkeit quasi en passant einen Abgrund der deutschen Nachkriegszeit nach dem anderen auf: von ihren Vätern aus verschiedenen Gründen bewusst verlassene Kinder, betroffene Trauer um den Verlust der alten polnischen Heimat, die Ausbeutung von Versorgungsengpässen im Zusammenbruch und nicht verheilte körperliche und seelische Kriegswunden. Da ist freilich noch der weitgehend unbelastete Hauptstrang - eine zurückhaltend und lückenhaft sich entwickelnde Romanze zwischen der Dorfmutti Eva (man merkt es Sabine Bethmann nicht an, dass sie eben vom Dreh der beiden späten Abenteuerfilme Fritz Langs aus Indien zurückgekehrt war; mit viel Bodenhaftung und Zurückhaltung bringt sie feine, alltägliche Nuancen ein) und dem auf der Vorbeifahrt befindlichen, bereits mit der Tochter eines Firmenchefs verlobten Besucher aus der Stadt. Erst der Ausbau zahlreicher Nebenstränge und die Länge der ohne Höhepunkte inszenierten Musik- und Tanzszenen zuungunsten einer stringenten Haupthandlung geben dem Film Zeit für seine besondere Art der bescheidenen, in aller Wehmut noch lächelnden Beschaulichkeit. Es ist, als sitze man zwischen milder Tagessonne und einsetzender Dämmerung an einem See und sähe unter der freundlich glatten Oberfläche noch die Schatten all der versunkenen Dinge, die in seinen Tiefen vor sich hin rotten.
Auch José Bénazérafs L’homme qui voulait violer le monde (1974; wörtlich: Der Mann, der die ganze Welt vergewaltigen wollte; deutscher Titel: Black Love) trägt geheime Verdorbenheiten in seinem Kern aus. Der Angriff auf Normen des bourgeoisen Konformismus, wie ihn sich Bénazéraf aufs Schild geschrieben hat, setzt ein mit einer anklagenden Zurschaustellung dokumentarischer Aufnahmen der gewaltsamen polizeilichen Repression der schwarzen Proteste, aus denen die Gegenbewegung der Black Panther hervorging. Der Film verweigert sich allerdings einer allzu beschaulichen Instrumentalisierung als überlegt und schlüssig durchgeführten politische Parabel, die er so leicht sein könnte, und stellt über lange Strecken geradezu offensiv eigensinnige Befindlichkeiten der Figuren in Bewegungen und Begegnungen zur Schau, die häufig nur aus sich selbst heraus motiviert werden - ein Niederknien vor der alles auflösenden Urkraft der Kinetik und des Eros. Gegen Ende brechen die Innenwelten gewaltbereit aus ihrem Versteck hinter den maskenhaften Gesichtern der Akteure und erobern den Raum. Der Raum ist letztlich politisch, doch Motivationen bleiben etwas Privates und Unheimliches in den Körpern und hinter den Augen.
Arthur Robison
"Ich bin nur hingefallen und hab Angst gehabt, dass ich tot bin"

Bruce Lee – Das war mein Leben (John Lomar, 1975): sehr Seventies, diese herzöffnende, liebliche, pathetische, manchmal auch ganz zufriedene jazzige Musik mit Kolibri-Flöten, Klapperschlangenbongos und hoppelndem Bass, und alle bewegen sich inspiriert und leichtfüßig. Einem Freund fiel auf, dass die Liebenden –– Bruce und die Erzählerin seiner Geschichte – gern auf Autobahnzubringern spazieren gehen, und einmal liefern sie sich auf dem Wasserbett in Zeitlupe eine lustige Schlacht mit fancy Kissen. Sie war als Kid ein trauriger, verlachter Filmfan, später dann: Me-Too-Besetzungscouch, KO-Tropfen... Bruce war ihr Lichtblick, doch es wird immer dunkler um ihn, und sie kann ihn nicht retten. Die Klatschpresse gibt ihr die Schuld an seinem Tod. Das erinnerte mich an Judith Hill, Princes letzte Freundin. Auf ihrem Konzert im letzten Sommer erzählte sie ähnlich traumatisierte Geschichten. Auch der Song von Brahms, gegen Ende des Films, machte mich fertig.
