„Diese Energie, die das Leben selbst erhellt“

Interview mit Elfi Mikesch

Elfi Mikesch über Werner Schroeter, über Licht und Tod und ihr Filmporträt Mondo Lux – Die Bilderwelten des Werner Schroeter.

elfimikesch

Am 12. April 2010 ist Werner Schroeter gestorben. Ein Jahr darauf erscheinen seine Fragment gebliebene Autobiografie „Tage im Dämmer, Nächte im Rausch“ und Elfi Mikeschs Dokumentarfilm über den großen Poeten des Neuen Deutschen Films. Vier Filme hat Mikesch als Kamerafrau für Werner Schroeter gedreht, darunter Der Rosenkönig (1986) mit Magdalena Montezuma und Malina (1991) mit Isabelle Huppert. Ihr Porträt Mondo Lux ist ein guter Anlass, den unverwechselbaren Künstler und Menschen Werner Schroeter neu in den Blick zu nehmen.

critic.de: Wenn Sie die Kamera bei so jemandem wie Werner Schroeter führen, der viel Leidenschaft für große Gefühle und oft rätselhafte Bilder hat, dann muss das doch auch Ihnen selbst entsprechen?

Elfi Mikesch: Es ist wichtig zu wissen, dass wir aus einer bestimmten Zeit kommen, wo sehr stark auf verschiedenen Ebenen experimentiert wurde. Ob das Fotografie war, in der Musik, am Theater und natürlich im Film. Von 1965 bis zur Mitte der 1970er Jahre gab es in Deutschland einen Aufbruch. Werner Schroeter sagte damals: Ich möchte andere Filme machen! Filme, die mir gefallen. Also ist die Frage: Was hat ihm gefallen – oder eben nicht gefallen! Bei ihm gibt es eine Neugier, das Leben auch von der ganz anderen Seite zu sehen als in ausgefahrenen Mustern, die nichts mehr erzählen. Dieser Aufbruch in eine neue Sicht, in neue Blicke, das hat Werner Schroeter ausgemacht. Seine Filme erzählen genau diese Suche nach einer neuen Sprache und Filmsprache. Und wir kommen aus der gleichen Zeit und haben uns getroffen, weil wir Interessen hatten, die uns verbanden.

Die Filme von Werner Schroeter sind sehr ästhetisch, sehr opernhaft. Entwickeln Sie beim Drehen eine Art Hingabe gegenüber diesen hochemotionalen Szenen, oder behalten Sie hinter der Kamera mehr die Form im Blick?

Mondo Lux 12

Zwei Dinge kommen da zusammen: Das ist zum einen die technische Ausführung, zum anderen sind es die Kostüme, die Ausstattung oder der Ort – all das reagiert miteinander. Dabei stehen die Darsteller und die Regiearbeit an erster Stelle. Und für mich hinter der Kamera gibt es eine ganz bestimmte Sprache, die wir sprechen, um das zu finden, was Werner Schroeter sich als Idee ausgedacht hat. Dafür sind zwei Kräfte ganz wichtig: Vertrauen und Freiheit. Dieses Vertrauen, dass mein Blick seinem entspricht und dass beide miteinander im Dialog stehen. Irgendwann ist dann ein Punkt der höchsten Konzentration erreicht. Diese Konzentration zu erleben, die Werner Schroeter am Drehort produziert, das ist für mich etwas ganz Erstaunliches gewesen. Wie er diesen Zauber herstellt, dass alles auf einen Punkt zusammenläuft und sich dann erfüllt.

Bringt er die Leute so auch dazu, über ihre Grenzen zu gehen? Es waren ja teilweise extreme Drehs?

Ich glaube, ohne diese Herausforderung und das Grenzüberschreitende geht es gar nicht. Das ist die Absicht eines Films. Oder zumindest der Filme, die Werner Schroeter macht. Das sind ja keine Berechnungen, keine statischen Produkte, sondern die leben ganz und gar vom jeweiligen Tag, von der Situation. Wenn ich an Der Rosenkönig denke, dann war das eine absolut existenzielle Situation, weil Magdalena Montezuma kurz vor ihrem Tod stand. Sie setzte noch alles ein, um diesen Film zu vollenden. Für das Team war das sicher eine große Herausforderung, das gemeinsam durchzustehen, denn es war auch mit Traurigkeit und Schmerz verbunden.

Was hat Werner Schroeter in diesen außerordentlichen Frauen wie Maria Callas, Magdalena Montezuma oder Isabelle Huppert gesehen? Ging es um Transzendenz, ums Schöne oder Göttliche im Menschen?

