Allegro Pastell – Kritik

Hippes Sprachmaterial, attraktive Körper und gleitende, machmal allzu illustrative Bilder. Anna Rollers Allegro Pastell ist so offensiv zeitgeistig wie die Romanvorlage von Leif Randt – und wirkt doch wie aus ferner Vergangenheit.

Marian, die Hauptfigur in Leif Randts jüngstem Roman „Let’s Talk About Feelings“, bewundert jede Person, die bei einem Film mitgewirkt hat, der am Ende nicht peinlich wurde. Mit Allegro Pastell legt Regisseurin Anna Roller nun einen Film vor, der auf Randts Durchbruchsroman von 2020 basiert und für den dieser selbst das Drehbuch geschrieben hat. Würde Marian, die Figur aus der Feder des Romanautors Randt, den Drehbuchautoren Randt bewundern? Oder ganz stumpf gefragt: Wie peinlich ist Allegro Pastell?

Die kurze Antwort: Nicht allzu peinlich eigentlich. Dabei ist das gar nicht so selbstverständlich. Gerade einer sattelfest in den ausgehenden Zehnerjahren verorteten Erzählung, die von der Literaturkritik seinerzeit mit schillernden Feuilletonismen wie „Gegenwart“, „Zeitgeist“ und „Generationenporträt“ geadelt wurde, ist womöglich eine kurze Halbwertszeit beschieden. Dass „Allegro Pastell“ unmittelbar vor dem ersten Lockdown erschienen ist, war der Popularität des Buches sicher nicht abträglich. Die schöne, aber nicht existenzielle Fernbeziehung zwischen der in Berlin-Neukölln lebenden Erfolgsautorin Tanja Arnheim (im Film gespielt von Sylvaine Faligant) und dem Webdesigner Jerome Daimler (im Film: Jannis Niewöhner), der einen unterkellerten Bungalow in Maintal bei Frankfurt bewohnt, von der „Allegro Pastell“ im Kern erzählt, filetierte schließlich genau jene zwischenmenschlichen Nähe-Distanz-Verhältnisse, noch dazu unter Digitalisierungsbedingungen, die in den Monaten des Lockdowns gesamtgesellschaftlich virulent wurden.

Vor allem aber war plötzlich viel Zeit da, um über sich selbst nachzudenken, was für viele Menschen belastend war, für die Romanfiguren Tanja und Jerome hingegen unerlässlich ist, um den angestrebten „Zustand distanziert lebensbejahender Zugewandtheit“ zu konservieren, den andere schlicht „Glück“ nennen. Bedroht wird dieser Zustand eigentlich nur von der Möglichkeit, die Kontrolle abzugeben, indem man sich zu fest an andere bindet. Dass Jerome an einem Entwurf für Tanjas persönliche Website arbeitet – ihm schwebt eine Mischung aus „hermetisch geschlossen und flexibel verspielt“ vor –, ist insofern besonders heikel, steckt darin doch ein veritables love commitment; schließlich geht es darum, eine Oberfläche mit Selbst- und Fremdbild in Einklang zu bringen, es geht also ums Ganze.

Das richtige Maß von Empathie und Persiflage

Las man Randts Roman im März 2020, bekam man eine Erzählung aus der soeben zu Ende gegangen Dekade präsentiert, deren Figuren eine Gegenwart lebten, die zwar kaum vorbei – die Romanhandlung erstreckt sich vom Frühjahr 2018 („Phase Eins“), über die zweite Jahreshälfte 2018 („Phase Zwei“) bis zum Sommer 2019 („Phase Neu“) – und doch unendlich fern schien. Die Selbstergriffenheit bei der Lektüre angesichts der dahinfließenden Zeit ist in den Figuren angelegt; sie beanspruchen eine auktoriale Sicht auf die eigenen Gefühle und Wahrnehmungen, verfügen über ein souveränes Gespür über die Zeitläufte und ahnen, wie man am elegantesten durch sie hindurchnavigiert. Ein Junitag ist in „Allegro Pastell“ nicht einfach warm, sondern einer der wärmsten Junitage der Zehnerjahre. „Zeitläufte“ wäre in „Allegro Pastell“ übrigens ein Wort, das einen Einschub nach sich zöge, in dem selbstironisch abgewogen würde, ob es für den eigenen Duktus zu verschroben oder genau dieser Verschrobenheit wegen charmant und passend wäre.

