A Prayer for the Dying – Kritik

Berlinale 2026 – Perspectives: In Dara Van Dusens Western über eine Epidemie in einem Dorf steckt noch spürbar der Schock der Coronakrise. Das Debüt A Prayer for the Dying ruft mulmige Gefühle hervor, wird aber weder Maßnahmenbefürworter noch Maßnahmengegner brüskieren. 

Kontrollzwang und Kontrollverlust – eine Mischung, die aus der Hölle in die Hölle führt. Mit diesem Gedanken jedenfalls verlässt man das Kino nach A Prayer for the Dying, dem Debütfilm der in New York geborenen, in Oslo arbeitenden Filmemacherin Dara Van Dusen. Dass den oft klaren, durchkomponierten Bildern sowie den mathematisch exakt ausgezirkelten Fahrten und Schwenks immer auch etwas Überkontrolliertes anhaftet, selbst dann, wenn der Film sich zum Ende hin buchstäblich zum Inferno ausweitet, tut ihm dabei nicht immer gut.

Wie ein Filmset im Werden

1870, Wisconsin. Das kleine, idyllisch gelegene Dörfchen Friendship ist im Aufbau, wirkt hier und da noch geradezu improvisiert, wie ein Filmset im Werden – viel mehr als ein Dorfplatz ist das hier noch nicht. Die Schar an Einwohnern ist rasch gezählt. Aber so selbstbewusst, wie der Gemischtwarenladen bereits in großen Buchstaben „Groceries“ an der Fassade stehen hat, wird hier auf die Zukunft, auf das Versprechen der Zivilisation gebaut. Und es gibt in diesem Ort im Werden bereits Spezialistentum: Ein Arzt (John C. Reilly, den man viel zu lange nicht mehr gesehen hat) ist schon ansässig, und der Bürgerkriegsveteran Jacob Hansen (Johnny Flynn) ist eine Art ungewählter Bürgermeister, ein Kümmerer, der am Sonntag auch die Predigt liest.

Mit dem Werden hat es sich aber, als in einem nahen Wäldchen eine Leiche gefunden wird. Die Warnung des Arztes, dem die Leiche auf den Boden gelegt wird, sie wegzuschaffen, danach nichts mehr zu berühren und die Hände sofort zu reinigen, kommt hellsichtig, aber doch zu spät. Wie in Zeitlupe breitet sich die Epidemie aus: Maßnahmen werden getroffen oder auch nicht. Maßnahmen werden befolgt oder auch nicht – eine Quarantäne will der Arzt vorerst nicht ausrufen. Aus Angst vor Panik und dem gegenteiligen Effekt: Dass die Menschen fliehen und den Erreger ins Land tragen könnten.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Hansen, der eine düstere Geschichte aus dem Bürgerkrieg im Gepäck trägt, ein Traumatisierter, der Leute nicht gehen lassen kann, der Lagen bewältigen, Menschen retten will – dies umso mehr, je mehr ihm die Lage und die Menschen aus den Händen gleiten.

Blick durch ein gut geputztes Fenster

Van Dusen zeigt den Kontrollverlust als Zeitlupendrama in oft skulptural anmutenden Bildern, denen die fürs Westernkino oft typische Nostalgie – nach den alten Zeiten oder auch nur nach dem Genre – gründlich ausgetrieben wurde: Die Digitalbilder sind präsentisch, nicht patiniert – wir schauen nicht durch die Filmgeschichte auf das Geschehen, sondern geradezu wie durch ein gut geputztes Fenster. Immer wieder fährt die Kamera Fenster an, strukturiert das äußere Geschehen durch die Aufteilung der Fensterflächen. Zu dieser eher kühlen Betrachtungsweise passt auch die Bewegungsweise der Kamera, die keine Menschenhand zittern lässt. Jeder Schwenk zeigt absolute Maschinenpräzision.

Dass in A Prayer for the Dying noch der Schock der Coronapandemie steckt (und vielleicht auch das Nachspiel, bei dem sich radikalisierte unversöhnliche Milieus gegenüberstehen und Gewalt sich Bahn bricht), liegt auf der Hand. Wenn die Kamera einen Wattepfropfen mit Blut im Zoom anvisiert oder sich ein weinender Sohn an die Hand der sterbenden Mutter schmiegt – stets liegt dem Film eine sanft getriggerte Paranoia zugrunde.

Bemerkenswert jedenfalls, wie leicht A Prayer for the Dying noch mulmige Gefühle und Unsicherheiten von damals erneut in Erinnerung ruft. Wobei er sich dabei nicht eindeutig auf eine Seite schlägt. Weder einstige Maßnahmenbefürworter noch Maßnahmengegner werden aus diesem Film brüskiert herausgehen (zumindest solange sie im jeweiligen Segment nicht zu den Radikalinskis zählten).

Über weite Strecken überkontrolliert

Die Strenge und Konsequenz, mit der Van Dusen inszeniert, ist durchaus beeindruckend. Allerdings leidet ihr Film auch ein bisschen an der Debütkrankheit: Beim ersten Langfilm soll möglichst alles genutzt werden, was man sich draufgepackt hat, um zu zeigen, dass man’s kann, und wer weiß, wann sich nochmal die Möglichkeit dazu bietet. So wirkt A Prayer for the Dying selbst über weite Strecken überkontrolliert, und einzelne Sequenzen gewinnen Showreel-Charakter. Auch zum Ende hin, wenn ein Waldbrand, der sich im Laufe des Films immer näher an das Dörfchen heranfräst, schließlich die Überhand gewinnt, wenn die ganze Erzählwelt in Flammen steht und Hansens Traumata final aufbrechen, wird aus dem Film kein Acid-Western (auch wenn er so aussieht), sondern er behält, bei aller Wucht der Bilder, die Kontrolle über sich – und vielleicht final dann doch zu sehr.

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