Baby, I Will Make You Sweat – Kritik
Diagonale Graz: Die Experimentalfilmemacherin Birgit Hein schildert in ihrem Filmtagebuch Baby, I Will Make You Sweat (1995) als ‚alternde‘ Frau ihre Wut über die repressiven deutschen Verhältnisse und ihre sexuellen Abenteuer auf einer Jamaikareise – roh, poetisch, radikal und von ephemer Schönheit.

Im Rahmen eines Sonderprogramms auf der diesjährigen Diagonale in Graz kommt ein Film zur Wiederaufführung, der in den Neunzigerjahren viele Kontroversen um die Darstellung weiblicher Sexualität, weiblichen Sextourismus, Rassismus, und Ageisms ausgelöst hat: Baby I will make you sweat von von Birgit Hein, lange Zeit Filmprofessorin an der HbK Braunschweig und eine der berühmtesten Experimentalfilmerinnen Deutschlands.
Lange vor Phrasen wie 50 is the new 30 war das Thema ältere Frauen und Sexualität immer noch erstaunlich tabu, und es steht zu befürchten, dass es heute, trotz aller Trendiness, nicht viel weniger anstößig ist – selbst wenn Filme wie Babygirl (USA 2024) in diese Richtung weiter vorstoßen.

Laurent Cantets Vers le Sud (F 2005) oder Ulrich Seidls Paradies: Liebe (A 2012) griffen das Thema „weiblicher Sextourismus mit einer Vorliebe für schwarze, junge Männer“ auf, in Seidls Fall sehr denunziatorisch. Heins viel früher entstandener Beitrag weicht von diesen Filmen radikal ab. Ihr Film ist weder ein Spielfilm noch ein klassischer Dokumentarfilm. Stattdessen exponiert sie sich ungeschützt autobiografisch mit einer Art Filmtagebuch, in dem sie politisch völlig inkorrekt ihre Lust auf schwarze Körper zeigt – und, sehr intensiv, ihr Leiden an repressiven, sexuellen (deutschen) Verhältnissen.
Ein schneidender und weher Ton. Beschränkte Abenteuer.
Hein entscheidet sich mit 50 Jahren zu einer Reise nach Jamaika, ihre High 8 Kamera im Gepäck. Sie bewegt sich im tropischen Land als allein reisende Frau auf unsicherem und unbekanntem Terrain. Die Kontaktfreudigkeit der Männer macht es ihr indes leicht, sich auf verschiedene Abenteuer einzulassen.

Einem bebildernden Realismus verweigert sie sich mit dem mehrfach umkopiertem Videomaterial, das in seiner Brüchigkeit dem Gegenstand entspricht und eine ephemere Schönheit entfaltet. Zu einer Erzählstimme, die das zu Schildernde schonungslos offenlegt und ein an gesellschaftlichen Verhältnissen leidendes Ich ohne jegliche Larmoyanz der Öffentlichkeit preisgibt, gesellen sich Bilder, die die Zärtlichkeit haben, von der die Autorin spricht, die die Wehmut in sich tragen, von der sie selbst betroffen ist. Sie sind gleichzeitig Zeugen und poetischer Ausdruck der Beschränkung, die dem Abenteuer nicht nur technisch auferlegt ist. Spärlicher Originalton kontrastiert mit elektronischer Musik, die von einem deutlichen Sehnsuchts-Leitmotiv bestimmt ist: Ein schneidender und weher Ton unterliegt den ersten Bildern, in denen die äußere Bewegung einer Zugfahrt durch eine Winterlandschaft mit dem inneren Aufbruch und Aufruhr der Reisenden korrespondiert und die karge Kahlheit für ihre emotionale Befindlichkeit steht.
Freundlich eingefädelter One-Night-Stand. Ficken mit unerhörter Körperkraft und Heftigkeit
Ein Umschnitt führt abrupt in dichtes, sattes Grün. Jamaika: Strand, Sonne, Hotelzimmer, Strassenkreuzungen mit lässigen Körpern, gelbe Straßenlaternen, streunende Hunde. Den Schnitt vom Weiß des winterlichen Schnees zum weißen Dampf eines feuchten Urwaldnebels kommentiert die Voice-Over Stimme der Filmemacherin: »Seit Ewigkeit allein, ewig keinen Sex, wie soll dieses Leben bloß weiter geh‘n?“