Im Modus permanenter Reflexion denken nicht nur die Figuren über Selbst- und Weltverhältnisse nach, auch die Erzählinstanz sucht gegenüber der erzählten Welt das richtige Maß aus Empathie und Persiflage – und findet es, so wie auch Tanja und Jerome ihre jeweiligen Bedürfnisse auf traumwandlerische, fast schon gruselige Weise austarieren. Tanja definiert ihre Beziehung in drei zyklisch verlaufenden Phasen: „Erstens im Ausleben physischer Nähe während der gegenseitigen Besuche. Zweitens im intensiven Dialog aus der Ferne. Und drittens in der gespannten Erwartung der neuerlich anberaumten Nähe.“

Auf Distanz zur Gegenwart

Zwischen Buchveröffentlichung und Filmpremiere liegen sechs Jahre, die es globalpolitisch durchaus in sich hatten, Stichwort Vibe Shift. Mit Randt gesprochen: Das von der Gesellschaft ausgehende „Belastungsmoment“ ist tendenziell größer geworden. Auch die Gegenwart von damals ist nicht jünger geworden. Dazu muss sich Rollers Film nicht verhalten; eine Aktualisierung der Handlung für das Zeitalter nach der Zeitwende wäre schlechterdings absurd, zumal das Figurenpersonal in politischen Dingen ohnehin keine Haltung, höchstens Zurückhaltung kultiviert, weil Politik für sie in kein fruchtbares Resonanzverhältnis zu den Lifestyle-Distinktionen zu bringen ist – außer man nennt seinen Hund Bernie Sanders.

Indem der Film nah am Buch ist, geht er auf Distanz zur Gegenwart des Kinopublikums, was nicht zwingend schlecht ist – nur Tanja, die im Buch dreißig wird, ist im Film aus unerfindlichen Gründen schon ein paar Jahre älter, als wäre allein sie in unsere Gegenwart hinübergealtert. Vielleicht ist diese leichte Verschiebung symptomatisch. In der allegro-pastelligen Welt misst man vergangene Zeit am besten an den wechselnden Alternativen zur U-Bahn. Manche mag beim Gedanken an den „digitalen Rufbus BerlKönig“, wie es auf der definitiv nicht von Jerome Daimler entworfenen Website der BVG heißt, eine heiße Welle der Wehmut umspülen, für eine Zeit, als Uber in Berlin noch kein Ding war und die Berlinale-Spielstätte „Uber Eats Music Hall“ noch den Traditionsnamen „Verti Music Hall“ trug. Allerdings müsste dann die Frage erlaubt sein, ob das noch Wehmut oder schon Nostalgie ist. Laut Jerome Daimler liegt in diesem feinen Unterschied nämlich ein politisches Moment: Während Wehmut ein „Eingeständnis von Schwäche und Schutzbedürftigkeit“ sei, verberge sich in der Nostalgie die „selbstgerechte und meist stolze Glorifizierung einer Vergangenheit.“

Keine Liebesgeschichte, sondern eine Lovestory

Wenn alles aus dem Buch im Film noch irgendwie da sein soll, stellt sich die Frage nach diesem Irgendwie bzw. danach, wie der Wechsel des Mediums mit der Form des Textes umspringt. Herausfordernd ist für einen Spielfilm zunächst, dass Jerome und Tanja, selbst im „Ausleben physischer Nähe“, selten direkt miteinander sprechen. Das liegt zum einen an den bereits erwähnten Reflexionsschleifen, die durchaus mal von gesprochenen Sätzen ausgehen und auch wieder in ihnen enden. Aber erst die zwischen den Dialogzeilen ausgebreiteten Beweggründe hinter den Sätzen verleihen ihnen ihre zeitgeistige Präzision. Was das Arrangement des hippen, post-therapeutischen Sprachmaterials angeht, steht der Film dem Buch in nichts nach. Allegro Pastell ist keine Liebesgeschichte, sondern eine Lovestory. Man ist „diffus sauer“ oder „krass nervös“, man echauffiert sich halbironisch über „queere Dads in überteuerten Schuhen.“

Weil Tanja und Jerome im Telefonieren wenig Talent haben, schreiben sie sich ganz bewusst wohlformulierte E-Mails und kürzere, Spontaneität versprühende Textnachrichten (etwa zwecks Rauschprotokoll) via Telegram oder iMessage – oft mit einem Emoji zu viel, wie das Millennials häufig tun. Beide Kommunikationsformen entspringen einem Kurationsbedürfnis und strukturieren Passagen des Romans in E-Mail- und Chatverläufe. Um das zu transponieren, muss der Film verdichten und bedient sich dafür über weite Strecken des Voice-Overs, was nur pragmatisch ist. Es hat aber auch den Effekt, dass über eigentlich frische Bilder einschlägiger Kreuzköllner Orte ein Schrifttext gesprochen wird, der die Bilder mit einem Gemächlichkeitspathos auflädt und so illustrativer wirken lässt, als sie eigentlich sind.

