Ella McCay – Kritik

Neu auf Disney+: Das Genre der Politsatire dient in Ella McCay als Spielwiese für ungezwungene Begegnungen. Mit charmanter Ziellosigkeit gestaltet Regisseur James L. Brooks eine warmherzige Komödie über menschliche Unzulänglichkeiten.

Die Frisur der von Emma Mackey gespielten Titelfigur ist das zentrale Motiv von Ella McCay. Als Ella ihren Amtseid als Gouverneurin eines ungenannten US-Bundesstaates ablegt, sind ihre Haare glatt, glänzend und adrett. Doch abseits dieses formellen Anlasses sehen sie stets aus, als hätten sie lange keinen Kamm gesehen, sind spröde und wuschelig. Die Botschaft ist klar: Nur für die Zeremonie wurde Ella frisiert, für das Tagesgeschäft ist der Stil ihrer Haare für sie nicht weiter von Belang. Sie ist eben eine Politikerin, die ganz in ihrer administrativen Aufgabe aufgeht und dem Zirkus drumherum mit Argwohn begegnet. Sie verkörpert das Ideal eines Politikers, der allein für seine hehren Ziele einsteht und sich nicht um persönliches Ansehen oder gar private Bereicherung schert. Den Kampf zum Wohle der Allgemeinheit nimmt Ella bei jeder Gelegenheit auf, kein Missstand wird in ihrer Gegenwart unter den Teppich gekehrt.

Ella McCay entwirft eine Utopie und hat somit eine unübersehbare politische Dimension. Der Idealismus der Hauptfigur wird zum offenkundigen Gegensatz zur gegenwärtigen politischen Realität der USA, die gerade mehr denn je von Korruption, Eitelkeit, Eigennutz und Gewalt geprägt zu sein scheint. Aber dieser Ist-Zustand wird nicht einfach heranzitiert – der Name Trump fällt zu keinem Zeitpunkt –, sondern mittels einer Heldengeschichte bloßgestellt. Mit einer Heldin, die immer und immer wieder vor die Wahl gestellt wird, das Richtige zu tun, während um sie ständig versucht wird, mit Mauschelei vorwärtskommen.

Einfühlsam, pointiert und nicht ganz aufgeräumt

Von längeren Rückblenden und einem Epilog abgesehen, beschränkt sich die Handlung von Ella McCay auf jene drei Tage, in denen die 34-Jährige an die Macht kommt und prompt im Wirbelsturm der Bedürfnisse egozentrischer, narzisstischer Männer landet. Ellas Vater (Woody Harrelson), der lebenslang alles der Jagd nach Frauenröcken unterordnete, möchte sich mit Ella aussöhnen – doch auch das nur, um seine Psychiaterin ins Bett zu bekommen. In unvergleichlich schmieriger Art taucht er deshalb immer wieder in Ellas Leben auf und lässt ihre Emotionen überkochen.

Ellas Ehemann (Jack Lowden) verwickelt sie unterdessen prompt in einen Skandal – die beiden hatten staatliche Räumlichkeiten illegalerweise für Schäferstündchen benutzt – und versucht, das entstandene Ungemach durch Bestechungen geradezubiegen. Außerdem will er sich protzig in der neuen Macht seiner Frau sonnen. Ihr Bruder (Spike Fearn) wiederum geht allen sozialen Kontakten aus dem Weg, vergräbt sich in seiner Wohnung und scheint die Kontrolle über sein Leben vollends verloren zu haben. Und Ellas Amtsvorgänger und Mentor, Gouverneur Bill (Albert Brooks), gibt sich ganz als Figur der politischen Arena: Zwar wünscht er ihr sichtlich alles Gute und jeden Erfolg, aber seine Ratschläge beschränken sich darauf, doch einfach das Spiel der Politik mitzuspielen, Hände zu schütteln, umgänglich zu sein und nur ja keine heiklen Fragen aufzuwerfen.

So sehr Ella McCay aber den Kampf einer aufrichtigen Frau gegen männliche Hybris ins Zentrum rückt und so eindringlich er uns eine politische Heldenfigur zeigt, die wir in der Realität dringend nötig haben, so wenig erschöpft sich der Film in dieser Geste. Stattdessen dient ihm die Struktur der Politsatire vor allem als Spielwiese für seine Figuren, die lustvoll und trotzig dem Sturm des Lebens die Stirn bieten. Tragik verwandelt sich so auf verspielte Art in eine Komödie menschlicher Unzulänglichkeit. Es ist also ganz ein Film von Regisseur und Autor James L. Brooks (Zeit der Zärtlichkeit): einfühlsam, pointiert und nicht ganz aufgeräumt. Der erste Film des 75-jährigen in 15 Jahren zeigt ihn durchaus in guter Form.

Ein streunender Blick, der selbst zur Utopie wird

Brooks gelingt es, mit seinen Figuren klare Rahmenbedingungen zu schaffen. Den beschriebenen Agenten des Chaos stehen drei Mitstreiter Ellas entgegen: Kumail Nanjiani als Fahrer und Bodyguard, der Ella sachlich und mitfühlend von Anfeindungen abschirmt; Julie Kavner als alte, raubeinige Assistentin und vor allem Jamie Lee Curtis als Tante Helen, die Ella immer mit Rat, Tat, großer Klappe und einem zustimmenden Lächeln zur Seite steht. Der schmierigen Katastrophenkomik der vier Männer, die alles launig in den Dreck ziehen dürfen, stellen diese drei einen herzlichen, kämpferischen Humor entgegen. Mit diesem überschaubaren Figurenensemble entfacht Brooks einen Trubel aus menschlichen und politischen Widrigkeiten, aus Gemeinschaft und Hoffnung.

Die Klarheit in der Figurenzeichnung übersetzt Brooks aber nicht in eine steife Plot-Struktur. Ella McCay streunt geradezu durch seine Laufzeit, fokussiert mal diesen Konflikt, mal jenen. Mal bekommen wir die Hinterräume der Politik zu sehen, mal die großen öffentlichen Auftritte. Mal verstrickt der Film sich vollkommen im Persönlichen, in keimigen Messie-Wohnungen, mal genießt er die Ruhe einer Autofahrt. Zwischenzeitlich verlässt er Ella auch mal für einen sensationell absurd-romantischen Nebenplot, in dem Ellas Bruder – sozial absolut unfähig – versucht, die von ihm geliebte Susan (Ayo Edebiri) von sich zu überzeugen. Verloren und doch zielstrebig taumelt er zu Susans Haus, als habe er sich noch nie in einer Stadt zurechtfinden müssen. Auf dieselbe Art flaniert auch Brooks Film seinem tragikomischen Ziel entgegen, jeden Schritt als eigenständiges Erlebnis begreifend.

Am Ende stellt auch diese Erzählhaltung eine Utopie dar – vielleicht keine so offensichtliche wie die politische, dafür aber eine, die merklich länger nachhallt. Immer wieder werden die Figuren in Brooks’ Film erfasst von dem sehnlichen Wunsch nach Normalität und unternehmen enorme Anstrengungen, diese aufrecht zu erhalten. Ella McCay jedoch entlarvt die Vorstellung von „Normalität“ als heuchlerische Fassade und findet stattdessen sein Glück darin, eigenwillig zu sein, sich nicht anzupassen. Auch wenn Brooks selbst keinen wahnwitzigen oder abseitigen Film gemacht hat, so lässt er dennoch seinen Charakteren eben diese Freiheit: sie selbst zu sein, egal was andere denken.

Den Film kann man bei Disney+ streamen. 

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