In Jamaika kann sie „selbst aktiv werden und bestimmen“. Hein liegt gedankenverloren auf dem Bett ihres kargen Hotelzimmers am ersten Abend ihrer Ankunft. Der Blick nach draußen auf einzelne schwarze Männer wird gekoppelt an Aufnahmen von Fischen unter Wasser, die sich sanft gleitend, traumartig bewegen. Bewegungen in einem fremden Land, das noch ganz unwirklich anmutet: Obwohl sie später sagen wird, dass Sprache immer mehr an Bedeutung verliert, ermöglicht Sprache doch den ersten Schritt und führt zu einem freundlich eingefädelten, gut organisierten one-night-stand: „Wir ficken mit einer unerhörten Körperkraft und Heftigkeit, ich bin durchbohrt, durchstoßen, durchgeknetet.“ Diese rohe, vulgäre Sprache traf im Publikum auf großen Widerstand, obwohl sie sich mit zarten Bildern verbindet, die viel weniger explizit sind.
Verdrängung und Unbehagen

Die gesellschaftlichen Missstände, die soziale Hierarchie zwischen gut dotierter, weißer Filmemacherin und armen, schwarzen Männern im besuchten Land wird von Hein nicht thematisiert. Ebenso wenig werden schwarze Frauen berücksichtigt. Objekt der Begierde und des Interesses sind ausschließlich die schwarzen Männer, womit der Film automatisch skandalös wird. Die Verweigerung der Kritik und Reflexion gegenüber den größeren Zusammenhängen ist dem Ausbruchsmoment geschuldet, der unglücklich drängenden Energie, die die Reise und den Film motivierte. Die ideologisch fragwürdige Freiheit, die sie sich nimmt, stellt die Folge der vorausgegangenen langen Selbstbeschränkung und -beherrschung dar. Auch die filmische Form möchte eher Feier einer wiedergewonnenen Sinnlichkeit und Bewegungsfreiheit sein als politisch und historisch reflektierte Analyse. Der Film hat sich für absolute Einseitigkeit entschieden - radikale Subjektivität.
Nur dem eindringlichen Soundtrack gelingt eine Art Cross-Over: ein geografischer Ringschluss von Köln, Kingston, London und New York. Er ist insofern Träger eines reflektiv-kritischen wie gleichzeitig utopischen Moments. Das musikalische Sehnsuchtsmotiv, das den Film bestimmt, steigert sich zu einer mitunter nostalgischen Intensität, die sich aus Verbindungen zu Ambient, TripHop und Trance speist. In einer synkretischen Durchmischung afro-karibisch, afro-britisch und afro-amerikanischer Elemente werden „Deutschland“ und „Jamaika“ in einer ‚Erkaltung‘ der karibischen Rhythmen zusammengebracht. Wären die einstigen Rhythmen des Dub oder Reggae zitiert worden, wäre eine Illustrierung entstanden, die Birgit Hein und die Gruppe POL vermeiden wollten.

In manchen Bildern des Zerfalls, der Verwesung, aasfressender Hunde vermittelt der Film eine Ungemütlichkeit und Unheimlichkeit, in der sich das Unbehagen der Filmemacherin an etwas Unausgedrücktem und Verdrängtem widerzuspiegeln scheint. Während sich das Unbehagen und der Unmut mancher Zuschauer*innen genau auf das bezog, was ausgedrückt und nicht verdrängt wird: das aktive, sexuelle Begehren einer ‚älteren‘ Frau. Es in seiner Gebrochenheit, Entschlossenheit, Genussfähigkeit wie Konflikthaftigkeit ausgestellt zu haben, ist das poetische wie radikale Verdienst dieses schönen Films.
Zu sehen am 22.3. bei der Diagonale in Graz.
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