Jeunes Mères – Junge Mütter – Kritik

Rastlose Bewegungen, aufgeregte Telefonate: Die Brüder Jean-Luc und Pierre Dardenne stellen in Jeunes Mères – Junge Mütter junge Frauen ins Zentrum, die vor der Aufgabe stehen, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen – obwohl sie selbst noch kaum richtig erwachsen sind.

In sich versunken starrt die junge Perla (Lucie Laruelle), die vorübergehend in einem Heim für Teenager-Mütter untergekommen ist, ins Nichts. Eine Mitarbeiterin versucht erfolglos, zu ihr durchzudringen, erinnert sie daran, dass ihr nebenan schreiendes Baby traurig und hungrig ist, aber das Mädchen erwidert nur, dass sie doch selbst traurig und hungrig sei – bis Perla schließlich vor Erschöpfung zusammenbricht.

Die jungen Frauen, von denen Jean-Pierre und Luc Dardenne in ihrem neuen Film erzählen, stehen vor der Herausforderung, Kinder großziehen zu müssen, während sie selbst fast noch welche sind. Besonders Perla weiß noch nicht einmal, was sie für ihr eigenes Leben will und soll nun die Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen. Ihre maßlose Überforderung führt zu einer trotzigen Abwehrhaltung. Als ihr eine Pflegerin im Heim Anweisungen gibt, wie sie ihr Kind waschen soll, ist sie gedanklich woanders. Wahrscheinlich beim Vater des Kindes, der elementarer Teil ihrer romantischen Familienfantasie war, sich aber kiffend und faulenzend aus der Affäre gezogen hat.

Der erhabene Duft eines schicken Parfüms

Jeunes Mères – Junge Mütter konzentriert sich im unmittelbaren Handkamera-Stil ganz auf seine vier Protagonistinnen und ihre Körper. Immer wieder hetzen sie – mal mit, mal ohne Kinderwagen – durch die Straßen der belgischen Stadt Lüttich. Die Kamera folgt ihren rastlosen Bewegungen und aufgeregten Telefonaten, beobachtet sie dabei, wie sie versuchen, die Trümmer ihrer Vergangenheit zu ordnen oder mit einer halbwegs bezahlbaren Wohnung das Fundament für ein neues Leben zu schaffen. Regelmäßig werden sie derart von ihren Gefühlen überwältigt, dass ihre außer Kontrolle geratenen Körper wie vom Teufel besessen wirken und nur durch Außenstehende wieder zur Ruhe gebracht werden können.

Die Freiheit, die die Heldinnen der Dardennes durch ihren unaufhaltsamen Bewegungsdrang suchen, wirkt oft unerreichbar, weil der Film ständig klar macht, wie eingeschränkt sie zugleich durch äußere Umstände und eingefahrene Verhaltensmuster sind. Ob Perla, die verschlossene Ariane (Janaina Halloy), die ihr Kind zur Adoption freigeben will, die hochschwangere, noch sehr kindliche Jessica (Babette Verbeek), die als Baby selbst weggegeben wurde oder die cleane drogensüchtige Julie, die sich mit ihrem Freund an einer geordneten Existenz versucht: Jede von ihnen stammt aus armen und zerrütteten Verhältnissen und sträubt sich dagegen, all das, was ihnen selbst angetan oder vorgelebt wurde, zu wiederholen. Das bessere Leben ist dem gegenüber so abstrakt und verheißungsvoll wie der erhabene Duft eines schicken Parfüms. So beschreibt Jessica einmal ihre Sehnsucht.

Ein Rest an Empfindsamkeit in den Augen

Besonders hilflos zeigt sich die Ohnmacht gegenüber verinnerlichten Routinen bei Arianes Mutter (Christelle Cornil), die euphorisch in ihrer Rolle als Großmutter aufgeht und zwanghaft versucht, ihr eigenes, von Alkoholsucht und Gewalt geprägtes Dasein mit ein paar guten Vorsätzen zum Guten zu wenden. Vermeintlich hilfsbereit drängt sie sich ihrer abweisenden Tochter auf, wird immer fordernder, bis sie die Beherrschung verliert und enthemmt auf sie einschlägt. Ähnlich ergeht es Jessica mit ihrer Mutter (India Hair), die sie einst zur Adoption freigab, um sich nicht den Ruf zu ruinieren. Doch hinter der durch Zurückweisung und eingeredete Gleichgültigkeit über Jahrzehnte verkrusteten Fassade leuchtet noch ein Rest an Empfindsamkeit in den Augen.

Bei solchen dramatischen Gegenüberstellungen offenbart sich das besonders für die neueren Filme der Dardennes typische Spannungsverhälnis zwischen einer beobachtenden, fast dokumentarischen Ästhetik und einem Drehbuch, das stark verdichtet, Konflikte forciert und Gefühle provoziert. Als Gegenpol zur die Protagonistinnen beharrlich verfolgenden Handkamera gibt es eng kadrierte Einstellungen, in denen die Figuren einander buchstäblich nicht auskönnen.

Besser als es gerade ist

Durch das für die Regie-Brüder ungewöhnlich große Darstellerinnenensemble verlagert sich die Aufmerksamkeit von der Figurenstudie zum Thematischen. Das Sachgebiet heißt minderjährige Mütter und der Film versucht es umfassend und nuanciert zu umkreisen. Trotz dieser Problemfilmschlagseite gelingt es Jeunes Mères, die Qualitäten der Dardennes – wenn auch etwas fragmentarischer und zerstreuter – zu bewahren. Dazu zählen der präzise, die sozialen Gegebenheiten zwar berücksichtende, den einzelnen Menschen dabei aber nie verleugnende Blick. Sowie die Empathie, mit der wir den hyperemotionalen Mädchen aus nächster Nähe ausgeliefert sind, statt aus sicherer Distanz gut gemeinte Ratschläge geben zu können.

Das Heim dient im Film dazu, die verschiedenen Erzählstränge zu bündeln, spielt aber als Institution nur eine untergeordnete Rolle. Immer wieder geben die Mitarbeiterinnen den jungen Frauen im richtigen Moment Halt, aber sie bleiben am Bildrand, werden nie zu eigenständigen Figuren. Im Zentrum stehen konsequent die jungen Mütter und damit ihre Panik, Zerrissenheit, gelegentliche Unvernunft und Einsamkeit, die sich in ihren mal hilflos verängstigten, mal wutverzerrten, mal resignierten Gesichtern niederschlägt. Hoffnung geben die Dardennes ihren Heldinnen nicht, indem sich alles in Wohlgefallen auflöst, sondern weil sie sie verstehen lernen, was sie besser machen wollen – besser als es gerade ist, aber auch besser als es ihre nicht minder überforderten Mütter gemacht haben. Die Zukunft bleibt zwar weiterhin ungewiss, aber die Entschlossenheit ist da.

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