Die Liebesquelle (Ernst Hofbauer, 1965): ein Unterhaltungsfilm von operettenmärchenhafter Vergnüglichkeit in einem fiktiven, fröhlichen, nordischen Land. Mit Eddie Arent (zum Verlieben), dem „kapitalen Mannsbild“ Sieghardt Rupp als halbnacktem Naturburschen und Mädchen, die die Schürzen unterm Po gebunden tragen. „Aus einer alten Schachtel macht auch das Baden keine schöne Frau – überzeugen Sie sich selbst“!
Heimat, deine Lieder (Paul May, 1959): Authentisches Vergangenheitsflair. In einem Kinderdorf in der Heide leben Waisenkinder unter der Obhut netter Betreuerinnen, die sie Mutti nennen, damit sie jemand Mutti nennen können. Eines der Mädchen kommt fast unter ein Auto, aber: „Ich bin nur hingefallen und hab Angst gehabt, dass ich tot bin!“ Die kleinen Jungen haben‘s gleich gecheckt und bejubeln das Spektakel: „Autounfall!!!“
In unfassbaren Großaufnahmen interagieren pummelige nackte kleine Zwillingsmädchen so vertraut und weltabgewandt miteinander wie einst in Mamas Bauch und sehen aus wie Butterblumen. Genau so naiv und perfekt zusammen spielen auch Gärtner Bruno (Friedrich Domin) und sein Freund, der Lastwagenfahrer (Peter Carsten). Wie er rückwärts rangiert, ohne dabei eine Blüte aus Brunos Rabatte zu beschädigen, und wie sie manchmal schmollen, sich dann aber wieder tapsig und betrunken selig in den Armen liegen! (Friedrich Domin – herziger Hundeblick, kuscheliger Schnurrbart und selbst Gärtnersohn – war Architekturstudent am Bauhaus, dann Theaterschauspieler und in Filmen auf „ehrfurchtsgebietende Honorationen“ spezialisiert. Daher war er mir bekannt vorgekommen: als super Bismarck in Käutners Ludwig II. Na ja. Nur zur Info, damit wir nicht dumm sterben).
Schön auch, dass Ursula Herking weicher und melodiöser ist als ich sie in Kindheitserinnerung hatte; ich hab mich still bei ihr entschuldigt. Peter Vogel: cool als Windhund und Hallodri. Hier noch der Link zum Hit „Hoch vom Norden her kommt der Zottelbär“ –nur leider nicht, wie im Film, von einem glamourösen Tristkind gesungen.
„Ich bin ein Nichts, ich bin ein Niemand, aber das habe ich aus eigener Kraft erreicht!“
Sie heirateten in Gretna Green (Fritz Illing, 1965): Beseelt und wie am Schnürchen läuft frühmorgens ein Paar über Straßen und Treppen, um Zeitungen auszutragen. Direkt danach geht es voll motiviert weiter mit der Arbeit, sie als leidenschaftliche Fotolaborantin, er, der sich – weil, wie er sagt, Skorpion von Sternzeichen –– nicht gerne was sagen lässt und lieber ohne Chef bei seinem fröhlichen Kleinkind bleibt, kocht und strickt. 27 Monate verheiratet und „fast alles abbezahlt, nur die Waschmaschine ist noch offen“.
Den HK-Ehrenpreis für urtümliche erotische Ausstrahlung verdient der Kandidat aus Griechenland: Triebhaft wie die nackte Lust (Chris Liambos, 1971). Zwei wuchtige schiffsbrüchige Männer spült das Meer auf eine felsige griechische Insel. Der alte Leuchtturmwärter dort ist auch ein Bär; seine Tochter sehnt sich nach der weiten Welt und heißt den Besuch willkommen. Auch eine Bootslandung fröhlicher junger Mädchen erfährt viel Gastfreundschaft; eine trägt den schönsten Blümchen-bauchfrei-Strandanzug des Festivals. Lange und ausgiebig geht das gut, mit großzügigem, emotional ansteckend und echt wirkendem Sex. Ich musste kurz vor Schluss raus. So endete der Film für mich im Glück, ich war zufrieden.