Mondo Lux 09

Es ist immer die Frage: Was suchen wir Menschen? Welchen Sinn? Und wie wollen wir den Sinn dann zeigen? Werner Schroeter geht nicht nach den Klischees, sondern er zeigt uns etwas, was wir wirklich entdecken können. Was ist hinter einem Gesicht wie dem von Magdalena Montezuma oder Isabelle Huppert in ihren Rollen zu entdecken? Das sind ganz ungewöhnliche Frauengestalten, und mit ihnen verbinden sich bestimmte Vorstellungen und Visionen vom Leben, die wir nur bei Werner Schroeter sehen können.

Wie kam es zu Mondo Lux?

Mondo Lux 10

Es begann mit der Inszenierung „Schönheit der Schatten“ zu Schumann und Heine, die Werner Schroeter in Düsseldorf gemacht hat und die wir aufgenommen haben. Und mit seinen Fotografien, die damals noch nicht veröffentlicht waren. Diese Fotos zeigen Freunde und Menschen, mit denen er gearbeitet hat: aus der frühen Zeit, aus späterer und aus letzter Zeit. Von ihm persönlich gibt es auch ein eindrucksvolles Bild in einem Hotel, wo er sich nackt selbst fotografiert hat. Diese Bilder sind lauter Türen in Geschichten. Mir war es dann ein Anliegen zu sagen: Können wir da nicht weitermachen? Und Werner Schroeter selbst hatte auch den großen Wunsch, dass wir daran arbeiten. Er hat mich immer gefragt: Wann treffen wir uns wieder, wann ist das nächste Gespräch für den Film?

Werner Schroeter ist während der Aufnahmen schon schwer krebskrank. Haben Sie vorher beschlossen, Sie drehen bis zu einem bestimmten Punkt mit ihm und danach nicht mehr?

Ich habe mich schon gefragt, wie groß seine Energien sind, um zusätzlich diese Gespräche zu führen oder sich Gedanken zu machen. Er hat ja ständig noch andere Projekte gehabt. Die Aufnahmen bekamen aber schließlich einen ganz eigenen Rhythmus, weil er selbst vorgab, wann wir uns treffen. Wir haben uns manchmal längere Zeit nicht gesehen, und dann war es wieder sehr eng. Das ging so lange, wie er konnte.

Ganz automatisch handelt Ihr Film auch vom Tod als ständigem Begleiter. Hat das Ihren Blick verändert?

Ich habe jetzt ein gewisses Alter erreicht, wo ich sage, dass mir das sehr nahe ist. Das Leben wird einfach kürzer. Und so wie Werner Schroeter seine letzten Monate gelebt hat, das ist für mich ein Maßstab. Das ist auch eine wunderbare Unterstützung in eigener Sache. Denn ich sehe diesen Freund, der sich verabschiedet. Und sehe diese Kraft und Energie und Unbedingtheit, noch seine Haltung zu bewahren. Da ist zwar der Schmerz, aber was er ständig noch als Energie transportierte, das ist ein Geschenk! Das zeigt mir viel vom Leben. Diese Energie, die das Leben selbst erhellt, ist sehr stark bei ihm gewesen.

Darum auch der Titel Mondo Lux?

Mondo Lux 01

Mondo Lux bezieht sich auf eine Einstellung aus seinem Film Goldflocken (Flocons d’or, 1976), bei dem er selbst die Kamera geführt hat. Diese Szene ist auch das Schlussbild in Mondo Lux. Darin ist Bulle Ogier, diese wundervolle Schauspielerin, zusammen mit Andréa Ferréol und Magdalena Montezuma in einem Raum. Bulle Ogier liegt auf einem Bett und hat ein unglaublich strahlendes Gesicht und einen strahlenden Körper, alles zerfließt im Licht. Die beiden anderen tanzen dazu einen letzten Tanz. Dieses Bild ist für mich Mondo Lux: Wo uns das Licht aufnimmt und wegträgt.

„Tage im Dämmer, Nächte im Rausch“ heißt Werner Schroeters Autobiografie ..

Und was ich schon gelesen habe, das berührt mich so sehr, weil es seine authentische Sprache ist. Die ist nicht forciert oder korrigiert, sondern sie erscheint mir so direkt – so kenne ich Werner Schroeter. Das ist ein sehr schönes Buch zum Entdecken: Es ist zu spüren, da ist jemand gewesen, der weiterwirkt. Das hört nicht mit seinem Tod auf.

Sie sprechen auch die meiste Zeit im Präsens von ihm.

Ja, mir ist so.

Es ist wunderbar, dass es kurz nach Werner Schroeters Tod Ihren Film gibt – und auch das Buch.

Das ist eine glückliche Fügung. Und ich glaube, Werner hat sie uns in gewisser Weise geschenkt. Mir ist das klar geworden, als ich den Film gemacht habe: dass es ein Geschenk ist, was er da noch geleistet hat in seinem wirklich schon sehr geschwächten Zustand. Trotzdem hat er immer wieder gesagt: Wir machen den Film! Und das ist etwas sehr Schönes.

Kommentare zu „„Diese Energie, die das Leben selbst erhellt““


el topo

wow






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.