Fantoche 2015: Sehtagebuch (1)

Strampelnde Zuschauer, Metamorphosen des Verliebtseins und die vorerst letzte Animation aus dem Studio Ghibli: Notizen vom 13. Internationalen Festival für Animationsfilm in Baden.

Vom 1. bis zum 6. September verwandelt sich das kleine Örtchen Baden in der Schweiz zum Zentrum für nationale und internationale Animationskultur. Das Fantoche mag es 2015 partizipativ und multimedial. Animation gibt es nicht nur in Kurz- und Langfilmen auf der Leinwand, sondern auch in Form der 360-Grad-Panorama-Installation Februar von Maarten Isaäk oder als audiovisuelle Installation Am Rande der Zeit von Lukas Thiele, in der das Prinzip des Zoetrops (aka Wundertrommel) mit Figuren aus einem 3D-Drucker kombiniert wird. Zum 20-jährigen Bestehen des Festivals hat man sich zusammen mit der Stadt Baden einiges einfallen lassen. Auf dem Bahnhofplatz gibt es jeden Abend das kostenlose Open-Air-Velo-Kino, bei dem die Zuschauer mit eigener Muskelkraft auf 13 Fahrrädern den Filmprojektor antreiben, um Radel-Klassiker wie Das große Rennen von Belleville (Les Triplettes de Belleville, 2003) auf die Leinwand zu bringen. Außerdem wurde das interaktive Alternate-Reality-Game X-Giranimation ins Leben gerufen. Sozusagen eine virtuelle Schnitzeljagd durch Baden, bei der man sich zu Fuß auf die Suche nach Giraffen begibt, die Animationsfilmen entlaufen sind, und versucht, diese mittels eines Smartphones und des passenden Codes wieder einzufangen. Neben einer Ausstellung historischer Animationsgeräte zieht abends eine Laterna magica durch die Stadt, bei der man authentische filmhistorische Projektionsbedienungen rezipieren kann.

Cheatin’ (Regie: Bill Plympton)

Cheatin

Liebe und Hass liegen nah beieinander. Das zeigt der handgezeichnete Film Cheatin’ des US-Amerikaners Bill Plympton mit extremer, teilweise verstörender Bebilderung der Gefühlszustände seiner beiden Figuren Ella und Jack. Sie verlieben sich klassisch: Die unnahbare Schöne wird vom Muskelprotz aus einer brenzligen Lage beim Autoscooter am Jahrmarkt gerettet. Das Ganze ist ordentlich sexuell aufgeladen. Eines der vielen Phallussymbole ist die Penisnase des Mannes. Die Figuren sind generell verfremdet. In die Länge gestreckt wirken sie verzerrt und wie Karikaturen der Geschlechter. Plymptons Zeichenstil macht sich durch sichtbare Striche und teilweise grobe Schraffur kenntlich. Dabei geht es ihm mehr um die Physiognomie als um Mimik: Frauen mit großen Brüsten und Wespentaille, Männer mit schmalem Torso, sechsteiligem Waschbrettbauch und gestählten Armmuskeln. Dementsprechend klischeebeladen ist auch die Narration, denn Verlieben ist hier rein körperlich und wird – stets ohne Dialog – zu animalischen Urlauten animiert, was teilweise wie die Geschichte von Tarzan und Jane anmutet. Diese Eindimensionalität wird jedoch durch die vielfältige Illustration der Emotionen wieder ausgeglichen. In fließenden Metamorphosen wird das Verliebtsein in aneinandergereihten Szenen aus dem Kanon weltweiter Liebesgeschichten sichtbar gemacht. In Stadien der Eifersucht werden schon mal die gängigen Tötungsfantasien von Vergiften bis Vor-den-Zug-werfen durchdekliniert. Der visuell facettenreich umgesetzte Strudel der Leidenschaften zieht auf jeden Fall in seinen Bann, und Freud hätte seinen Spaß an der Deutung der (Tag-)träume beider Figuren.

When Marnie Was There (Regie: Hiromasa Yonebayashi)

When Marnie Was Here

Viel weniger markant als in Cheatin’, aber mit mindestens genauso viel Wiedererkennungswert kommt die Ästhetik von When Marnie Was There daher. Hier ist alles mit Liebe zum Detail ausgearbeitet, die Oberflächen wirken glatt, die Farben satt. Als vorerst letzte Animation des Studio Ghibli, das erst kürzlich seinen Rückzug aus der Filmproduktion ankündigte, liefert Regisseur Hiromasa Yonebayashi einen altbewährten Stoff. Ein Kind in Not erhält (emotionale) Unterstützung aus dem Reich der Fantastik. Anna, ein leicht jungenhaftes, introvertiertes Pflegekind, verbringt den Sommer aufgrund ihres Asthmas auf dem Land. In ihrer Einsamkeit ist es nicht wie in Mein Nachbar Totoro (1988) ein Waldgeist, der ihr Trost spendet, sondern das blonde Mädchen Marnie, das im märchenhaften Schloss direkt am Moor wohnt. Die übernatürliche Freundin wird zur Helferin auf der Entdeckungsreise zu Herkunft und Identität. Auch ästhetisch knüpft When Marnie Was There problemlos an die Qualität vorangegangener Animationen an. Die Gezeiten oder Elemente wie Wasser spielen auch bei den großen Filmen von Hayao Miyazaki eine entscheidende Rolle. Selten wurde im Wind wehendes Gras oder Haar so kraftvoll und detailversessen animiert wie vom Studio Ghibli. Eine zutiefst berührende Geschichte für Liebhaber der Ghibli-Ästhetik.

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