Ich freute mich über den jungen Rolf Zacher als einen der halbstarken Kumpels des Protagonisten in dem liebevollen, coolen Zu jung für die Liebe (Erica Balqué, 1961). Die anderen waren aber auch feine Kerle. Sie tun zwar cool, sind aber letztlich hilfsbereit und lustig (besonders Klaus Dahlen) – zum Glück, denn wenn Schwierigkeiten kommen, lernt man die Doppelmoral der Eltern kennen. ☹ Tolle Pullis mit Blumenmuster. Auf reifengroße Rahmen gespannte Häkeldeckchen an einer Budendecke. Ein Film mit Herz, Geist und Eleganz.
„Wie alt ist denn so was? Was? Mehr wächst man nicht mit zwei Jahren?“ (junger Mann über ein Kind)
„Ich möchte dieses kleine ängstliche Kaninchen heiraten!“ (junger Mann über junges Mädchen)
Zalman King`s Women of the Night (2001) ist eine schöne und erotische, wie ein Musikvideo komponierte Pop- und Disco-Oper über ein süßes Mädchen (Shawnee Free Jones) in cooler Lady-Verkleidung, das unter Räubern leben muss. Suggestiv erzählt am Mikrofon eines Piratenradiosenders von ihr selbst und einem interessanten älteren Ego, einer langsam und intensiv sprechenden, fast singenden Frau mit rauchiger Stimme (Sally Kellerman) (sie kam mir bekannt vor wegen ihrer Rolle als Jodie Fosters Mutter in Jeanies Clique, fand ich später heraus). Die beiden stehen nachts am Mischpult und steuern die sich übereinander schiebenden Sounds in diesem glossy Trauergesang über die Gewalt von Patriarchen. Auch eine amerikanische Art Paul Hörbiger (Seymour Cassel) wirkt mit. Schöne, lasziv präsentierte Dessous. Und prachtvolle riesige Lastwagen auf elektrisch glitzernden Straßen, nagelneu und shiny. Ich musste an Don’t come knocking von Wim Wenders denken, aber warum? Man ist sich selbst ein Rätsel.
Silvia Szymanski
Am Ende gewinnt, unter Applaus im Saal, die Liebe

Mit Summer Night Fever von 1978, dem Abschlussfilm der diesjährigen Festival-Ausgabe, reitet Siggi Götz im Auftrag der Lisa Film die Disco-Welle. So schamlos der Titel beim ein Jahr zuvor erschienen John-Travolta-Klassiker Saturday Night Fever geklaut ist, so eigenwillig ist der Film in seiner mit großartiger Musik unterlegten Mischung aus Coming-of-Age-Drama, Sexkomödie und Road-Movie.
Im knallgelben VW Käfer machen sich die besten Freunde Peter und Freddy in den Sommerferien auf den Weg in Richtung Ibiza. Dass auch Freddys Schwester Vicky (die bezaubernde Olivia Pascal) mit von der Partie ist, passt den beiden Jungen, die auf ihrer Reise vor allem Gelegenheiten suchen, sich sexuell auszuleben, gar nicht. So bekommt Vicky mehr von der zeittypischen Misogynie ab, als sie dauerhaft ertragen kann. Dass der vorletztes Jahr verstorbene Sexfilm-Auteur Siggi Götz unter seinem bürgerlichen Nachnamen Rothemund als Fernsehhandwerker arbeitete, merkt man an einem gesunden Maß an Professionalität. Er ist ein Regisseur mit einem feinen Gespür für sommerliche Stimmung, für Musik und Melancholie, für seine Figuren und ihre Körper. Mehr als von der genretypischen Nummern-Struktur, die sexuelle und komödiantische Eskapaden aneinanderreiht, wird Summer Night Fever von der Beziehungsdynamik seines Figuren-Trios zusammengehalten. Was auch immer die drei Jugendlichen durchmachen müssen, am Ende gewinnt, unter Szenenapplaus im Saal, die Liebe. So entließ uns der letzte Film mit einem Lächeln auf den Lippen und „One For You, One For Me” von La Bionda im Ohr in die gar nicht sommerliche Nürnberger Nacht.
Nicolai Bühnemann














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