Kein Raum mehr für Perverse

Bruce LaBruce über die Kinos seiner Jugend und moderne Kommerzpaläste

Als „King of gay porn“ ist Bruce LaBruce vor allem für seine provokativen Filme wie Hustler White (1996) oder The Raspberry Reich (2004) bekannt geworden. Diesen Monat ist die DVD seines letzten Films Otto; or, up with Dead People (2008) erschienen. Im Interview mit critic.de erinnert sich der kanadische Filmemacher an seine ersten Kinoerlebnisse und fragt sich, wo das schlüpfrige Geheimnis der Kinosäle geblieben ist.

Bruce LaBruce im Interview

Sie sind in der kanadischen Provinz auf einem Bauerhof aufgewachsen. Wie entdeckten sie das Kino?

Meine Eltern waren große Filmfreaks, und sie haben uns Kinder im Sommer jedes Wochenende mit ins Autokino genommen, das in der Nähe unserer Farm war. Ich erinnere mich sehr genau, dass es eigentlich viel mehr um die bloße Erfahrung ging, in dieses Autokino zu fahren, als um den Film, den wir dann dort ansahen. Zumal meine Eltern uns in Filme mitgenommen haben, die für uns Kinder alles andere als verständlich waren. Das war in den 60ern, und da gab es teilweise wirklich heftige B-Horror-Movies, die wir besser nicht hätten sehen sollen. Ich erinnere mich an ziemlich traumatisierende Filme wie Rasputin – Der wahnsinnige Mönch [Rasputine the Mad Monk, 1966] oder Catacombs – Im Netz des Dunkeln [The Woman Who Wouldn’t Die, 1964]. Natürlich haben wir Kids kaum verstehen können, was wir da sahen. Aber trotzdem haben mich diese erschütternden Streifen geprägt.

Ganz offensichtlich – sie gelten unter Kritikern und Filmemachern als „Perverser“ ...

Bruce LaBruce am Set von Otto; Or, Up With Dead People

Das stimmt. Aber das macht mir auch nichts aus. Im Gegenteil: Ich finde sogar, dass es ein Kompliment ist! Freud definiert die Perversion über den ausbleibenden Geschlechtsverkehr. Das heißt, jegliche vermeintlich sexuelle Handlung ohne den wahrhaftigen Vollzug von Geschlechtsverkehr ist eigentlich „pervers“. Also zum Beispiel auch ein Kuss. Insofern sind wir natürlich alle pervers. Der Begriff „Perversion“ an sich ist für mich keineswegs negativ besetzt. Ich würde eher sagen, dass es gute und schlechte Perverse gib. Denn abgesehen von Freuds Definition benutzen die Menschen diesen Begriff ja, um von der Norm abweichende sexuelle Handlungen zu bezeichnen. Und natürlich beschäftige ich mich genau damit: mit sexuellen Abweichungen, Perversionen, Fetischen. Das interessiert mich einfach.

Um der Provokation willen?

Nicht nur. Mir ist es immer auch wichtig, eine Geschichte zu erzählen. In meinem Film Hustler White (1996) zum Beispiel gibt es eine Figur, die darauf steht, von Amputierten und ihren verkümmerten Extremitäten penetriert zu werden. Mir reicht es aber nicht, solche Perversionen nur zu zeigen. Das wäre pornografisch. Es geht mir schon auch immer um die Figuren und ihre Gefühle. Denn Gefühle sind ebenso menschlich wie Perversionen. Auch wenn die wenigsten Menschen so über Perversionen zu denken wagen.

Bruce LaBruce am Set von Otto; or, up with Dead People

Sind Pasolini und Buñuel in dieser Hinsicht Vorbilder für Sie?

Vor allem Buñuel! Er ist der Meister eines perversen Kinos. Ihm ging es in erster Linie darum, Perversionen zu erklären und dem Publikum nahezubringen, was da vor sich geht. Und er versuchte immer wieder, für die Zuschauer das auf die Leinwand zu bringen, was sich in ihrem Unbewussten abspielt. Und damit hat er ja die Hauptfunktion des Kinos definiert: Es geht im Kino nicht darum, Dinge zu ertragen, sondern vor allem darum, Dinge zu verstehen. Heute gibt es das leider immer weniger. Im Falle von Pasolini und Buñuel steht die teilweise extreme und brutale Bildsprache ganz im Dienste der Kunst. Aber heute geht es eher darum, mit krassen Bildern zu schockieren oder billig zu befriedigen.

Ist das Kino ein perverser Ort?

Bruce LaBruce am Set von Otto; Or, Up With Dead People

Das Kino war der perverse Ort schlechthin! Ich meine, das Kino war in seinen Anfängen nichts anderes als ein Dark Room. Da wurde geknutscht und da spielte sich Sex ab. Und auch der erste schwule Sex in einer verborgenen Öffentlichkeit spielte sich in heterosexuellen Pornokinos ab. Insofern hatte das Kino ursprünglich unter anderem die Funktion, öffentlicher Ort für Sex zu sein. Das ist heute natürlich nicht mehr so. Heute ist das Kino ein ziemlich klinischer, glatter Ort. Genauso wie die Filme, die es dort zu sehen gibt. Ich meine, selbst Filme wie Freitag der 13. [Friday the 13th, 2009], die eigentlich B-Movies sein sollten, sind heute Hochglanzproduktionen mit enormen Budgets. Insofern hat das Kino für mich seinen ursprünglichen Reiz des Heimlichen und Versteckten verloren. Die Kinolandschaft ist für meinen Geschmack viel zu kontrolliert und abhängig von großen Unternehmern. Da gibt es einfach keinen Raum mehr für Perverse.

Was genau vermissen Sie?

Das ist schon sehr enttäuschend und ungesund! Früher bin ich sehr gerne in diese schmuddeligen Hinterhofkinos gegangen, um die frühen Filme von Wes Craven oder Sam Raimi zu sehen. Tanz der Teufel [The Evil Dead, 1981] zum Beispiel war eine totale Low-Budget-Produktion. Diese Filme liefen einfach nur in wenigen Kinos, und es gehörte quasi zur Erfahrung dazu, dass sie nicht an den Litfasssäulen angepriesen waren, sondern dass man sie mit vorgehaltener Hand empfohlen bekam und sie sich an einem mehr oder weniger geheimen Ort ansah. Und dieser Umstand war natürlich für solche Filme genau angemessen. Heute ist das undenkbar. Die moderne Unterhaltungsindustrie hat sich damit abgefunden, den Tod am laufenden Meter zu verkaufen.

Bruce LaBruce im Interview

Droht dem Kino eine Entzauberung?

Ja, natürlich! Die moderne Kino-Erfahrung heißt 3-D oder IMAX und hat Soundsysteme, die dem Zuschauer die Ohren wegblasen. Aber ich finde, dass genau diese neuen Methoden dem Kino seine Mystik rauben. Das gesamte Kino-Erlebnis ist heute von vorne bis hinten kontrolliert und auf den Zuschauer zugeschnitten. Und dadurch gibt es keine wirkliche Auseinandersetzung oder Teilhabe mehr am Geschehen. Ich finde das Kino leider nicht mehr so pervers, wie es einmal war.

Weiterführender Link:

Video-Interview auf cine-fils.com

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