Attraktive Körper im Behaglichkeitskokon

Die größte Herausforderung für eine Fernbeziehung ist bekanntermaßen die Ferne. Wenn „der intensive Dialog aus der Ferne“ (als verlesene E-Mail) mit dem „Ausleben physischer Nähe“ (im Bett eines anderen) über Ton und Bild enggeführt wird, merkt man das deutlich. Die Wiederbegegnung von Tanja und Jerome auf einer unprätentiösen Hochzeit in der südhessischen Provinz – das Catering kommt von niemand geringerem als dem „mit Abstand besten Thai-Vietnamesen Erfurts“ – bekommt die Gleichzeitigkeit der Ereignisse auch gut in Bilder verdichtet. In diesen Momenten findet der Film eine angemessene Entsprechung für die gleitenden Phasen der Erzählung bzw. für die entgleitenden Momente der Beziehung. Auch schön ist die visuelle Einflechtung von Jeromes Langzeitprojekt, einer Website, deren Oberfläche sich am Inneren einer Lavalampe orientiert und als „kommunikativer Rückzugsort“ für „zeitgenössische Spiritualität“ dienen soll. Das Gleiten der Lavablasen entspricht dem Lebensgefühl im Behaglichkeitskokon, den Roller und Randt um ihre Figuren spinnen.

Dazu gehören nicht zuletzt konkrete Orte, deren Oberflächen von der Kamera in einer stimmigen Mischung aus allegro und pastell abgetastet werden. Hier die Hasenheide, dort die Frankfurter Skyline am Horizont des Naturschutzgebiets Hartig. Hier der Kaplan Döner auf der Potsdamer Straße, dort die untergehende Sonne über der Bornheimer Optiker-Filiale. Hier die mint- oder vielleicht doch pastellgrünen Details im U-Bahnhof Kurfürstenstraße, dort der Frakturschriftzug einer gewissen "Zeitung für Deutschland" über der Wiedersehensumarmung am Frankfurter Kopfbahnhof. Wiederkehrendes Motiv in Buch und Film ist außerdem der Sex, der für Jerome selbst dann für gut befunden wird, wenn er eigentlich nur okay war, aber ein Versprechen in sich trug. Jedenfalls stöhnen und schwitzen sich in Allegro Pastell ziemlich attraktive Körper in wechselnden Paarkonstellationen durch Maintaler, Berliner und Lissaboner Betten.

Die attraktiven Körper sind stimmig gecastet. Jannis Niewöhner sieht in etwa so aus (empathisch, eitel, trendy) und spricht genauso, wie man es von einem Mittdreißiger namens Jerome Daimler erwarten muss. In Lissabon trägt Jerome die weiteste Hemden der Zehnerjahre. Sylvaine Faligant bewegt sich in Sport-BH und Badmintonschuhen mit jener Selbstverständlichkeit durch szenige Clubs, die eine Figur wie Tanja Arnheim verdient hat. Dass mit Faligants feinem französischen Akzent eine kosmopolitische Nuancierung in den Film Eingang findet, unterstreicht Tanjas entrückte Erscheinung; ihre Gesichtszüge werden in „Allegro Pastell“ als „apart“ beschrieben – allerdings nicht von der Erzählinstanz, sondern in Rezensionen zu Tanjas Buch. Auf diffuse Weise macht diese über Bande gespielte Figurenzeichnung das Gesamtkunstwerk Tanja Arnheim plastischer. Die reflexiven Verschiebungen, die das Buch auszeichnen, gelingen im Film seltener. Dennoch versucht Allegro Pastell nicht nur Literaturverfilmung, sondern Film zu sein, kommt dabei aber „nie ganz zu sich“, wie Jerome und Tanja sagen würden. Das ist nicht peinlich, aber ein bisschen schade.

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